Im Ahrtal Nach der Flut

Die Folgen der Flut sind noch sichtbar. Foto: Imago

Im Ahrtal nimmt der Tourismus langsam wieder Fahrt auf. Zwar sind zwei Jahre nach der Flutkatastrophe noch nicht alle Schäden beseitigt, aber viele Hotels und Gaststätten haben wieder geöffnet und freuen sich über Besucher.

Reise: Annette Schwesig (apf)

Riesige Fontänen aus Milliarden Wassertropfen schießen hoch hinauf in den tiefschwarzen Nachthimmel und fallen sanft wie Feennebel wieder herab. LED-Scheinwerfer färben die tanzenden Wasserbilder in Facetten von Blau, Rot, Gelb, Grün. Dabei entsteht ein sogenannter Waterscreen, eine überdimensionale Leinwand aus Wasser, auf die Videos und Bilder projiziert werden. Dazu erklingen weithin hörbar bekannte Filmmusiktitel. Als der „Fluch der Karibik“ gespielt wird, läuft ein Double von Johnny Depp durch die jubelnden und mitklatschenden Menschen. Das Gesamtkunstwerk nennt sich Klangwelle, das ist das jährlich im Herbst stattfindende Open-Air-Spektakel im Kurpark von Bad Neuenahr-Ahrweiler.

 

So schön ist das Ahrtal Foto: Rheinland-Pfalz-Tourismus

Wie hier mitten in der 2021 vollständig überfluteten Parkanlage die Schönheit und die Kraft des Wassers, das Werden und Vergehen von Wellen gefeiert werden, das verwundert nur die auswärtigen Besucher. Die Einwohner der berühmten Kurstadt wissen, dass das Wasser nicht nur Fluch ist, sondern auch Segen, immerhin verdankt die Stadt ihre Berühmtheit auch den Heilquellen. „Der Kurpark galt vor der Flut als der schönste in ganz Europa“, erzählt Bürgermeister Guido Orthen und ergänzt: „Das soll er auch wieder werden.“ Es wird allerdings noch einige Jahre dauern, denn Bäder, Thermen und andere Wellnessanlagen müssen sich hinten anstellen, was den Wiederaufbau anlangt. Vorrang haben Wohnhäuser und Kliniken.

Angestaubtes weggespült

Bürgermeister Orthen führt zu den meterlangen Schaubildern an den Bauzäunen rund um den Kurpark. „Demnächst wird entschieden, ob die alte Therme saniert oder eine neue gebaut wird.“ Das alte Freibad und die alte Konzerthalle seien schon vor der Flut kaputt und renovierungsbedürftig gewesen. „Bitte nicht falsch verstehen, aber die Flut hat hier natürlich auch viel Angestaubtes weggespült“, sagt Orthen, den man wegen seiner ernsthaften und gewissenhaften Art gar nicht falsch verstehen kann. „Wir ergreifen die Gelegenheit und wollen unsere Kurstadt innovativ und nachhaltig gestalten. Nur Wiederaufbau, das reicht langfristig nicht“, betont er.

Dann geht es weiter hinunter zum Flussbett. Darin fließt friedlich das Flüsschen Ahr. In schönstem Bürgermeisterdeutsch spricht Orthen vom „hundertjährlichen Ereignis einer Flut“. Das bedeutet, dass die Region mit dieser Bedrohung leben muss, das Wasser kommt in Abständen wieder. „Es geht nicht darum, die Flut zu vermeiden, sondern die Stadt schadlos zu halten“, erklärt Orthen. Deswegen werde man im Zuge des Wiederaufbaus der Ahr links und rechts mehr Raum geben und die Radwege müssten höher gelegt werden.

„We Ahr Open“

An den Radwegen wird zurzeit überall im Ahrtal kräftig gearbeitet. Sie sind teilweise immer noch nicht befahrbar beziehungsweise umgeleitet. Das führt manchmal zu einigem Verdruss bei den Touristen, weil sich die Routen quasi täglich ändern können. „Doch die meisten Besucher, die zu uns kommen, haben viel Verständnis, wollen uns unterstützen und lassen sich überraschen“, erzählt David Bongart, Projektleiter des Ahrtal-Tourismuskonzeptes. Mit der aktuellen „We Ahr open“-Kampagne will das Ahrtal zeigen, dass sich ein Besuch jetzt schon lohnt. Das Motto lautet: „Noch lange nicht fertig, aber offen und froh über Deinen Besuch“.

Die Bewohner wünschen sich ihre Stadt wieder bunt Foto: Imago

Innerhalb weniger Stunden haben im Juli 2021 gigantische Wassermassen 200 Hektar Fläche überflutet. Betroffen waren neben Tausenden von Wohnhäusern auch 70 Prozent der Hotels und Pensionen sowie 80 Prozent der Gastronomiebetriebe. Über 150 Kilometer Verkehrswege wurden beschädigt und die Bahnlinie ruiniert. Bongart berichtet, dass mittlerweile drei Viertel aller Betriebe wieder geöffnet sind: „Ende 2025 wird dann die im Zuge der Renovierung elektrifizierte Bahn in Betrieb gehen.“

Planungen für ein Flutmuseum

Im Zuge der Planungen zum Wiederaufbau des Tals ist auch der Ruf nach einem Flutmuseum laut geworden. „Wie könnte ein zentraler Erinnerungsort aussehen und wo könnte er angesiedelt werden?“, fragt Bongart. Inzwischen sind erste Planungen erarbeitet worden, unter anderem wurden auch verschiedene Standorte geprüft. „Vermutlich wird es auf die Pius-Kirche in Bad Neuenahr-Ahrweiler hinauslaufen“, verrät Bongart und fügt hinzu, dass es in der aus den frühen 1970er Jahren stammende Kirche auch einen Raum geben soll, der die überwältigende Solidarität und den Wiederaufbau dokumentiert. Parallel zu diesem Ort der Erinnerung soll noch ein eher wissenschaftlich ausgerichtetes Zentrum gegründet werden: Das „International Crisis Center Ahr“, das sich einerseits der Krisenwissenschaft widmet, aber auch interaktive Ausstellungen zum Thema Klimawandel konzipieren wird.

Ausrangierter Traktor

Neben dem offiziellen Erinnern, das sich die Verantwortlichen zur Aufgabe gemacht haben, gibt es zahlreiche persönliche Erinnerungsorte der Bewohner: In der Fußgängerzone von Ahrweiler stehen auf einem Tisch vor einem Haus zerkratzte Teller, dreckige Vasen, henkellose Krüge, die aus dem Schlamm gefischt wurden. An einer Weggabelung etwas außerhalb der Ortschaft parkt ein ausrangierter Traktor, der nun bunt bemalt an die mühseligen Aufräumarbeiten erinnert. Und natürlich überall in der Region die braun eingefärbten Hauswände, die anzeigen, wie hoch das Wasser kam. Doch zwischen dem vielen Grau und Braun leuchten immer wieder farbenfrohe Plakate mit der Aufschrift: „Unsere Stadt wird wieder bunt!“

Stadtführer Armin Küpper erzählt, wie wichtig es für die Bewohner ist, dass Touristen hierherkommen, die nicht nur die Wunden sehen. „Die moralische Unterstützung ist bei diesem langen Prozess des Wiederaufbaus genauso wichtig wie die wirtschaftliche“, sagt Küpper. Dass der Tourismus so langsam wieder an Normalität gewinnt, liest Küpper unter anderem an der Tatsache ab, dass seine Themenführungen zur Flut nicht mehr so stark gefragt sind wie in den Monaten zuvor. In jüngster Zeit fragten die Besucher wieder vermehrt nach den ganz klassischen Rundgängen. Oder nach den Weinführungen mit einem Glas in der Hand. „Langsam kehrt ein bisschen Normalität zurück“, sagt Küpper.

Das Ahrtal

Anreise
Mit der Bahn über Köln nach Remagen oder Bad Neuenahr: www.bahn.de

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