Hochschule in Nürtingen Was Pferde den Menschen alles abschauen

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Wie erfindungsreich sind Pferde? Diese Frage haben sich Studentinnen an der Nürtinger Hochschule gestellt. In einem Experiment haben sie gezeigt, dass manche Tiere menschliches Verhalten beobachten und nachahmen – eine neue Erkenntnis.

Konstanze Krüger erforscht das Verhalten von Pferden.  Die Professorin hat eine umfassende Sicht auf die Tiere. Foto: Horst Rudel
Konstanze Krüger erforscht das Verhalten von Pferden. Die Professorin hat eine umfassende Sicht auf die Tiere. Foto: Horst Rudel

Nürtingen - Können Pferde das Verhalten von Menschen kopieren? Das ist die spannende Frage gewesen, die sich Studentinnen des Studiengangs Pferdewirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) gestellt haben. Die Versuchsergebnisse, die nun im renommierten Wissenschafts-Journal „Animal Cognition“ veröffentlicht worden sind, zeigen, dass Pferde sehr wohl beobachten. Pferd ist aber nicht gleich Pferd – es gibt deutliche Intelligenzunterschiede.

Manche Pferde öffnen die Box mit dem Huf oder Maul

Für die Experimente arbeitete die Gruppe mit einer Futterkiste, die sich per Schalter elektronisch öffnen ließ. Die Studentinnen machten den Tieren mit verschiedenen Körperhaltungen vor, wie sich die Leckerli-Box öffnen ließ – mit der Hand, dem Kopf oder dem Fuß. Von Interesse war nun, ob die Pferde die beobachtete Aktion nachmachen oder eventuell eine eigene Methode entwickeln würden.

„Es hat sich zum einen herausgestellt, dass viel mehr Pferde erfolgreich waren, die zuvor die Demo-Studentinnen beobachtet hatten, als die Gruppe von Vergleichspferden“, so die Projektleiterin Konstanze Krüger. Laut der Professorin für Pferdehaltung haben die meisten Tiere zwar eine eigene, zufällige Vorgehensweise an den Tag gelegt. Die Studie brachte aber auch ans Licht, dass einige wenige Pferde beim Öffnen der Box exakt das menschliche Verhalten kopierten, indem sie mit dem Maul oder mit dem Huf den Schalter betätigten. Dieser wissenschaftliche Nachweis einer genauen Kopie menschlichen Verhaltens durch Pferde ist neu.

Corado II benutzt einen Stock als Werkzeug

„Wir haben da ein paar Schlauberger, die mental fitter sind als andere Pferde“, sagt Konstanze Krüger. Die Unterschiede ließen sich nicht an Rassen festmachen, vielmehr seien es einzelne Pferde, die sich von der Masse abheben. Warum manche Pferde cleverer sind als andere, ist bisher aber noch nicht erklärbar.

Bei der Auswahl der Probanden ist das Forscherteam auf private Pferdebesitzer zugegangen. Denn die Tiere sollten unter Alltagsbedingungen in ihrem gewohnten Umfeld getestet werden. Diesen Ansatz verfolgt Konstanze Krüger auch bei ihrem wissenschaftlichen Vorhaben „innovatives Verhalten bei Pferden“, zu dem es eine eigene Homepage im Internet gibt. „Ihr Pferd kann etwas, was andere Pferde nicht können?“ – angesprochen sind im Rahmen dieses Projekts Pferdehalter, deren Schützlinge etwa Türen oder Gatter öffnen oder ein für die Spezies untypisches Verhalten zeigen, etwa indem sie Werkzeuge verwenden. Der Wallach Corado II beispielsweise schiebt mit einem Stock aus dem Spalt unter seiner Futterkrippe Heureste heraus. Sein Stallkumpan, das Maultier Otello, verscheuchte Corado zunächst und fraß das Futter selbst. Erst als Corado krank und einige Zeit abwesend war, lernte Otello dazu. Seitdem verwenden beide täglich Stöcke, um Futter unter der Krippe hervorzuschieben.

Pferde haben eine hohe soziale Kompetenz

Die Studentinnen Kira Bernauer und Aurelia Schütz, die an dem Futterkisten-Versuch beteiligt waren, haben ihren Bachelor of Science Pferdewirtschaft nun in der Tasche. Doch gibt es auf diesem Gebiet der Pferde-Wissenschaft noch vieles zu entdecken. Ein Teil der Forschungsarbeit wird an der HfWU mit dem Lehr- und Versuchsgut Jungborn geleistet. Bundesweit gibt es nur fünf Studiengänge für Pferdewirtschaft – einer davon in Nürtingen mit rund 150 Studierenden.

Das Interesse von Konstanze Krüger gilt unter anderem der sozialen Kompetenz von Pferden. „In Pferdegruppen gibt es regelrechte Streitschlichter, welche die Streitigkeiten Dritter unterbrechen und somit besondere soziale Kompetenz zeigen“, so die 51-Jährige. Eine umfassende Sicht auf das Pferd ist ihr Ziel. Dies sei auch die Basis dafür, die Tiere entsprechend ihrer Bedürfnisse zu halten und ein harmonisches Miteinander zwischen Mensch und Pferd zu gewährleisten.