Ingenieur Innovation Gründerporträt: Cikoni setzt auf Leichtbau

Von Oliver Schmale 

Die Stuttgarter Gründer Farbod Nezami und Jan-Philipp Fuhr von der Cikoni Ingenieurgesellschaft sehen in der Gewichtsreduzierung nicht nur im Transportsektor, sondern auch im Maschinen- und Anlagenbau noch große Einsparpotenziale.

Große Einsparpotenziale in vielen Branchen sehen die beiden Unternehmer Jan-Philipp Fuhr (links) und Farbod Nezami durch den verstärkten Einsatz von Werkstoffen wie Carbon. Foto: Verena Müller
Große Einsparpotenziale in vielen Branchen sehen die beiden Unternehmer Jan-Philipp Fuhr (links) und Farbod Nezami durch den verstärkten Einsatz von Werkstoffen wie Carbon. Foto: Verena Müller

Stuttgart - Farbod Nezami und Jan-Philipp Fuhr haben bei der Gründung ihres Entwicklungsdienstleisters Cikoni, der sich dem Leichtbau verschrieben hat, bewusst auf staatliche Fördermittel verzichtet. Das hat einen einfachen Grund, wie Fuhr erläutert. Die Bürokratie verschlinge einen Großteil der in der Anfangsphase ohnehin nur begrenzt verfügbaren personellen Ressourcen, die an anderer Stelle wesentlich effektiver zur Wertschöpfung beitrügen.

Aber warum Leichtbau? Ohne Carbonfasertechnologie würden Radklassiker wie der Giro d’Italia oder die Tour de France wohl deutlich langsamer rollen. Im Radsport gehören die superleichten Rahmen aus dem noch teuren, aber sehr stabilen und belastbaren kohlenstoff­faserverstärkten Kunststoff schon seit Jahren zum Standard, ebenso im Flugzeugbau. Auch die Automobilindustrie setzt zunehmend auf Leichtbau.

Cikoni setzt darauf, dass etwa Autos stark abspecken müssen

Denn bei Autos mit Verbrennungsmotor führt der Weg zur Einhaltung der verschärften Klimavorgaben über die Gewichtsreduzierung. Bei Karosserie oder Motor ist ein Großteil der Potenziale aber schon ausgeschöpft. Oder es kommen andere Werkstoffe zum Einsatz wie Aluminium. Jetzt geht es um andere Bauteile.

Beispielsweise um Teile im Bereich des Fahrwerks, wie Nezami von dem im August 2015 gegründeten und in Stuttgart ansässigen Entwicklungsdienstleister Cikoni Ingenieurgesell­schaft mbH berichtet. Es werde mechanisch stark belastet, sagt der 32 Jahre alte Unternehmensgründer. „Außerdem wird es heiß.“ Durch den Einsatz von Leichtbaumaterialien könne das Gewicht erheblich reduziert werden. Bei der Entwicklung für einen Kunden sei schließlich am Ende statt 20 Kilo ein Gewicht von 13 Kilogramm herausgekommen, bei gleicher mechanischer Belastbarkeit.

Das Aufspüren des Potenzials ist nicht einfach

Nezami und Jan-Philipp Fuhr bieten Entwicklungsleistungen rund um das Thema Leichtbau an. Das Aufspüren des entsprechenden Potenzials ist nicht immer einfach. Oftmals müsse am Anfang geklärt werden, ob entsprechende Bauteile überhaupt mithilfe der Carbonfasertechnologie darstellbar seien, so der Ingenieur Nezami, der von Haus aus Maschinenbauer ist. Er und Fuhr hatten sich während ihrer Promotion kennengelernt. Zusammen mit einem Bekannten haben sie das Unternehmen gegründet.

Aus dem Trio ist inzwischen ein Duo geworden. Das Unternehmen, das 2017 einen Umsatz im „hohen sechsstelligen Bereich“ erzielte und aktuell insgesamt sechs Mitarbeiter zählt, habe seit dem zweiten Monat seines Bestehens schwarze Zahlen geschrieben. Fuhr kommt aus dem Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik. Diesen Bereich und die Medizintechnik wollen die beiden Gründer nun verstärkt in den Fokus nehmen.

Bisher 70 Prozent des Geschäfts mit den Autoherstellern

Bislang machen sie 70 Prozent ihres Geschäfts mit der Automobilindus­trie. Seit BMW vor einigen Jahren seine Carbon-Offensive startete, sei das Thema in aller Munde, sagt Nezami. Doch nicht nur dieser Werkstoff zählt zum Leichtbau, sondern auch hochfeste Stähle oder Aluminium. Größter Wachstumsmarkt für den Leichtbau ist neben dem Transportsektor der Maschinenbau. In ihm lassen sich nach Angaben der entsprechenden baden-württembergischen Landesagentur so jährlich 1,5 Millionen Tonnen Stahl einsparen.

Das sind mehr als zwei Millionen Tonnen des klimaschädlichen Treibhausgases Kohlendioxid und entspricht den jährlichen Emissionen einer Stadt wie Lübeck. Doch die Fortschritte im Maschinen- und Anlagenbau erfolgen nicht von heute auf morgen, sondern in eher kleinen Schritten, glaubt Nezami. Der Maschinenbau sei bei neuen Materialien eher zurückhaltend. Außerdem gebe es noch Vorurteile gegen Carbon.

Noch dominieren Blech und Stahl

So wird der Werkstoff als zu teuer angesehen. Die ganze Fertigung sei noch weitgehend auf Blech und Stahl ausgelegt. Fuhr und Nezami sind überzeugt, dass ein Mix der verschiedenen Materialien eine Lösung sein könnte. Sie haben im Auftrag eines Kunden einen Roboterarm entwickelt, der weniger als ein Kilogramm wiegt. Er besteht aus seitlichen Metallschienen und einer Carbonfaserhülle, die mit Schaum gefüllt ist.

Das Unternehmen profitiert natürlich auch vom beginnenden Boom der Elektromobilität. Denn die Batterietechnik bringt erst mal viel Gewicht ins Fahrzeug und gleichzeitig ist die Reichweitenerhöhung zentrales Thema. Bei beiden Themen seien innovative Leichtbaulösungen gefragt, die auch aus Kostensicht Sinn machten. „Von diesem Trend profitieren wir als Leichtbau-Entwicklungspartner natürlich“, sind die beiden überzeugt. Sie wollen auf jeden Fall weiter durchstarten und das Wachstum vorantreiben.

Geringe Größe macht beweglich

Es sollen schrittweise neue Märkte erschlossen werden. Es ist an die Internationalisierung gedacht. Das Ingenieurs-Duo sieht in seiner jetzigen Organisationsform durchaus Vorteile.

„Unsere geringere Größe gegenüber etablierten Entwicklungsdienstleistern stellt sich dabei eher als Vorteil denn als Nachteil dar, auch weil wir dadurch unseren Kunden sehr kurze Kommunikationswege bieten können, die ein hohes Maß an Verbindlichkeit und persönlicher Verantwortung zum Ausdruck bringen“, heißt es bei Cikoni.

Fragebogen: Gründertipps von Farbod Nezami und Jan-Philipp Fuhr

An welchem Ort kommen Ihnen die besten Ideen?

Bei gemeinsamen Teammeetings an unserem Whiteboard.

Wie wappnet man sich gegen den Schock, wenn die tolle Idee mit der bitteren Realität konfrontiert wird?

Daran gewöhnt man sich. Bei jeder Idee gibt es in der Umsetzung Hindernisse zu überwinden. Diese frühzeitig zu erkennen, anzugehen und wenn möglich zu überwinden, ist es letztlich, was unsere Arbeit als Gründer und Entwickler ausmacht.

Aus welchem Scheitern haben Sie das meiste gelernt?

Manche vielversprechende Idee ist in der ersten Zeit nach der Gründung wieder in der Versenkung verschwunden, weil wir zu viele Baustellen gleichzeitig bedienen wollten. Eine thematische und technologische Fokussierung ist enorm wichtig, vor allem bei einem diversifizierten Portfolio, das wir als Entwicklungspartner und Innovationstreiber aufrechterhalten.

Was ist der größte Irrtum, wenn es darum geht, kreativ sein zu wollen?

Kreativ sein funktioniert nicht auf Knopfdruck – kreative Lösungen sind ein Produkt aus der Offenheit für Neues, einer Portion Neugier und dem gesunden Drang, Dingen auf den Grund zu gehen. Wir versuchen, diese Fähigkeiten in unserem Unternehmen zu kultivieren, sind uns aber gleichzeitig bewusst, dass Kreativität kein Selbstzweck ist.

Wann haben Sie selber mal zu jemanden „Das geht nicht!“ gesagt?

Das passiert eigentlich täglich, dass wir auch Erwartungen bremsen müssen, und gehört zum aufrichtigen Entwickeln dazu.

Welcher Erfinder der Geschichte wären Sie gern gewesen?

Carl Benz, der Erfinder des Automobils. Seine Erfindung hat die Welt verändert und befindet sich derzeit selbst im wohl umfangreichsten und schnellsten Transformationsprozess ihrer Geschichte.