Design von Dieter Rams Cool und nachhaltig wohnen mit Dieter Rams

Bücher, Schallplatten, selbst Nippes machen sich gut in dem vielseitig verwendbaren Regalsystem-Klassiker 606 von Dieter Rams für die Firma Vitsœ, der auch heute noch hergestellt wird. Foto: Vitsœ/DR

Seine Entwürfe für den Elektronikhersteller Braun stehen im Museum of Modern Art und sind Teil der Designgeschichte. Nun wird das nachhaltige Design von Dieter Rams neu entdeckt.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Stuttgart - SK4. HLD6. PS500. SM3. TS40. TG60. L45. Nein, bei diesen Buchstaben-Zahlen-Kombinationen handelt es sich nicht etwa um Vermittlungscodes für einen verpassten Besuchstermin im nächstgelegenen Impfzentrum. Freunden des guten Geschmacks bescheren diese sehr nüchtern klingenden Kürzel Glücksgefühle, denn sie stehen für Ikonen des Industriedesigns.

 

TS40 etwa ist ein Steuergerät, TG60 steht für ein Tonbandgerät und hinter L45 verbirgt sich ein Lautsprecher – drei separate, an der Wand zu befestigende Hi-Fi-Module, die Anfang der 60er Jahre Dieter Rams für die Firma Braun entworfen hat und die als „Wandanlage“ in die Geschichte des Industriedesigns eingegangen sind.

Dieter Rams und die Hochschule für Gestaltung in Ulm

Der modulare Ansatz beim Entwerfen von Audio-Geräten war seinerzeit ein Novum, das einige Jahre zuvor in der legendären Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm durch Konzeptstudien seinen Anfang nahm. Qualitätshersteller wie Bang & Olufsen zitieren mit ihren heute angebotenen Musikanlagen für die Wand genau dieses Prinzip. Die HfG in Ulm war eine Art Nachfolgerin des Bauhauses. Dieter Rams stand dieser Denkschule nahe, er konnte einiges, was Ulm vorgegeben hatte, bei Braun kongenial umsetzen und in die Serienfertigung übersetzen.

Dieter Rams wurde 1932 in Wiesbaden geboren. Sein Großvater war Schreiner, und Rams’ frühe Neigung zu diesem Handwerk führte ihn im zerstörten Nachkriegsdeutschland schließlich zur Architektur. Durch einen Freund auf die Stelle aufmerksam gemacht, bewarb er sich 1955 bei Braun, da war er erst 23 Jahre jung. Das passte zu Braun: Erwin und Artur Braun, die nach dem Tod des Vaters die Firma 1921 übernommen hatten, waren dabei, das Unternehmen zu modernisieren, und engagierten Dieter Rams für die Gestaltung der Firmenräume.

Die Designabteilung von Braun arbeitete damals unter der Leitung von Fritz Eichler eng mit der Hochschule für Gestaltung Ulm zusammen, unter anderem mit Hans Gugelot und Otl Aicher. Schnell erkannte man Dieter Rams’ Talent und bezog ihn in die Entwurfsarbeit ein.

Dieter Rams entwarf für die Firma Braun

Mehr noch: Weil man gemerkt hatte, dass die räumliche Distanz zwischen Ulm und dem Firmensitz von Braun vor den Toren Frankfurts zunehmend ein kommunikatives Problem bei der Vermittlung der Ideen darstellte, entschloss sich die Geschäftsführung zu einer eigenen Designabteilung im Hause. Nur das ermöglichte den kreativen Austausch mit den Technikern und Ingenieuren. Und das war schließlich auch die Chance für Dieter Rams und sein kleines, hoch talentiertes Team, wobei die Ulmer fortan nur noch beratend in Erscheinung traten.

So kam es, dass Braun bald zum Inbegriff des guten deutschen Designs wurde, das selbsterklärend in der Bedienung und zurückhaltend im Aussehen sein wollte. Man nahm die Aufbruchstimmung der 50er Jahre auf, wollte für den „Neuen Menschen“, wie es damals in einer Braun-Werbung hieß, vernünftige Produkte entwickeln im „Stil unserer Zeit“.

Schneewittchensarg: Das Einfache wird spektakulär

Ein bis heute berühmtes Ergebnis war dann der Phonosuper SK4 von 1956, dessen Plexiglasdeckel ihm den Spitznamen „Schneewittchensarg“ einbrachte. Plexiglas verwendete damals kaum jemand im Industriedesign, Dieter Rams aber erkannte die Vorteile des Materials. Der Deckel für den SK4 war leicht, transparent, günstig, langlebig und schützte die Technik vor Schmutz. Das Einfache wird so: spektakulär.

Von 1961 bis 1995 leitete Dieter Rams die Designabteilung bei Braun. Zusammen mit seinem Team war er für viele wegweisende Elektrogeräte des 20. Jahrhunderts verantwortlich. Rams hat mit seinen Hi-Fi-Anlagen, Küchenmaschinen, Uhren und Möbeln den Geschmack ganzer Generationen geprägt, um nicht zu sagen: geschult. Ramsianer sammeln weltweit diese famosen Apparaturen, die ein Leben voller Sinnhaftigkeit und Ordnung versprechen.

Apple-Chefdesigner lobt Dieter Rams

Die Fans dieser meisterhaften Spielart des deutschen Designs suchen auf Gebrauchtwarenbörsen nach gut erhaltenen Originalen, sie tauschen sich in Internetforen aus, kaufen Bücher, gehen zu Ausstellungen. Dieter Rams’ Entwürfe für den Elektronikhersteller Braun stehen im New Yorker Museum of Modern Art, seine Sessel im Bundeskanzleramt.

Kein Geringerer als der Apple-Chefdesigner Jonathan Ive hat sich bei ihm vor einigen Jahren für die Inspirationen bedankt. Und wie bei so vielen Innovationen für Braun und die schwedische Möbelfirma Vitsœ sieht man sich an diesen Alltagsobjekten niemals satt, getreu seinem Motto: „Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.“

Nur jene Dinge, die den Menschen ein Leben lang gefallen und dazu auch noch praktisch sind, landen nicht auf dem Müll, den zu reduzieren sich die jungen Generationen zur Aufgabe gemacht haben. „Ich bin fest davon überzeugt, dass es eine Ethik des Designs gibt“, schreibt Dieter Rams im Vorwort zum frisch bei Phaidon erschienenen Werkverzeichnis seines Schaffens. „Es wird Zeit zu begreifen, dass wir wieder einmal am Ende einer Phase der Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit angekommen sind.“

Rams-Hommage von Designer und DJ Virgil Abloh

Eigentlich logisch, dass Dieter Rams kürzlich der Ehrentitel des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Design verliehen wurde. Das Museum angewandte Kunst in Frankfurt am Main widmet Rams noch bis Januar 2022 auch eine Ausstellung.

Gut möglich, dass diese unethische Belanglosigkeit im Industriedesign junge Designer dazu bringt, sich mit Dieter Rams auseinanderzusetzen. Was löblich ist, denn leider ist ja kaum etwas von Rams’ Erbe übrig geblieben, das nicht museal wäre. Die stilprägende Audiosparte von Braun wurde schon 1991 eingestellt. Lediglich die Uhren und Wecker gehorchen noch den Prinzipien des Meisters, ebenso wie die leicht modifizierte Zitronenpresse.

Ein Hoffnungsschimmer immerhin: Zum 100. Firmenjubiläum wird die ikonische Wandanlage neu aufgelegt, in einer modifizierten Form mit viel Chrom. Virgil Abloh zeichnet dafür verantwortlich. Der Mann ist DJ. Architekt. Ingenieur. Industriedesigner. Influencer. Gründer des Design-Labels Off-White. Und Kreativdirektor der Herrenmode-Kollektion von Louis Vuitton. Ein Andersdenker. Auch so ein Bessermacher. Das müsste Dieter Rams eigentlich gefallen.

Lesen Sie hier auch: ein Porträt von Designstar Virgil Abloh und einen Text über die inzwischen legendäre Hochschule für Gestaltung in Ulm, an der Dieter Rams unterrichtete.

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