In Aichwald-Lobenrot hat der Obstanbau Tradition Beerenparadies auf dem Schurwald

Barbara und Winfried Groner freuen sich über die gute Ernte. Foto: Roberto Bulgrin

Früher hat jede Familie Erdbeeren, Kirschen und viele andere Obstsorten selbst angebaut. Heute kommt das Meiste vom Lobenroter Hof.

Region: Corinna Meinke (com)

Ein süßer Duft steigt aus dem Körbchen direkt in die Nase. Rot und glänzend künden Erdbeeren auf dem Lobenroter Hof in Aichwalds kleinstem gleichnamigen Ortsteil in Hülle und Fülle vom sommerlichen Fruchtgenuss. Das Schurwalddorf war lange Zeit der Obstgarten des Kreises Esslingen, das berichtet Altbürgermeister Richard Hohler. Bis heute reifen auf den sonnenverwöhnten Feldern Erdbeeren, genauso Himbeeren, Kirschen, Nüsse, Stachelbeeren und neuerdings sogar Heidelbeeren.

 

„Früher hatte hier jede Familie einen Streifen Acker für die Selbstversorgung“, berichtet Obstbauer Winfried Groner, der mit seiner Familie und Saisonarbeitern den Lobenroter Hof umtreibt. Inzwischen zählt Groner zu den letzten namhaften Beeren-Erzeugern in Lobenrot. Das war früher anders. Lange Zeit galt Aichwald, zu dem die Ortsteile Aichelberg, Aichschieß, Krummhardt sowie Schanbach und Lobenrot zählen, als bekanntes Beerenanbaugebiet. Was nicht für den eigenen Bedarf gebraucht wurde, verkauften die Frauen an private Kunden und besserten damit die Haushaltskasse auf.

Manche Kundschaft kaufte zentnerweise ein

Davon kann auch Rose Kiesel ein Lied singen. „Ich hab gute Kundschaft von Stuttgart, Fellbach und aus dem Kreis Esslingen gehabt, die viel bei mir gekauft haben“ erinnert sich die Lobenroterin. Eine Stammkundin aus Balingen zum Beispiel, die immer ihren Vetter in Endersbach besuchte, habe jedes Jahr zwei Zentner „Breschtling“, wie die Erdbeeren im Schwäbischen heißen, und einen Zentner Kirschen mitgenommen.

Angebaut haben die Lobenroter ihr Obst auf den so genannten Allmandstücken, die die Kommune den Einwohnern kostenlos zur Verfügung stellte. Bis in die 1960er-Jahre haben alle frisch verheirateten Eheleute bis zu acht Ar auf diese Weise zum Bewirtschaften erhalten. Der Anbau der Beeren und die Sorge um Kirsch- und Apfelbäume habe zwar viel Arbeit gemacht, aber der Erlös sei eine wichtige Einnahmequelle für die Familie gewesen, sagt Rose Kiesel. Ihr Mann Erwin habe jeden Sommer eigens vier Wochen Urlaub genommen, um ihr und den drei Kindern beim Ernten zu helfen. Eine reiche Ernte habe auch ihr Schwiegervater oft eingefahren.

Erdbeeren und Himbeeren bis München geliefert

Bis zu 75 Zentner allein an Himbeeren habe er in den 1940er-Jahren gepflückt, berichtet die 80-Jährige. Und einen Teil davon habe meist ein Händler aus Weinstadt-Strümpfelbach (Rems-Murr-Kreis) aufgekauft und an ein Hotel nach München geliefert.

München war auch das Ziel von Namensvetter Bernhard Kiesel, der Ende der 1950er- Jahre aus der Lobenroter Ortsmitte aussiedelte und am Ortseingang den Lobenroter Hof baute, auf dem ihn später Winfried Groner ablöste. „Der Kiesel hat seinen VW-Bus bis unters Dach hoch gefüllt und ist damit nach München gefahren.“ Dort sei er mit der frischen Ware von Haus zu Haus gezogen und habe auf diese Weise besonders Erdbeeren und Himbeeren gut verkauft, erinnert sich Groner.

In den 1980er-Jahren habe der Eigenanbau schlagartig an Bedeutung verloren. Das habe sicher auch an den zahlreichen Arbeitsstunden gelegen, die so ein Obstgarten erfordere, denn ohne Pflege gebe es halt keinen guten Ertrag, sagt der Landwirt, der zunächst als Pächter klein angefangen hat. Die Leute sind nach und nach alles „ins Gschäft“, also zur Arbeit gegangen, auch die Frauen, erinnert sich Rose Kiesel. Dann hätten bald nur noch die Älteren Beeren eingemacht, während die Jungen lieber fertige Marmelade im Laden kauften. Damit wurde das Ende der kleinteiligen Beerenbewirtschaftung eingeläutet. „Der Kiesel hat die Flächen dann übernommen“, erklärt die Lobenroterin, die heute Beerenobst nur noch für die eigene Familie anbaut und Kirschen nur noch an wenige Stammkunden verkauft. So habe sie unlängst das Obst einer Frau nach Köngen gebracht, die seit 51 Jahren bei ihr einkauft.

Das Gros der Lobenroter Beerenflächen bewirtschaftet heute Winfried Groner. Von den insgesamt 45 Hektar Fläche, ist das Meiste Pachtland. Seit wenigen Jahren baut der Landwirt neben allen Arten der auf dem Schurwald üblichen Beerensorten auch die neuerdings stark nachgefragten Heidelbeeren an. Sein ganzer Stolz gehört aber der neuen Kirschbaumanlage mit wenigen Meter hohen Spindelbäumen, die zum Schutz vor Hagel und der Spitzendürre unter Folienplanen wachsen. Ein Rezept, das aufzugehen scheint, denn die Bäume hängen übervoll mit den schönsten Früchten.

Kirschen gedeihen unter Folie

Und während der Blick über die benachbarten Höhenzüge des nahen Remstals schweift, berichtet Groner, welch wichtige Stütze seine Frau Barbara ist, die vor 19 Jahren erstmals aus Polen als Erntehelferin kam und ihm nach seinem Schlaganfall vor drei Jahren tatkräftig unter die Arme griff. Längst ist die Frau mit dem strahlenden Lächeln, die mit den Selberpflückern scherzt, die Erntehelfer aus Osteuropa anleitet und für ihre Kundschaft ein offenes Ohr hat, Herrin im Hofladen. Und so sorgt das Paar gemeinsam dafür, dass der traditionelle Beerenanbau in Lobenrot weiter besteht.

Beeren, Steinobst und Wein

Hof
Während der Saison können Selbstpflücker täglich von 8 bis 18 Uhr auf den ausgeschilderten Feldern des Lobenroter Hofs frische Erdbeeren ernten. Im Hofladen, der momentan zur gleichen Zeit geöffnet hat, gibt es Beeren, Teigwaren, Frischeier, Schnäpse und Liköre. Adresse: Lobenroter Hof in 73773 Aichwald.

Aichwald
Rund 7500 Menschen leben in Aichwald. Die Gemarkung umfasst eine Fläche von 1468 Hektar. Rund 45 Prozent davon werden landwirtschaftlich genutzt, jedoch in zunehmendem Maße im Nebenerwerb. An den Südhängen im Ortsteil Aichelberg wird auf rund 13 Hektar Wein angebaut. Und nicht zu vergessen sei der für den Schurwald typische Erdbeer- und Himbeeranbau, heißt es auf der Homepage der Kommune.

Weitere Themen