Hess-Areal in Waiblingen Mit der Angelrute auf Reptilienfang

Von Annette Clauß 

Erst die Zauneidechsen, dann der Zukunftspark: Der Gemeinderat Waiblingen hat am Donnerstagabend den Weg für eine Bebauung des Hess-Areals frei gemacht. Bevor es auf dem ehemaligen Ziegeleigelände beim Bahnhof losgehen kann, müssen aber noch geschützte Zauneidechsen umgesiedelt werden. Wir haben die Umzugshelfer bei der Arbeit beobachtet.

Lenny Lachenmann verwendet für den Fang der Zauneidechsen eine Stipprute wie sie  beim Angeln zum Einsatz kommt. Foto: Gottfried Stoppel 5 Bilder
Lenny Lachenmann verwendet für den Fang der Zauneidechsen eine Stipprute wie sie beim Angeln zum Einsatz kommt. Foto: Gottfried Stoppel

Waiblingen - Herr Eidechs sitzt in einem prächtig hellgrün schillernden Gewand vor einem Mauseloch auf dem Hess-Areal in Waiblingen, sonnt sich und hält Ausschau nach hübschen Damen. Doch schon wenige Sekunden später ist es vorbei mit der Beschaulichkeit. Schwupps – plötzlich schwebt der Zauneidechsenmann durch die Luft und landet in Lenny Lachenmanns Handfläche. Vorsichtig entfernt Lachenmann die kleine Schlinge, die er mit einem geübten Handgriff und unter Zuhilfenahme einer Angelrute über den Körper des Reptils gestreift und dann ruckartig zugezogen hat.

„Der Begriff Schlingenfang hört sich brutal an, ist aber die schonendste Methode“, erklärt der Landschaftsarchitekt mit Faible für Amphibien, Reptilien und Fische. Auch Handfang wäre erlaubt, sagt Lenny Lachenmann, der für die Firma Baader Konzept arbeitet – aber die Chance, das Tier mit den Fingern zu erwischen, sei doch eher gering. Und die Gefahr, dass die Eidechse bei einer Berührung ihres Schwanzes einen Teil davon abwirft, groß. Andere Reptilien hätten noch ganz andere, unangenehme Strategien, um sich ihrer Feinde zu erwehren, berichtet der 25-Jährige: Ringelnattern beispielsweise sondern ein stark stinkendes Sekret ab.

Die Jungtiere sind nur wenige Zentimeter groß

Behutsam entfernt Lenny Lachenmann die dünne Schnur um den Bauch der Eidechse. Die sperrt das Maul weit auf. Vorsicht – Minidinosaurier! Doch Lenny Lachenmann ist nicht beeindruckt. „Zauneidechsen haben keine scharfen Zähne, sondern kleine Zahnplatten“, sagt er und befördert die Eidechse vorsichtig in eins der Baumwollsäckchen, von denen er mehrere in der Hosentasche verwahrt. Pro Tier ein Säckchen ist die Devise – zumindest für erwachsene Exemplare. Würde man die Herren in einem Terrarium zusammenpferchen, gäbe es wohl Streit.

Die im vergangenen Frühsommer geschlüpften Jungtiere, sogenannte Jährlinge, können hingegen gemeinsam in der Box sitzen, die neben einem Gebüsch auf dem Boden steht. Die Jährlinge sind gerade einmal sechs Zentimeter groß, weshalb sie leicht von den fast drei Mal so langen erwachsenen Tieren zu unterscheiden, aber schwieriger zu fangen sind.

Sechs Hektar großes Gelände

Lenny Lachenmann streift durch das Gelände, das von Erd- und Schotterhügeln geprägt ist. Die Gesamtfläche, die er und seine Kollegen absuchen müssen, beträgt sechs Hektar, 60 000 Quadratmeter, von denen aber nur rund zwei Hektar als Lebensraum für die Eidechsen geeignet sind. In manchen Bereichen dominiert die rotbraun gefärbte Erde, andere Stellen sind mit Brombeeren, Gras und Disteln bewachsen. Der 25-Jährige bewegt sich langsam und vorsichtig, bleibt immer wieder stehen und lässt den Blick schweifen. In einer Hand hält er die mit einer kleinen Schlinge präparierte Stipprute, wie sie auch von Anglern benutzt wird. Etwa hundert Meter weiter sind noch zwei Kollegen unterwegs. Mehr Fangpersonal mache keinen Sinn, erklärt Lachenmann: „Wenn zu viele Menschen unterwegs sind, kommen die Eidechsen erst gar nicht heraus.“

Eine sechs Zentimeter kleine Eidechse auf diesem Areal zu finden – ist das nicht die Suche nach der Nadel im Heuhaufen? Lenny Lachenmann grinst. Die Bedingungen seien an diesem milden Frühlingstag gut, sagt er dann. Die Sonne lockt die wechselwarmen Eidechsen ins Freie. Sind die Temperaturen sehr niedrig, dann bleiben die Tiere in ihren Verstecken, fahren Herzschlag und Stoffwechsel herunter und warten auf wärmere Zeiten. „Eidechsen brauchen um die 14 Grad Celsius, um aktiv zu sein“, erklärt der Fachmann. Große Hitze ist allerdings auch nicht ihr Ding – dann verziehen sie sich eine Etage tiefer in kühlere Gefilde, etwa in von Mäusen gegrabene Gänge. Die beste Zeit für Fangaktionen sei gegen 9, 10 Uhr, sagt der Landschaftsarchitekt: „Dann sind sie noch nicht so schnell.“

Umzug darf nicht zu spät sein

Gegen 15 Uhr ist Schluss mit dem Eidechsenfang – nun kommt der Umzug ins neue Revier. Der muss so früh über die Bühne gehen, dass die Reptilien genügend Zeit haben, ein Nachtquartier zu finden. „Wenn man sie zu spät aussetzt, werden sie an der Stelle kalt und bleiben sitzen. Das Risiko, dass ein Vogel oder Waschbär sie absammelt, ist dann hoch.“

Lenny Lachenmann und seine Kollegen bringen die Zauneidechsen in ihr neues Zuhause, auf den Finkenberg bei der Korber Höhe. Die einstige Erddeponie, auf der sich inzwischen die Jugendfarm angesiedelt hat, sei prädestiniert als Wohnort für Eidechsen, sagt Lachenmann und erklärt, wie das neue Zuhause aussehen muss: „Es muss Nahrung vorhanden und das Gelände muss bewachsen sein.“ Insekten und Weichtiere, Gras und Gebüsch als Unterschlupf – das hat der Finkenberg zu bieten. Und einen Untergrund, in dem die Tiere graben und Eier ablegen können.

Ob eine Umsiedlung erfolgreich ist, das steht und fällt mit der Qualität des neuen Habitats. Beim Finkenberg habe er ein gutes Gefühl und „definitiv keine Bauchschmerzen“, betont Lachenmann. Die Eidechsen verteilt er so auf der Fläche, dass es zu keinen Revierstreitigkeiten kommt: „Ein erwachsener Eidechsenmann hat einen Aktionsradius von rund 500 Metern.“ Und wann ist die Aktion endgültig abgeschlossen? Die gängige Bestimmung laute da: Wenn an drei Tagen kein Tier mehr gefangen worden ist, „dann hat man das Mögliche getan“.

Das Hess-Areal beim Bahnhof Waiblingen

Geschichte:
Die Ziegelei Hess hat vor rund zwölf Jahren die Produktion wegen mangelnder Rentabilität eingestellt und damit das Ende einer langen Unternehmensgeschichte besiegelt: Bereits von Ende der 1870er-Jahre an waren an diesem verkehrsgünstig gelegenen Standort beim Bahnhof Ziegel hergestellt worden.

Neubeginn:
Seit der Betriebsschließung wartet das Hess-Areal auf neue Nutzer. Die Helmut von Kügelgen-Schule, eine Waldorfschule in Fellbach, hatte Interesse bekundet, man konnte sich aber nicht auf einen Standort einigen. Nun will sich die Firma Daimler im geplanten „Zukunfts- und Technologiepark Hess“ ansiedeln, hinzukommen sollen Gewerbe- und Dienstleister sowie Firmen aus dem Kreativ- und Forschungsbereich. Der Gemeinderat hat dem zugestimmt.

Naturschutz:
Das Büro Baader Konzept hat das Gelände im Hinblick auf den Artenschutz unter die Lupe genommen und unter anderem besonders geschützte Zauneidechsen entdeckt. Diese müssen vor einer Bebauung eingesammelt und umgesiedelt werden.