Hundekalender aus Baden-Württemberg Models auf vier Pfoten – Wie eine Tierfreundin Auslandshunden hilft

Hündin Ruby ist das Cover-Model für den „Schnauze an Schnauze“-Kalender 2021. Foto: Anna Gastel/„RoccoLens“ 14 Bilder
Hündin Ruby ist das Cover-Model für den „Schnauze an Schnauze“-Kalender 2021. Foto: Anna Gastel/„RoccoLens“

Sie kommen aus Rumänien, Spanien und Ungarn, sind hinter Gittern aufgewachsen oder an einer kurzen Kette – die Hunde im Kalender des Projekts „Schnauze an Schnauze“ haben viel durchgemacht. Als Models helfen sie jetzt ihren Artgenossen.

Digital Unit: Lena Hummel (len)
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Burladingen - Mit ihren bernsteinfarbenen Augen blickt Ruby direkt in die Linse der Kamera. Ihre langen Beine sind durchgestreckt, ebenso wie der Rücken der schwarz-braun-weißen Hündin. Sie wirkt selbstbewusst. Das ist nicht selbstverständlich. Denn Ruby, die früher mal Mimmi hieß, wurde in einer Tötungsstation nahe der rumänischen Hauptstadt Bukarest geboren. In solchen Einrichtungen, auch als öffentliche Shelter bekannt, tummelt sich alles, was auf den Straßen Rumäniens von Hundefängern eingefangen wird.

Viele Tiere sterben dort – weil sie umgebracht werden oder an den schlechten Lebensbedingungen verenden. Wer überlebt, führt ein klägliches Dasein. Aber manche haben auch Glück, und Ruby gehört dazu. Die heute drei Jahre alte Hündin landete im Alter von vier Monaten auf der Internetseite des Tierschutzvereins Tierengel-Grenzenlos. Dessen Ziel ist es, geschundenen Seelen aus Rumänien für immer ein liebevolles Zuhause zu vermitteln. Bei Ruby hat das geklappt. Sie lebt jetzt bei einer Familie aus Baden-Württemberg – und schmückt das Titelbild des „Schnauze an Schnauze“-Kalenders für das Jahr 2021.

Projekt beginnt mit Justin

Angelika Daiber aus Burladingen im Zollernalbkreis ist Kopf des Projekts. Jedes Jahr bringt die 47-Jährige mithilfe ehrenamtlicher Fotografen einen Kalender heraus. Die Erlöse spendet sie an den Verein K9 Friends, der sich der Rettung der Straßenhunde im rumänischen Targu Jiu verschrieben hat. Aber wie kam es dazu?

Angefangen hat alles vor knapp sechs Jahren. Daiber hatte sich entschieden über K9 Friends einen Pflegehund aufzunehmen, bis dieser bei seiner neuen Familie einziehen konnte. Eigentlich war alles in trockenen Tüchern, die Familie war schon gefunden, der Transport organisiert – doch zwei Tage vorher sprangen die Interessenten ab. Die Tierfreundin nahm den Hund trotzdem bei sich auf – „und was dann kam, überstieg all meine Erwartungen“, sagt Daiber.

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Was genau sie damit meint, kann die Frau nicht richtig in Worte fassen, das betont sie immer wieder. Der Hund sei traumatisiert gewesen, hätte an einem Tag Fortschritte gemacht und sie am nächsten wieder vergessen, versucht sie zu erklären. Kein Wunder: Justin – so heißt der graue, etwa 65 Zentimeter große und 50 Kilogramm schwere Hütehund-Mix – lebte bis zu seiner Adoption im öffentlichen Shelter von Targu Jiu. Die Zustände dort sind schlimm, es gebe sogar Bilder, die den kleinen Justin neben seinem toten Brüderchen zeigten, sagt Daiber.

Kalender erscheint zum sechsten Mal

Der heute so stattliche Rüde sei jedenfalls der Grund gewesen, warum es den Kalender gebe – und warum das Geld gerade an diesen Verein ginge. „Ich konnte den Satz ‚Ich würde ja helfen, wenn ich könnte‘ einfach nicht mehr hören“, so Daiber. Beim Spazierenlaufen kam ihr dann die zündende Idee: „Ich habe immer wieder Menschen mit Hunden aus dem Tierschutz getroffen, die die vielfältigsten Geschichten zu erzählen hatten“, erinnert sich die Tierfreundin und ergänzt: „Da habe ich mich gefragt, warum nicht einfach die Geschichten mit Bildern kombinieren, einen Kalender entwerfen und verkaufen und den Erlös spenden?“

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Die Skeptiker in ihrem Umfeld hätten Daiber für diesen Einfall ausgelacht. Sie werde weder einen Fotografen finden noch einen einzigen Kalender verkaufen, hätten sie gemutmaßt. Die Burladingerin bewies das Gegenteil: Zeitweise waren fünf Fotografen gleichzeitig im Einsatz, für das kommende Jahr ist inzwischen der sechste Kalender in Folge erschienen.

Models kommen meist selbst aus dem Tierschutz

Neben Ruby, die das Cover schmückt, ist da Rantanplan, benannt nach dem treuen Begleiter von Lucky Luke. Der etwa vier Jahre alte Rüde durfte für den Monat Mai vor die Kamera. Im Welpenalter zog er aus einem ungarischen Tierheim aus und vorübergehend in die Villa Hundebunt im Zollernalbkreis ein, bis er bei einem jungen Paar aus Truchtelfingen sein Zuhause fand. Und dann ist da noch Dezember-Modell Merlin aus Bulgarien. Als Welpe wurde er im Freien an einer sehr kurzen Leine gehalten, bis ihn eine Tierschützerin rettete. Im Alter von vier Monaten kam er in eine Pflegestelle in Murrhardt (Rems-Murr-Kreis), jetzt lebt der braun-weiße Rüde mit Artgenossin Luna und seiner Familie in einem Haus mit Garten in Meßstetten.

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Eigentlich kommen die Models immer aus dem Tierschutz, doch in diesem Jahr gibt es wenige Ausnahmen. Maylo ist beispielsweise so eine. Vor 15 Jahren wurde er im Internet als Chihuahua-Yorkshire-Mischling verkauft und entpuppte sich als prächtiger Schäferhund-Collie-Mischling. Frieren und hungern musste er nie. Weil sich sein Frauchen aber immer für solche Hunde einsetzte, hat sich der im Januar verstorbene Maylo seinen Platz im Kalender verdient. Auch Rocco ist eine Ausnahme. Er gehört zu Fotografin Anna Gastel aus Balingen – und weil sie so viel Zeit für andere Hunde hinter der Kamera steht, findet es Daiber „nur fair“, dass auch Rocco mal ein Blatt belegen darf.

Win-win-Situation für fast alle

Wie finanziert sich der Kalender eigentlich? Daiber rechnet vor: 100 Kalender kosten in der Druckerei 390 Euro. Die legt die Tierfreundin auf Herrchen und Frauchen der 13 Models um. „Jeder zahlt 30 Euro für einen Platz im Kalender und bekommt dafür professionell gemachte Bilder“, also eine Win-win-Situation für fast alle. „Nur die Fotografen haben nicht viel davon, vielleicht ein bisschen Werbung“, sagt Daiber. Und auch die Initiatorin des Projekts steckt sich keinen müden Cent für die Arbeit in die Tasche. Die Kalender werden für 22 Euro das Stück inklusive Versand verkauft, der Erlös in Tausenderhöhe geht vollständig an den Verein K9 Friends. Im Jahr 2018 waren das 2555 Euro.

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Aber warum geht das Geld immer an diesen einen Verein? Schließlich gibt es zig Hilfsorganisationen in Rumänien, Spanien, Ungarn, die wiederum auf fremde Hilfe angewiesen sind. Ganz einfach: Daiber will wissen, dass das Geld tatsächlich ankommt – und zwar vollständig. „Und da weiß ich das“, sagt sie entschlossen. Sie sei zwar noch nie vor Ort gewesen, habe aber einige Bekannte, bei denen das der Fall sei.

Während die Models für den allerersten Kalender noch über Mundpropaganda rekrutiert wurden, startete „Schnauze an Schnauze“ im darauffolgenden Jahr einen Aufruf über Facebook. „Das war abends“, erinnert sich Daiber. „Am nächsten Tag hätten wir zwei Kalender füllen können.“ Auch in den nachfolgenden Jahren waren die 13 Seiten bei Hundebesitzern begehrt. Doch dann kam Corona – und die Models nicht mehr zum Fototermin. „Unser Projekt war quasi tot“, sagt Daiber.

Alle Models für 2022 schon gesetzt

Zufällig habe sie dann mit dem Frauchen eines Ex-Models über den Kalender gesprochen, die sich in ihrer Hundetrainingsgruppe nach Interessenten umhören wollte – mit Erfolg. Über Nacht seien acht neue Models samt Halter in den Startlöchern gestanden, an drei Tagen waren die fehlenden Aufnahmen im Kasten. Für Daiber folgten drei Wochen, in denen „ich mich morgens an den Computer gesetzt und meinen Platz erst nachts wieder verlassen habe. Nur so konnten wir den Kalender noch rechtzeitig fertigstellen“, erzählt sie und ergänzt: „Und wer einen will – es sind auch noch welche verfügbar.“

Und wie geht es weiter? Bald schon finden die ersten Wintershootings für den Kalender 2022 statt. Weil sich jetzt schon genügend Models gemeldet haben, wird es für das übernächste Jahr keinen Aufruf geben. „Selbst für das Jahr 2023 haben wir schon etwa die Hälfte der Hunde zusammen“, sagt Daiber stolz.

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