Hospiz-Neubau in Backnang Zwei Kommunen geben nix fürs neue Hospiz

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Der Hospiz-Neubau auf dem ehemaligen Krankenhausareal in Backnang kostet rund 4,5 Millionen Euro. An diesem Freitag findet ein Festakt statt, Ende April ein Tag der offenen Tür. Der Landesverband warnt vor einem Überangebot.

Der Macher aus der Murrstadt: Heinz Franke vor dem neuen Hospiz auf dem ehemaligen Klinikareal in Backnang, das Anfang Mai bezogen werden soll Foto: Gottfried Stoppel
Der Macher aus der Murrstadt: Heinz Franke vor dem neuen Hospiz auf dem ehemaligen Klinikareal in Backnang, das Anfang Mai bezogen werden soll Foto: Gottfried Stoppel

Backnang - Ohne Heinz Franke gäbe es in Backnang sicherlich kein Hospiz. Nicht das alte im Krankenhausweg und schon gleich gar nicht das neue auf dem ehemaligen Klinikareal. Frank ist der geschäftsführende Vorstand der Hospizstiftung Rems-Murr. Er ist längst Rentner, eigentlich. Seit er aus dem bezahlten Arbeitsleben ausgeschieden sei, habe er endlich einen Achtstundentag, sagt er mit einem Augenzwinkern an diesem trüben Tag im April während einer Stippvisite auf der Baustelle des neuen Hospizes.

Bis vor ein paar Jahren hat er den ehrenamtlichen Job bei der Stiftung quasi nebenbei erledigt. Franke war Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands. Zu seinen weiteren zeitaufwendigen Ehrenämtern gehören unter anderem der Vorstand des Backnanger Vereins Kinder- und Jugendhilfe, der rund 110 Mitarbeiter beschäftigt. Der gebürtige Backnanger ist aber auch noch Stadt- und Kreisrat.

Welche zwei Kommunen ducken sich weg?

Zurzeit verbringt der umtriebige Macher aus der Murrstadt viel Zeit mit dem Hospizneubau. Immer wieder schaut er auf der Baustelle vorbei. Der Zeitplan, sagt er, werde eingehalten. An diesem Freitag, 12. April, findet im Backnanger Bürgerhaus ein Festakt zur Hospizeröffnung statt. Für Samstag, 27. April, ist ein Tag der offenen Tür im Neubau angesetzt. Anfang Mai sollen die Gäste und die Mitarbeiten den Neubau beziehen, der rund 4,5 Millionen Euro kostet. 3,5 Millionen davon seien beisammen, sagt Franke: „Eigenmittel, Spenden und in Aussicht gestellte Spenden“. Eine Million Euro müsse die Stiftung über Kredite finanzieren.

Die Stiftung hatte bei allen Städten und Gemeinden im Landkreis angefragt, ob sie sich freiwillig an der Finanzierung beteiligen möchten – einen Anspruch auf öffentliche Gelder gebe es nicht. Alle bis auf zwei Rems-Murr-Kommunen hätte zugesagt einen Zuschuss zu geben, manche hätten den Betrag großzügig aufgerundet. Backnang bezahle sogar 100 000 Euro. Welche zwei Kommunen ducken sich weg? Diese Frage will Franke (noch) nicht beantworten. Er werde „niemanden an den Pranger stellen“, sagt er – und grinst. Aber er werde demnächst bekannt geben, welche Städte und Gemeinden Gelder geben haben für das neue Hospiz, in dem todkranke Männer und Frauen aus dem gesamten Kreisgebiet gepflegt und begleitet werden.

31 Hospize in Baden-Württemberg

In dem Neubau werden alle Dienste der Stiftung gebündelt, auch der ambulante Hospizdienst und der Kinderhospizdienst. Das neue Haus hat zwölf Einzelzimmer, „alle mit bodentiefen Fenstern in Richtung Süden“, erklärt Franke während seiner Stippvisite auf der Baustelle. Die Bewohner könnten, auch wenn sie im Bett liegen müssten, ins Freie blicken.

Der Neubau sei notwendig geworden, weil die acht Plätze im alten Hospiz nicht mehr ausreichten. Die Warteliste – im Hospiz wird von der Vormerkliste gesprochen – ist mitunter lang. Es komme vor, dass Aufnahmeanfragen abgelehnt werden müssen, das seien dann oft „schwierige Situationen“. Franke: „Wir wollen aber unbedingt den familiären Charakter erhalten.“ Kein Hospiz im Land habe mehr als zwölf Betten. Das neue Haus in Backnang verfügt zudem unter anderem über großzügige Wohnzimmer, einen Raum der Stille und einen Kreativraum für Kinder.

In der Region Stuttgart gibt es laut Franke sieben stationäre Hospize, außer jenem in Backnang jeweils eins in Bietigheim, in Leonberg, in Esslingen, in Göppingen sowie zwei in Stuttgart. Die Region, sagt Franke, sei „relativ gut versorgt“. Langfristig, so der Verwaltungswirt und Sozialarbeiter, sei es aber gut möglich, dass weitere Plätze benötigt werden, denn die Zahl der älteren Menschen steige.

Ute Epple vom Hospiz- und Palliativ-Verband Baden-Württemberg erklärt auf Anfrage, „es müsse vor einem Überangebot gewarnt werden“. Bereits 2014 hieß es in der Hospiz- und Palliativkonzeption Baden-Württemberg die damals 26 Hospize im Land seien ausreichend. Mittlerweile gebe es 31 Hospize im Land. Weitere Häuser würden geplant. „Wir wissen von Sigmaringen, Münsingen, Stuttgart und Böblingen.“ Aktuell hätten die Hospize im Land indes keine Probleme mit der Belegung ihrer Plätze, anders als in Nordrhein-Westfalen. Epple: „Ich denke im Zusammenhang mit der Eröffnung des Backnanger Hospizes braucht man sich keine Sorgen zu machen.“

Hospizstiftung plant Pilotprojekt

Das neue Hospiz in der Murrstadt wird jetzt bezogen, doch Heinz Franke dürfte die Arbeit nicht so bald ausgehen. Er stellt sich Ende Mai als Stadt- und Kreisrat für die SPD zur Wiederwahl, und er hat schon das nächste Projekt ausgeknobelt. Die Hospizstiftung hat den Neubau um eine zusätzliche Etage aufgestockt – auf eigenes finanzielles Risiko. Im diesem Stockwerk sollen zehn Zimmer für Menschen geschaffen werden, die zwischen den bestehenden Angeboten – dem Hospiz und den Palliativstationen in den Krankenhäusern – verloren zu gehen drohen. Bis dato, sagt Franke, kämen diese Patienten oft in Pflegeheimen unter, und zwar mehr schlecht als recht. Sie bräuchten nämlich mehr Betreuung als in einem gewöhnlichen Heim, es seien mehr Mitarbeiter erforderlich.

Wirklich ausgebaut werden solle die zusätzliche Etage erst, wenn die Krankenkassen Zusagen zur Kostenübernahme machten. Franke spricht mit Blick auf dieses Vorhaben von einem weit und breit einmaligen Pilotprojekt. Die Verhandlungen mit den Kostenträgern könnten dauern. Aber Heinz Franke hat ja schon oft bewiesen, dass er über Stehvermögen verfügt.