Hätte Stuttgart den Zuschlag für die Frankfurt-Nachfolge bekommen, dann würde man heute womöglich von einer „Fahretse“ sprechen. Die Automesse IAA hat nämlich mittlerweile den Charakter eines Straßenfestes, was dem Stuttgarter Stadt-Marketing die Steilvorlage für eine mobile Ableitung von der schwäbischen „Hocketse“ gegeben hätte. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) entschied sich 2020 allerdings nicht für die Stuttgarter Bewerbung, sondern machte München zum neuen IAA-Standort – mit der Forderung, Präsentationsflächen auch in der Innenstadt zu ermöglichen. Und die lassen sich nun wirklich sehen, bei herrlichem Spätsommerwetter.
Was für ein Unterschied: Wenn es regnet, dann war das früher ideales IAA-Wetter. Die Besucher strömten in die Frankfurter Messe, um sich die Neuheiten der Automobilindustrie anzuschauen. Das neue IAA-Wunschwetter sieht vollkommen anders aus, so wie dieser Tage: Sonne, tiefblauer Himmel bei sommerlichen Temperaturen. Wie schon der Messechef Klaus Dittrich bei der Münchner IAA-Premiere 2021 haben seine Nachfolger, Reinhard Pfeiffer und Stefan Rummel, perfekte Bedingungen für das neue IAA-Freiluftformat.
Bundeskanzler wird von Protesten begleitet
Bis zum Sonntag steht München ganz im Zeichen der IAA. Während an allen sehenswerten Ecken der Stadt – und das sind viele – die Präsentationen der Aussteller das Publikum in Massen anlockt, verlieren die Messehallen draußen in Riem an Bedeutung. Das dort anzutreffende, eher introvertierte internationale Fachpublikum gerät auch dann nicht in Wallung, wenn Bundeskanzler Olaf Scholz vorbeischaut – weiterhin mit Augenklappe, die er nach seinem Joggingunfall tragen muss.
Eher desinteressiert wird von den klassischen Autoexperten auch die begleitenden Störaktionen von Greenpeace-Aktivisten zur Kenntnis genommen, die aus Protest an der Autoindustrie drei Fahrzeuge im Messesee versenken und den Kanzler am Dienstag durch Zwischenrufe aus der Ruhe bringen wollen. „Das ist bei meinen Kunden aber kein Thema“, berichtet die Chefin des Messesupermarkts. Mehr diskutiert werde jedenfalls weiterhin über den aus Tausenden von Legosteinen zusammengebauten Sportwagen vor ihrem Laden.
Protestbewegung spricht von „Greenwashing“
Der Protest muss sich auf die neue, dezentrale IAA erst einmal einstellen, die ja mittlerweile auch den Zusatz Mobility trägt. Schließlich soll nicht mehr nur dem Auto eine Bühne geboten werden, sondern auch anderen Fortbewegungsmittel wie dem Fahrrad. „Alles nur Greenwashing“, sagt Susanne Pusch von der Umweltbewegung Extinction Rebellion zur neuen Ausrichtung. „Angesichts der Klimakrise ist die Durchführung eines Werbeevents für Autokonzerne der blanke Hohn“, so die Aktivistin. „München hat 2019 den Klimanotstand ausgerufen, und dennoch wird hier eine Industrie unterstützt, die kontinuierlich zur Umweltzerstörung beiträgt, und die dringend benötigte Verkehrswende verhindert.“
Der Luitpoldpark im Schwabing ist das Zentrum der Gegenbewegung, verschiedene Gruppen haben sich hier zu einem Protestcamp zusammengeschlossen. Sie eint die Überzeugung, dass es die Autohersteller und ihre Zulieferer nicht ernst meinen mit dem ausgegebenen Ziel der Klimaneutralität. Es besänftigt die Protestler auch nicht, dass fast alle zur Schau gestellten Produkte in Verbindung mit einem Elektroantrieb stehen. So werden die Mobilitätsmesse bis zu ihrem Ende am Sonntag weitere Festklebe- und Abseilaktionen begleiten – mit dem neuen Einsatzgebiet Innenstadt. Denn dort hätten Autos prinzipiell nichts mehr verloren, so lautet auch die vom Bund Naturschutz beim Münchner OB Dieter Reiter schriftliche hinterlegte Meinung.
Die Macht der starken Bilder
Eines verbindet die Aussteller und ihre Widersacher: das große Interesse an starken Bildern. Während die Umweltaktivisten diese über oft riskante Aktionen liefern, setzen die Hersteller auf das altehrwürdige Münchner Innenstadtambiente, das bei Postkartenwetter eine filmreife Kulisse bietet. Darin eingebettet sind die zum Teil enorm aufwendig gestalteten Pavillons der Anbieter.
Den Innenhof der Münchner Residenz hat sich Mercedes-Benz als Ausstellungsfläche gesichert. Das rote, dreistöckige Motorhome ist schon von außen ein Hingucker. Im Inneren gehen die Blicke von den Emporen auf den ganzen Messestolz von Mercedes. In einem unaufhörlichen Lasergewitter steht das Studienfahrzeug Concept CLA, dessen Elektroantrieb eine Reichweite von 750 Kilometer zugeschrieben wird.
Einen Innenhof weiter empfängt der spanische Hersteller Cupra seine Gäste und setzt dabei auf eine bunt verspiegelte Drehbühne, darauf ein futuristisch anmutender Sportwagen. Der Dark Rebel des Seat-Ablegers sieht aus, als käme er direkt aus einem Marvel-Comic gefahren. Zum eigenwilligen Aufritt haben auch Cupra-Kunden beigetragen, deren Designideen berücksichtigt wurden.
Innenstadtcafés sind plötzlich Showrooms
Sein Heimspiel bestreitet BMW auf dem nicht weniger exklusiv anmutenden Franz-Joseph-Platz. Porsche wiederum hat sich in der Altstadt auf dem Wittelsbacherplatz ausgebreitet. Die gute Stube der Zuffenhäuser hat die Form eines 911ers. In einer Designkritik erkennt die „Süddeutsche Zeitung“ darin allerdings ein Skelett. Was nun aber nicht zwingend als Synonym für den Untergang des Autobaus gewertet werden soll, wie es heißt.
Es ist ein sehenswerter Wettbewerb, den sich die großen Autohersteller in der Münchner mit ihren sogenannten „Open Spaces“ liefern. Wer hat den schönsten und größten Interimsbau in die Stadt gestellt? Geschmackssache. Doch eines ist klar. Zumindest in dieser Disziplin kann die so gefürchtete Autokonkurrenz aus China nicht mithalten.
Auf dem Odeonsplatz und an der Ludwigstraße reiht sich ein Hersteller neben dem anderen. Auch VW ist dort am Start. Vis-à-vis hat BYD seine Zelte aufgeschlagen. Im Vergleich zu den deutschen Vertretern gerät der Auftritt des chinesischen Autogiganten sehr bescheiden. Doch auch in diesem Bereich dürfte China schnell aufholen und bei der IAA 2025 dann funkelnde fernöstliche Autopaläste in die Münchner Altstadt stellen.
An der Ludwigstraße entfaltet sich eine richtige Stadtfestatmosphäre. Dazu tragen Mitmachangebote wie Fahrradparcours, Verpflegungsstände und die Bewirtung der ortsansässigen Cafés und Restaurants bei. Manche von ihnen sind aber auch zur Zwischennutzung an Firmen wie Smart oder Lotus vermietet, die die Räumlichkeiten als Showroom oder für die VIP-Gastro nutzen.
Aber egal, wohin man kommt, chinesische Touristen sind schon vor Ort. Die fühlen sich wie im Autoparadies und freuen sich schon auf den Bierhimmel. Schließlich beginnt in gut einer Woche das Münchner Oktoberfest.