Infotag zum Rückbau im Kernkraftwerk Neckarwestheim Der Anfang vom Ende hat gerade erst begonnen

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Die EnBW informiert in Neckarwestheim über den Kraftwerksabbau. Das Ganze dauert Jahrzehnte.

Abgekoppelt: Ein Motor für eine Hauptkühlmittelleitung wird ausgebaut. Foto: EnBW
Abgekoppelt: Ein Motor für eine Hauptkühlmittelleitung wird ausgebaut. Foto: EnBW

Neckarwestheim - Schon vor mehr als einem Jahr, im Februar 2017, hat der Rückbau an Block I des Gemeinschaftskernkraftwerks Neckar (GKN) in Neckarwestheim­ (Kreis Heilbronn) begonnen. Nun informiert die EnBW als Betreiberin am Samstag, 14. Juli, erstmals über den Ablauf. Zwei Wochen später findet im Kernkraftwerk Philippsburg (Kreis Karlsruhe) ein Infotag statt. Für Neckarwestheim hatte mit dem Startschuss für den Abbau nach 41 Jahren GKN das Ende des Atomzeitalters begonnen. Ein Überblick zum aktuellen Stand.

Wie ist der zeitliche Ablauf?

Das GKN besteht aus zwei Blöcken. Der ältere, GKN I, ging 2011 nach 35 Betriebsjahren vom Netz. Im Februar 2017 begann der Rückbau der Anlage, die jährlich 1,5 Millionen Haushalte mit Strom versorgt hatte. Die EnBW geht davon aus, dass der Rückbau von GKN I zehn bis 15 Jahre dauert. Laut EnBW wurden bisher unter anderem die Hauptkühlmittelleitungen des Reaktordruckbehälters (RDB) demontiert und zerlegt und die Motoren ausgebaut. Das dauert noch bis Anfang nächsten Jahres.

Was ist mit Block II?

GKN II, dessen Leistung für ein Sechstel des Stromverbrauchs im Land reicht, muss spätestens 2022 abgeschaltet werden. Den Rückbau von Block II hat die EnBW schon 2016 beim Umweltministerium beantragt, damit es nach Betriebsschluss zügig gehen kann. Die Demontage von GKN II wird ähnlich lang dauern wie beim ersten Block.

Was wird aus dem Zwischenlager?

Im Januar zieht die neu gegründete Bundesgesellschaft für Zwischenlager aufs Gelände­ und übernimmt den Betrieb des atomaren Zwischenlagers. Dort können offiziell­ bis 2046 insgesamt 151 Castoren gebunkert werden. In Neckarwestheim befürchtet man, dass der Atommüll bleibt. „Die mittlere Generation erlebt das nicht mehr, dass die Castoren da rauskommen“, sagt der Bürgermeister Jochen Winkler.

Was ist mit den anderen Standorten?

Das Kernkraftwerk Obrigheim im Neckar-Odenwald-Kreis ging schon 2005 vom Netz. Der Rückbau des ältesten Atommeilers in der Bundesrepublik ist bereits in der vierten und damit letzten Phase angekommen. Spätestens 2025 soll die Demontage abgeschlossen sein und das Gelände neu genutzt werden. Wie, das steht noch in den Sternen: Die Gemeinde hofft, die EnBW am Standort halten zu können – etwa in Kooperation­ mit Start-up-Unternehmen im Energiesektor, sagt der Obrigheimer Bürgermeister Achim Walter. Im Kernkraftwerk Philippsburg wird Block I seit Mai 2017 abgebaut. Block II muss spätestens Ende 2019 vom Netz. Der Rückbau ist bereits beantragt und wird ähnlich lang dauern wie beim GKN. In Philippsburg baut die Transnet auf dem Kraftwerkgelände einen Stromkonverter. Der ist Teil der Gleichstromleitung Ultranet, die Windkraftenergie von Norddeutschland nach Süden transportiert. In Neckarwestheim gibt es noch keine konkreten Pläne.

Was für Abfall fällt an?

Allein vom GKN I bleiben 331 000 Tonnen Bauschutt übrig. Beim GKN II werden es über 800 000 Tonnen sein. Der Großteil davon, 96 bis 98 Prozent, wird laut der EnBW direkt wiederverwertet oder entsorgt. Etwa ein Prozent bleibt als schwach- bis mittelradioaktives Material auf dem Gelände. Dieses wird im neuen Reststoffbearbeitungszentrum behandelt, um die Strahlung zu verringern. Danach kommt das Material in das Standort-Abfalllager, das ebenfalls zurzeit gebaut wird – so lange, bis Schacht Konrad als Lager für schwach- bis mittelradioaktiven Müll zur Verfügung steht, was 2027 der Fall sein soll. Die übrigen ein bis drei Prozent werden als sogenannter freigemessener, leicht strahlender Bauschutt in den Deponien im Kreis Ludwigsburg und Heilbronn verbaut. Vor allem im Kreis Ludwigsburg haben sich die Bürger und der Kreistag dagegen gewehrt: vergeblich. Im Februar erfolgte die Freigabe.

Was sagen die Kritiker?

„Auch eine zugegebenermaßen niedrige Strahlung birgt ein gesundheitliches Risiko“, sagt Dierk-Christian Vogt, ein Sprecher der Initiative, die sich gegen die Einlagerung des freigemessenen Bauschutts wehrt. Sie fordert, das Material auf dem Kraftwerkgelände unter atomrechtlicher Aufsicht zu belassen, statt es in den Recyclingkreislauf zu bringen. „Mich schaudert beim Gedanken, dass daraus Klettergerüste für Kinder entstehen“, sagt Vogt. Die Strahlung werde bei maximal zehn Mikrosievert pro Jahr liegen und sei damit zu vernachlässigen, betont dagegen der Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) stets. Jeder Mensch sei jährlich 2100 Mikrosievert natürlicher Strahlung ausgesetzt.