In Obertürkheim redet die Pfarrerin ihrer Gemeinde ins Gewissen. Der Weg führt den StZ-Lokalreporter Erik Raidt an diesem Tag seiner Expedition vom Bahnhof in Obertürkheim bis zum Wangener Hafen.

Leben: Erik Raidt (era)

Stuttgart - Am Eingang der Petruskirche steht eine Dame von freundlicher Bestimmtheit. Als ich an diesem Sonntagmorgen das Gotteshaus betrete, spricht sie mich an: „Darf ich Ihnen ein Gesangsbuch geben? Ihre Stimme ist gefragt!“ Zehn Minuten später haben zumeist ältere Herrschaften in der Petruskirche unter „Grüß Gottle“ hier und „Sie auch ned im Urlaub?“ da auf den Bänken Platz genommen. Die Pfarrerin kommt, für Margarete Goth ist es der zweite Gottesdienst an diesem Morgen, eine Stunde zuvor hat sie in der Andreaskirche von Uhlbach gepredigt, „ein Doppeldienst im Sommer“.

Frau Goth hat Verstärkung mitgebracht, ihr Mann ist Hobbyorganist, während des Gottesdienstes schaut sie mehrfach zu ihm hinauf, lächelt und sagt: „Diederich, das hast du gut gemacht.“ Was bewegt die Menschen in diesen Spätsommertagen in Stuttgart? Frau Goth weiß es genau. „Das Bild von den Flüchtlingen vor der Schleyerhalle hat sich bei mir eingebrannt“, sagt sie und hält eine gleichermaßen persönliche wie politische Predigt. Margarete Goth erzählt vom Leiden ihres Vaters im Sudetenland während der Kriegsjahre, sie redet über den Terror in Syrien und Afghanistan und appelliert bei der Flüchtlingsfrage an ihre Schäfchen. „Es ist unchristlich, wenn wir sagen, dass sie bleiben sollen, wo sie sind.“ Die Pfarrerin lässt keinen Zweifel daran, dass es ihr ernst ist. Eine Familie von Jesiden sei in Uhlbach gestrandet, die Familie bräuchte dringend eine Waschmaschine. „Wenn Sie eine haben“, wendet sich Frau Goth an ihre Gemeinde, „dann nehme ich sie nachher gleich mit.“

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Die Kirchentür öffnet sich wieder, ich gehe die Kirchsteige bergab. Das Sträßchen schlängelt sich durch Obertürkheim, rechter Hand ein puristischer Neubau, wenige Meter später ein liebevoll saniertes Fachwerkhaus, ein Hinweis auf den Musikverein, zahllose Schilder, die für Weingüter oder Besenwirtschaften werben. Das Bild vom Dorf in der Großstadt verfestigt sich, als schräg gegenüber von der freiwilligen Feuerwehr die Kinothek Obertürkheim auftaucht. Für einen Film ist es zu früh, aber die Kinothek ist ein Kulturjuwel am Wegesrand, eines der letzten Stuttgarter Vorstadtkinos. Mir fällt ein, dass ich einmal gelesen habe, dass der Betreiber eine Leiter hinaufsteigt, um die Buchstaben auszutauschen, die die aktuellen Filme ankündigen.

Derzeit zeigt die Kinothek den zweiten Teil der Komödie „Die Kirche bleibt im Dorf.“ Mir geht durch den Kopf, dass Frau Goth an diesem Morgen in der Petruskirche im Dorf geblieben ist und gleichzeitig weit über den Kesselrand hinausgeblickt hat. Mit dem Ortsschild von Obertürkheim lasse ich vorerst die grüne Weinbergseligkeit hinter mir – und die Hanglagen. Das Neckartal ist ein Flaschenhals für die Verkehrswege der Industriestadt. Innerhalb von wenigen Minuten überquere ich Schienen, sehe die Bundesstraße schon vor mir und bin schließlich am Neckar angekommen, am Mittelkai zwischen Hedelfingen und Wangen.

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Der Fluss fließt hier in einem schnurgeraden Betonbett, so als habe ihn ein Orthopäde durchgestreckt und alle Krümmungen beseitigt. Wie still es ist, kein Kran bewegt sich, kein Containerschiff ist in Sicht. Ein Sonntag ist nicht der richtige Tag für eine Hafentour. Morgen komme ich wieder.

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