Hilfe für Obdachlose in Stuttgart Kältebus bringt Wärme in die Nacht

Von Eva Funke 

Der Winter schlägt jetzt doch noch zu: Die Temperaturen sollen auf minus zehn Grad fallen. Der DRK-Kältbus fährt die Schlafplätze der Menschen an, die trotzdem im Freien übernachten.

In der Passage beim Hindenburgbau übernachten etwa ein dutzend Südosteuropäer – zum Teil zu zweit in einem Schlafsack.  Wegen einer Tasse Tee wecken  die Helfer  sie nicht. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
In der Passage beim Hindenburgbau übernachten etwa ein dutzend Südosteuropäer – zum Teil zu zweit in einem Schlafsack. Wegen einer Tasse Tee wecken die Helfer sie nicht. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Das Thermometer zeigt minus zwei Grad an. Null Grad ist die Marke, bei der Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes seine ehrenamtlichen Mitarbeiter alarmiert. Denn dann kommt der Kältebus zum Einsatz. In dieser Nacht sind Rettungssanitäter Jann Boomgaarden (25)und Paula Ott (21) mit dem Bus unterwegs: Geladen haben sie drei Liter Tee, Schoko-Riegel, Hundefutter, Isomatten, Schlafsäcke und warme Kleidung. Um 22 Uhr starten sie, fahren die Schlafplätze der Obdachlosen in Stuttgart an. Die Marke für den Einsatz des Busses wurde vom Sozialamt zum Jahreswechsel von minus fünf auf null Grad angehoben. „Das ist ein zusätzlicher Sicherheitsaspekt. Kein Mensch darf erfrieren“, sagt Sozialamtsleiter Stefan Spatz.

Die Busroute steht fest: vom DRK-Gebäude der Reitzensteinstraße über Bad Cannstatt und den Wasen zum Kräherwald und in die Innenstadt. In dieser Nacht wird eine neue Station angefahren: „Ein Anwohner hat uns per Notruf informiert, dass beim Berger Festplatz ein Obdachloser campiert.“ Obwohl die Helfer den Platz mit Taschenlampen abgehen, entdecken sie den Mann nicht. „Vermutlich hat er sich einen anderen Schlafplatz gesucht“, sagt Boomgaarden. Auch im Cannstatter Bahnhof und auf dem Wasen ist niemand. „Am Cannstatter Bahnhof haben Kollegen vor Kurzem gleich mehrere Männer angetroffen“, sagt Ott. Diesmal ist dort nur eine Frau mit Tüten unterwegs. Ob sie einen Schlafplatz sucht, ist unklar. Sie zeigt den Helfern den Vogel.

Bei der nächsten Station, am Kräherwald, wartet auf das Kältebus-Duo ein alter Bekannter: „Der hat dort seit Jahren sein Zelt aufgeschlagen. Aber von uns hat ihn noch keiner gesehen. Er streckt immer nur seine Hand unter der Plane vor“, sagt Ott. So ist es auch dieses Mal: Nach etwa 300 Metern Fußmarsch taucht am Rand des Waldwegs eine blaue Zeltplane im Licht der Taschenlampen auf. „Geht es Ihnen gut? Brauchen Sie Hilfe?“, fragt Ott. Der Mann, der zwischen 60 und 70 sein muss, steckt eine magere Hand raus, nimmt Tee und die Schoko-Riegel, sonst will er nichts. Warum er bei der Kälte nicht in der Notunterkunft in der Hauptstätter- oder Villastraße übernachtet? Von den insgesamt rund 100 Betten dort sind noch 33 frei. „Ich hab doch alles: einen Schlafsack, warme Decken. Mehr brauch ich nicht“, sagt der Mann ohne unter der Plane vorzugucken. „Er wird auch von Anwohnern mit Lebensmitteln versorgt“, weiß Ott.

Eine Flasche Wein, abgepacktes Brot im Beutel und Zigaretten: In der Theodor-Heuss-Straße haben sich der seit acht Jahren auf der Straße lebende Mischa (62) und Peter (39) neben einem Abluftschacht, aus dem warme Luft strömt, für die Nacht eingerichtet. Auch sie wollen keine Kleidung oder Schlafsäcke, nehmen aber Tee und Schokolade: „Es gibt keine zu kalten Nächte, nur falsche Kleidung“, stellt Mischa fest. Er gehört wie der Mann im Kräherwald zu den 50 bis 80 Wohnsitzlosen in Stuttgart, von denen Sozialamtsleiter Stefan Spatz sagt, dass sie nicht in einem Wohnquartier übernachten wollen oder können. Dazu gehört auch ein 46-Jähriger, der zehn Jahre abwechselnd im Gefängnis und auf der Straße verbracht hat. Er will kein Zimmer mit anderen teilen. „Ich brauche meine Ruhe. Die hab ich hier in der Klett-Passage“, sagt er. Nicht im Heim übernachten können Menschen mit Hund, denn die sind dort grundsätzlich verboten. In dieser Nacht treffen die Helfer jedoch niemanden mit Hund.

Das Kältbus-Team weiß genau, wo die Wohnsitzlosen ihre nachtlager aufschlagen

Unter Treppen, in Passagen, Unterführungen, den Vorräumen von Banken: das Kältebus-Team weiß genau, wo die Nachtquartiere der Wohnsitzlosen sind. Beim Hindenburgbau gegenüber vom Hauptbahnhof lagern ein gutes Dutzend Südosteuropäer. Da alle schlafen, sprechen Ott und Boomgaarden sie nicht an. „Wer bei der Kälte endlich eingeschlafen ist, hat es nicht gern, wenn er wegen einer Tasse Tee geweckt wird“, weiß der 25-Jährige. Wären sie noch wach, würden er und Ott auch Schlafsäcke , Isomatten und Kleidung los. Die beiden kennen die Gruppe bereits. „Immer, wenn wir kommen, brauchen sie das alles wieder.“Ob die Gruppe die Sachen verkauft? Die Vermutung liegt nah.

Gegen 2 Uhr morgens bricht der Kältebus seine Tour ab. 31 Kilometer haben Boomgaarden und Ott zurückgelegt und zwei Dutzend Wohnsitzlose angetroffen. Zurück in der Reitzensteinstraße schreiben sie noch Protokoll, listen fürs nächste Teams auf, wie viele sie wo angetroffen und was sie verteilt haben. Auch in den kommenden Nächten wird der Kältebus wieder von 22 bis 2 Uhr unterwegs sein, und mit heißem Tee, Schokolade und warmer Kleidung für die Wohnsitzlosen ein bisschen Wärme in die kalten Nächte bringen. Die werden mit minus zehn Grad noch viel kälter als diese Nacht.

Übrigens: Wer einen Obdachlosen in einer Notlage entdeckt, kann die Notrufnummer 112 wählen. Wer Obdachlose sieht, die draußen nächtigen, kann die Kältebus-Hotline unter der Nummer 07 11/ 21 95 47 76 anrufen.




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