Industrie steht vor Herausforderungen Rutscht die Region Ludwigsburg in eine Arbeitsmarktkrise?

Bei vielen kleineren und mittelständischen Zulieferern steigt der Druck. Der Arbeitsmarkt scheint aber stabil. Foto: dpa/Felix Kästle

Immer mehr Automobilzulieferer kündigen den Abbau von Stellen an. Das hat Auswirkungen auf den Landkreis Ludwigsburg. Der Arbeitsmarkt ist stabil, sagen Experten – die IG Metall sorgt sich um Produktionsmitarbeiter.

Ludwigsburg : Emanuel Hege (ehe)

Über ein Jahrzehnt schnurrte der Jobmotor im Südwesten wie ein Kätzchen – besonders wegen der Automobilindustrie. Seit einigen Monaten ist das Stottern des Motors aber nicht mehr zu überhören. Bekanntester Sorgenfall ist Bosch, der Zulieferer kündigte in den vergangenen Wochen scheibchenweise den Stellenabbau von tausenden Arbeitsplätzen an, unter anderem am Standort Schwieberdingen. Aber auch ZF in Friedrichshafen und Continental bauen jeweils mehrere Tausend Stellen ab.

 

Die Transformationsschmerzen der Industrie haben auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt im Landkreis Ludwigsburg. Rund 30 Prozent der Angestellten arbeiten dort im verarbeitenden Gewerbe, doch auch viele Dienstleistungen hängen vom Erfolg der Industrie ab. Rutscht die Region in eine Arbeitsmarktkrise?

Nachfrage nach Mitarbeitern lässt nach

Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die Zahlen. Mitte des vergangenen Jahres waren 214 500 Menschen im Landkreis sozialversicherungspflichtig beschäftigt – so viele wie noch nie. Die Arbeitslosigkeit liegt derzeit bei 3,8 Prozent und damit unter dem des Landesschnitts. In der Industrie, also dem verarbeitenden Gewerbe, sind seit rund acht Jahren konstant um die 60 000 Menschen angestellt. Derzeit sind es 59 600, etwas weniger als in den Rekordjahren 2018 und 2019.

Soweit so positiv. Doch die Zahlen zeigen auch, dass die schwache Konjunktur und die Transformationsherausforderungen bereits ihre Spuren hinterlassen: Im Kreis herrscht seit Monaten eine Zurückhaltung bei Neueinstellungen. Im Bezirk der Arbeitsagentur Ludwigsburg waren im vorigen Dezember 3814 fast 17 Prozent weniger Arbeitsstellen gemeldet als im Dezember 2022.

„Wir haben immer noch einen sehr hohen Bestand an freien Stellen, es ist kein Einbruch“, sagt Martin Scheel und ordnet die Zahlen ein. Der vorsitzende Geschäftsführer der Agentur für Arbeit ist optimistisch, die Unternehmen hätten zwar zu kämpfen, doch trotz des konjunkturellen Gegenwinds stehe der Arbeitsmarkt immer noch „sehr stabil“. Anders als früher sei der Arbeitsmarkt nicht mehr so abhängig vom Wirtschaftswachstum, sagt Scheel – die Konjunkturdelle bedeute nicht automatisch eine Jobkrise.

Auch der Fachkräftemangel hat seinen Anteil, ein gegensätzlicher und gleichzeitig parallel verlaufender Trend zum Stellenabbau. Der sorge dafür, dass der Arbeitsmarkt nicht einbreche, sich aber verschiebe, beschreibt Oliver Reichert die Lage. Auch der Wirtschaftsförderer des Kreises gibt Entwarnung: „Menschen auf Arbeitssuche haben im Landkreis Ludwigsburg beste Voraussetzungen, um eine Stelle zu finden.“

Sorge um produktiven Bereich

Die Frage ist, welche Menschen einfach Arbeit finden. In der Industrie gebe es großes Interesse an Spezialisten, sagt Martin Scheel. „Arbeitskräfte mit Kompetenzen in digitalen Bereichen werden überall gesucht“, ergänzt Reichert. Aber auch technische Kompetenzen und handwerkliches Können würden weiterhin gefragt sein.

Susanne Thomas, Geschäftsführerin der IG Metall in Ludwigsburg, stimmt mit vielen Punkten überein, bringt aber auch einen anderen Blickwinkel ein. Auch die Gewerkschaftlerin hat Verschiebungen am Arbeitsmarkt des Kreises erkannt. Einerseits seien viele neue Stellen rund um die Digitalisierung und das Ingenieurwesen entstanden. Andererseits bereitet ihr die Lage im produktiven Bereich Sorge.

In vielen Unternehmen der Region seien in den vergangenen Jahren Stellen verloren gegangen, besonders in der Produktion. Beispielsweise indem diese nicht nachbesetzt wurden oder während Umstrukturierungen wegfielen. Teils seien Produktionen komplett geschlossen oder ins Ausland verlagert worden. Das Ende der Mann+Hummel-Produktion am Standort in Ludwigsburg Ende 2022 sei ein Beispiel für diese Entwicklung.

Sie bekomme in ihrem Alltag viele Einblicke in Industrieunternehmen, sieht deren Zahlen und spricht mit Betriebsräten. Vor allem kleinere und mittelständische Zulieferer stünden unter einem gewaltigen Preisdruck ihrer großen Kunden. Die Folge könnten weitere Verlagerungen von Produktionen ins Ausland sein. „Es gibt eine mordsmäßige Verunsicherung unter den Arbeitnehmern“, sagt Thomas. Für die Gewerkschaftschefin stellt sich eine entscheidende Frage für die Zukunft des Arbeitsmarkts: Wird die Industrie im Landkreis nur noch entwickeln oder bleibt die Verzahnung von Ingenieurwesen und Facharbeit bestehen?

Weiterbildung wird das A und O

Damit die Verzahnung überhaupt gehalten werden könne und die Arbeitsplätze in der Region blieben, sei es entscheidend, dass Unternehmen und Arbeitnehmer auf den Wandel eingehen, und das Lernen am Arbeitsplatz ernstnehmen. Da sind sich Wirtschaftsförderer, Agentur für Arbeit und Gewerkschaft einig. Unternehmen könnten bei der qualitativen Personalentwicklung noch nachlegen, sagt Thomas. Kleinen und mittleren Unternehmen fehlen aber häufig schlicht die Mittel dafür. Martin Scheel von der Agentur für Arbeit nimmt die Arbeitnehmer in die Pflicht: Es gebe viele Angebote, die „Bereitschaft, sich umzuorientieren oder weiterzuqualifizieren ist noch ausbaufähig“.

Weitere positive Signale für den Arbeitsmarkt

Geschichte
In der Zeit von 2007 bis 2010 erschütterte die Weltfinanzkrise auch die Automobilindustrie. Die konjunkturelle Talfahrt wirkte sich aber nur geringfügig auf den Arbeitsmarkt im Landkreis Ludwigsburg aus. Von 2008 bis 2009 sank die Zahl der Industrieangestellten um vier Prozent, 2010 hatte sich der Arbeitsmarkt wieder normalisiert.

Arbeitsbedingungen
Die Beschäftigungszahlen sind das Eine, das Andere sind die Arbeitsbedingungen. Die haben sich laut Agentur für Arbeit und IG Metall verbessert. Demnach hätten Industrieunternehmen ohne Tarifbindung keine Chance mehr. Zudem gebe es weniger befristete Verträge und weiger geringfügig Beschäftigte im Landkreis Ludwigsburg.

Weitere Themen