Herta Müller beim „Stuttgarter Gespräch“ Was macht das Autoritäre so faszinierend?

Von  

Sie ist bekannt für ihre pointierten Stellungnahmen zu aktuellen Fragen: Die Schriftstellerin Herta Müller kommt zum „Stuttgarter Gespräch“ und spricht über „Die Faszination des Autoritären“. Interessierte können sich online anmelden.

Stuttgart - Wie genau steht die Literatur zur Wirklichkeit, zur Zeit? Jeder Autor, jeder Dichter dieser Welt muss darauf seine eigene Antwort finden. Und jedes Jahr ehrt das Schwedische Nobelpreiskomitee einen dieser Dichter beispielhaft mit dem Literaturnobelpreis. Im Jahr 2009 wurde Herta Müller so ausgezeichnet – als eine Autorin, die als Zeitzeugin von Geschichte und Politik dem großen Menschheitsthema Heimatlosigkeit Ausdruck verleihe. Nun können die Leser der Stuttgarter Zeitung selbst erleben, wie sich die Nobelpreisträgerin Herta Müller den Fragen der Zeit stellt – beim „Stuttgarter Gespräch“, einer gemeinsamen Veranstaltung der Stuttgarter Zeitung mit der Robert Bosch Stiftung, am 27. Februar um 19 Uhr im Haus der Wirtschaft.

„Die Faszination des Autoritären“ ist das Thema des Abends: An vielen Stellen Europas und der Welt haben sich Politiker und Parteien von den Idealen der bürgerlichen Demokratie und der Gewaltenteilung verabschiedet und können sich im Namen eines neuen Nationalismus auf die zum Teil begeisterte Zustimmung großer Bevölkerungsteile berufen. Was ist es, das viele Menschen fasziniert an Politikern nach dem Muster eines Putin, Erdogan oder Trump? Ist es die Sehnsucht, nach Jahren der Vielfalt und der Unübersichtlichkeit wieder scheinbar klare Worte und energische Rezepte wählen zu können? Wo bleiben dann aber diejenigen, die aus dem Raster der neuen Eindeutigkeit herausfallen, die festhalten an ihrem Recht auf abweichende Meinungen?

Müller war in ihrer Jugend gleich mehrfach ausgegrenzt

Die Schriftstellerin Herta Müller ist wie kaum eine zweite prädestiniert, darauf Antwort zu geben. Die 1953 in Nitchidorf geborene Müller war in ihrer Jugend gleich mehrfach ausgegrenzt – als Teil der deutschsprachigen Banater Schwaben in Rumänien, als Widerständige im Sozialismus, aber auch als kritische Stimme in der eigenen kulturellen Volksgruppe.

1987 konnte sie in die Bundesrepublik ausreisen, wo sie über die Jahre ein Werk geschaffen hat, das neben anderem aufzuzeigen versucht, wie die politischen Lügen totalitärer Systeme das Leben des Individuums angreifen und wie ein Krebsgeschwür zerfressen. Am bekanntesten ist in Deutschland zweifellos ihr Roman „Atemschaukel“ aus dem Jahr 2009, in dem sie in kunstvoll miteinander verschränkten Episoden den Überlebenskampf eines 17-jährigen jungen Siebenbürger Sachsen schildert, der 1945 nach der Niederlage gegen die Sowjetunion in ein Arbeitslager in der Ukraine verschleppt wird.

Müller nimmt sehr pointiert Stellung zu aktuellen Fragen

„Erlebtes verschwindet in der Zeit und taucht wieder auf in der Literatur“, hat Herta Müller bereits 2006 in einem Essay für die Stuttgarter Zeitung geschrieben. „Aber nie hab ich eins zu eins über Erlebtes geschrieben, sondern nur auf Umwegen. Dabei habe ich immer prüfen müssen, ob das unwirklich Erfundene sich das wirklich Geschehene vorstellen kann.“ So sehr aber ihr Erzählen von Umwegen, also von ungewohnten Bildern und von Brüchen lebt – in ihren zahlreichen Essays und Debattenbeiträgen zu aktuellen Fragen wählt Herta Müller meist sehr direkte und pointierte Stellungnahmen. Den russischen Präsidenten Putin beschrieb sie 2015 in einem Beitrag für die „Welt“ als einen „KGB-sozialisierten Diktator mit Personenkultallüren“, dessen Politik sie „krank“ mache. Solche Deutlichkeit provoziert im Gegenzug scharfe Angriffe auf Müller, was sie scheinbar völlig unbeeindruckt in Kauf nimmt.

Man kann sicher sein, dass Herta Müller auch beim „Stuttgarter Gespräch“ am 27. Februar mit StZ-Chefredakteur Joachim Dorfs und Maja Pflüger von der Robert Bosch Stiftung das klare Wort nicht scheuen wird. Und auch die Besucher der Veranstaltung werden ausreichend Gelegenheit haben, die Literaturnobelpreisträgerin nach ihrer Haltung zu Dichtung und Politik zu befragen. Noch immer klingt der Schlusssatz nach aus ihrer Vorlesung, die sie 2009 zur Nobelpreisverleihung in Stockholm gehalten hat: „Ich wünschte mir, ich könnte einen Satz sagen, für alle, denen man in Diktaturen alle Tage, bis heute, die Würde nimmt“.