Das Zahnradbahngespräch mit Prominenten aus dem Sport: auf dem Weg nach oben erzählen sie von ihren Karrierehöhepunkten, auf dem Weg nach unten von Tiefpunkten. Diesmal: Die zwölffache Paralympics-Siegerin Verena Bentele.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Peter Stolterfoht (sto)

Stuttgart - Verena Bentele hat keine Berührungsängste. „Ich hänge mich einfach bei Ihnen ein“, sagt die gleich sympathisch und selbstbewusst wirkende 31-Jährige. Verena Bentele darf auch keine Berührungsängste haben. Sie ist von Geburt an blind und immer wieder dazu gezwungen, fremde Unterstützung in Anspruch zu nehmen: „Das kann ziemlich anstrengend und nervig sein, wenn man zum Beispiel blöd in einem Supermarkt rumsteht und warten muss, bis einem jemand zeigt, wo die Milch ist.“

Gerade ist sie angekommen. Jetzt steht Verena Bentele ganz entspannt an Gleis 14 des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Danach wird es in der Zahnradbahn weitergehen, wo die erfolgreiche Behindertensportlerin über die Höhe- und Tiefpunkte ihrer 2011 beendeten Karriere Auskunft geben soll. Doch jetzt geht es erst einmal mit dem Auto  zum Marienplatz. Sitzt da vielleicht die künftige bayerische Kultusministerin neben einem? „Mei“, sagt Verena Bentele, der die letzten zehn in München verbrachten Jahre anzuhören sind. „Mei, ich bin ganz sicher nicht in die Politik gegangen, um irgendeinen Posten zu übernehmen und Karriere zu machen.“ Sie ist SPD-Parteimitglied und wurde vom Horst-Seehofer-Herausforderer Christian Ude in ein Expertenteam berufen, in dem viele ein Schattenkabinett vor der Landtagswahl im September erkennen.

Jedenfalls berät die Germanistin und Pädagogin im Moment den Münchner Oberbürgermeister und möglichen bayerischen Ministerpräsidenten in den Bereichen Sport, Schule und Inklusion. „Mir macht es einfach Spaß, mich zu engagieren“, sagt die im oberschwäbischen Hinterland des Bodensees aufgewachsene Verena Bentele, „diese Eigenschaft habe ich von meinen Eltern.“ Die Mutter und der Vater bewirtschaften einen Biobauernhof in Wellmutsweiler und sind dort in der Kirchengemeinde aktiv. In der Nähe von Tettnang ist sie behütet aufgewachsen, zusammen mit zwei älteren Brüdern, der eine sehend, der andere ebenfalls blind.

SPD-Politiker Ude bekommt von Bentele Kontra

Und dann erzählt Verena Bentele von ihrer ersten Begegnung mit Christian Ude: „2010 hat er mir den Goldenen Ehrenring der Stadt München verliehen. Ich habe ihm dann gesagt, dass er der einzige Mann ist, der mir je einen Ring überstreifen darf.“ Das habe sie einfach so im Spaß dahingesagt. „Meine Eltern, die bei der Verleihung dabei waren, fanden diese Bemerkung unpassend“, erinnert sich Verena Bentele. Christian Ude aber sprang darauf an und holte sich die junge schlagfertige Frau, die sich wenig um Parteiräson schert, ins Team. Seitdem bekommt Christian Ude auch mal Kontra – wenn es zum Beispiel um die dritte Startbahn am Münchner Flughafen geht, die der Chef befürwortet und seine Beraterin ablehnt. Für Verena Bentele gibt es überhaupt keinen Grund, die grünen Wurzeln ihrer Familie zu verleugnen.

Ihr Beruf als Personaltrainerin macht sie unabhängig. Gerade kommt Verena Bentele von einem Termin bei der Ulmer IHK. Die Leitmotive ihrer Vorträge – egal ob vor Managern oder Schülern – sind die Begriffe Vertrauen und Zusammenhalt. Und es geht darum, Ängste zu überwinden. Verena Bentele weiß, wovon sie spricht.

„Sie führen mich nicht so ängstlich wie viele andere Leute, das ist gut “, sagt Verena Bentele, als es über den Marienplatz geht. „Der sieht wahrscheinlich anders aus als der Marienplatz in München“, sagt sie und spricht dann über Bilder, die im Kopf entstehen; über Kino- und Konzertbesuche und über das, was sie genau beschrieben bekommen will. „Nur Highlights“, sagt Verena Bentele, „zum Beispiel im Fitness-Studio, wo ja teilweise die skurrilsten Typen rumlaufen. Eine Freundin liefert mir wirklich tolle Beschreibungen von absurden Outfits über Muskelbergen.“ Sie selbst hat neuerdings eine Stilberaterin, um modisch auf der sicheren Seite zu sein.

Winterspiele in Vancouver sind Benteles Karrierehöhepunkt

Jetzt aber schnell rein in die Zahnradbahn, es soll in diesem Gespräch ja noch um den Sport gehen und um eine große Karriere natürlich auch. Die erste Haltestelle an der Liststraße ist noch nicht erreicht, aber Verena Bentele ist schon ganz oben angekommen – bei den Paralympischen Winterspielen 2010 in Vancouver, dem Höhepunkt ihrer sportlichen Laufbahn. Es sind nicht allein die insgesamt fünf Goldmedaillen im Skilanglauf und Biathlon, die diese Spiele zu ganz besonderen für sie machen. Es ist auch die Herzlichkeit und Begeisterungsfähigkeit des kanadischen Publikums, die Vancouver etwas Einzigartiges geben. „Hier wurde mir die Entwicklung des Behindertensports verdeutlicht“, sagt Verena Bentele. Zwölf Jahre zuvor hatte sie in Nagano erstmals an Paralympics teilgenommen und Biathlongold gewonnen. „Damals musste ich meinen Vater anrufen und ihm das Rennen schildern, im Fernsehen fanden die Paralympics noch nicht statt“, erzählt Verena Bentele von ihren Anfängen. „Mittlerweile sind wir in allen Medien vertreten, auch in der ‚Tagesschau‘ werden alle deutschen Medaillen vermeldet“, sagt die Botschafterin der Christoffel-Blindenmission, deren Wintersportkarriere einst im Internat im Schwarzwald begann.

Aber nicht nur ihr Sport, auch Verena Bentele selbst hat sich entwickelt. „Am Anfang war ich ein alberner Teenie, der noch am Abend vor dem Wettkampf gefeiert hat, ich bin erst später professionell geworden.“ Und im Lauf der Zeit ist aus Verena Bentele, die 2010 den Bambi-Fernsehpreis erhalten hat, eine Perfektionistin geworden. „Auch bei meinen Vorträgen erwarte ich jetzt sehr viel von mir und bin selbst dann nicht rundum zufrieden, wenn ich gelobt werde.“

Der höchste Punkt der Zahnradbahnstrecke ist gleich erreicht, höchste Zeit, ein noch einmal rund 5400 Meter höher gelegenes Thema anzusprechen. Verena Benteles Besteigung des Kilimandscharo im März. „Solche Abenteuer brauche ich“, sagt sie, „mir wird es sonst ganz schnell langweilig.“

„Wenn Du blind bist, wird dir täglich gesagt, was du nicht kannst“

Im Moment bereitet sie sich auf den 560 Kilometer langen Radmarathon von Trondheim nach Oslo vor, den sie mit einem Freund auf dem Tandem in Angriff nimmt. „Wenn du blind bist, wird dir täglich gesagt, was du nicht kannst. Das ist wahrscheinlich meine Reaktion darauf – Grenzen ausloten, den Kick bekommen.“

Und jetzt geht’s bergab – zurück in Richtung Marienplatz und auch zurück ins Jahr 2009, als Verena Bentele ihren Tiefpunkt erlebte. Bei den Deutschen Meisterschaften in Nesselwang passiert es. Ihr Begleitläufer macht eine falsche Links-rechts-Ansage mit schweren Folgen. Verena Bentele stürzt einen Abhang hinunter und zieht sich einen Kreuzbandriss zu. Außerdem werden die Leber und eine Niere stark in Mitleidenschaft gezogen. Und dazu war das blinde Vertrauen in ihren Begleitläufer unwiderruflich verloren.

Aber bald kehrte der Ehrgeiz zurück. „Ich wollte ja nicht mit einem Sturz aufhören“, sagt Verena Bentele, die auch wieder Vertrauen fasste: in ihren neuen Begleitläufer Thomas Friedrich, der zuvor ein Team mit ihrem Bruder Michael gebildet hatte. Die besondere Bedeutung der Paralympics in Vancouver hat auch etwas mit dieser Geschichte ein Jahr zuvor zu tun.

Endstation Marienplatz, aussteigen und zurück zum Hauptbahnhof. Verena Bentele will noch ihre Eltern besuchen. Und dann sagt sie Sätze, die man von einem Fußballprofi in vielen Jahren und vielen Gesprächen noch nie zu hören bekommen hat: „Jetzt hab ich aber wirklich genug geredet, jetzt müssen Sie auch ein bisschen von sich erzählen. Ich möchte Sie schließlich auch noch kennenlernen.“

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