Tiny House in Schorndorf Ingrid Bedorfs 28 Quadratmeter Glück
Sie hat auf vieles verzichtet und wochenlang ausgemistet, um sich mit ihrem Tiny House einen Traum zu erfüllen. Ein Hausbesuch bei der 62-jährigen Ingrid Bedorf in Schorndorf.
Sie hat auf vieles verzichtet und wochenlang ausgemistet, um sich mit ihrem Tiny House einen Traum zu erfüllen. Ein Hausbesuch bei der 62-jährigen Ingrid Bedorf in Schorndorf.
Eines gleich mal vorweg: Das Teil ist ein richtiges Haus. Kein aufgebockter Wohnwagen mit Rädern. Keine Baracke. Kein Container. Sondern: ein echtes Holzhaus mit Fundament. Und auch wenn es zugegebenermaßen auf den ersten Blick etwas kleiner ausschaut als die anderen Häuser in der Nachbarschaft, so darf sich seine Besitzerin etwas darauf einbilden, dass es mit Abstand das interessanteste und auffälligste Gebäude im Lindenweg am Schorndorfer Stadtrand ist.
Gute Architektur macht neugierig. Zwei spazierende Paare und auch die beiden Rennradfahrer: Sie alle bleiben staunend stehen, bohren mit den Zeigefingern Löcher in die Luft, debattieren an diesem sonnigen Tag über die drei Minihäuser am Bach, fotografieren sie schließlich mit ihren Smartphones. Jetzt erst versteht man, was mit kommunikativer Architektur gemeint ist. „Das ist noch gar nichts. Hier ist einiges an Unterhaltung geboten“, sagt Ingrid Bedorf und bittet den Besucher in die Wohnküche. „Es kommt schon vor, dass ich auf der Couch liege, und es klopft jemand gegen die Scheibe.“ Vor allem an den Wochenenden sei sie schon mal zwei, drei Stunden lang damit beschäftigt, Auskunft zu erteilen, sagt die 62-Jährige und gießt Kaffee ein.
Das wird sich wohl auch nicht so schnell ändern. Denn Tiny Houses, also Minihäuser mit Wohnflächen von 20 bis 50 Quadratmetern, liegen im Trend. Und das, obwohl sie so etwas wie die Einhörner der Bauwirtschaft sind. Kein Haustyp ist seltener in Deutschland anzutreffen, und dennoch ist andauernd davon die Rede. Fast 70 000 Mitglieder zählt die gleichnamige Gruppe auf Facebook, in den sozialen Medien tauschen sich die Interessenten aus und hoffen auf Inspirationen und wertvolle Tipps. „Hallo, könnte jemand eine Firma empfehlen, die Tiny Houses (auf Rädern) auch baufertig verkauft, also ohne Möbel und Ausstattung, bis 3,5 Tonnen?“, fragt eine Evi. Und Andreas schwärmt beim Anblick eines Fotos mit einem luxuriös anmutenden Tiny House, das eine Firma gepostet hat: „Also eine überdachte Terrasse ist natürlich der Burner.“
Mit einem Tiny House ist eine bestimmte Lebenshaltung verbunden, gerade jüngere Leute wollen heutzutage minimalistisch leben, sich beschränken, mit weniger Dingen und Raum im Alltag auskommen. Und natürlich befeuert auch die Wohnkrise die Sehnsucht nach einem bezahlbaren Eigenheim mit Stil. Doch für die meisten wird das Tiny House nur ein Traum bleiben, schließlich kann man es nicht irgendwo abstellen. Das Errichten eines Minihauses unterliegt der Baugesetzgebung. Man benötigt wie beim konventionellen Einfamilienhaus einen Bauplatz, eine Baugenehmigung und natürlich alle notwendigen Anschlüsse für Strom und Wasser.
Und schon wird’s kompliziert. Schließlich sind geeignete Bauplätze rar und teuer in den Ballungsräumen. Zudem erfordert die Umwidmung von Brachflächen in Bauland für Tiny Houses auch von den Verantwortlichen in den zuständigen Behörden Mut und Kreativität, die meist fehlen. Willkommen in der Realität des deutschen Wohnwahnsinns!
Oder in Schorndorf. Die Stadt ist in Baden-Württemberg Vorreiter in Sachen Tiny-House-Siedlungen – drei von fünf Mikrohäusern stehen auf dem schmalen Rasenstück zwischen Bachlauf und Fußgängerweg im Lindenweg. Der Gemeinderat hatte das prestigeträchtige Modellprojekt befürwortet, um herauszufinden, ob und wie Restflächen sinnvoll nachverdichtet werden können. Die Grundstücke sollten für zehn Jahre verpachtet werden, Interessenten durften sich bewerben, annähernd 1000 waren es am Ende. Nicht alle erfüllten die gestellten Bedingungen. Die künftigen Bewohner der fünf Tiny Houses sollten ortsansässig sein, in der Nähe arbeiten und beim Hausbau auf ökologische Materialien und alternative Energieträger achten.
Ingrid Bedorf bekam den Zuschlag. Seit fast 25 Jahren arbeitet sie als Jugend- und Heimerzieherin im nahe gelegenen SOS Kinderdorf, ihr soziales Engagement war sicherlich nicht von Nachteil bei der Bewerbung.
Die sympathisch lächelnde Pädagogin mit dem grauen Haarschopf lebt allein auf 28 Quadratmetern. Neben der Wohnküche mit der Couch und den Regalen gibt es noch ein kompaktes Badezimmer mit einer Dusche sowie ein Schlafzimmer. Durch die bodentiefen mehrfach verglasten Fenster ist der Raum lichtdurchflutet, er wirkt nicht beengt. Vor den Panorama-Fenstern, die das Grün der Umgebung und viel Sonnenschein hereinholen, sind Lamellen-Vorhänge angebracht, die schützen vor allzu dreisten Blicken. Die Wärme besorgt eine Infrarot-Bodenheizung, eine Fotovoltaikanlage liefert den Strom. Jede Steckdose hat Ingrid Bedorf selbst geplant. „Ich habe das super hinbekommen, ich war stolz wie Bolle, als es fertig geworden ist.“
Doch bis zum Einzug im Februar wurde es stressig – und teurer als geplant. „Man muss an unheimlich viele Sachen denken“, erinnert sich Bedorf mit Kopfschütteln, die noch nie zuvor ein Haus gebaut hatte. Zunächst musste sie eine Firma finden, die ihr ein Tiny House baut und liefert. Sie entschied sich für das Modell eines Anbieters in Nordrhein-Westfalen, das 60 000 Euro kostete. Außerdem benötigte sie für die Baugenehmigung die Expertise eines Architekten. Ein Kran musste her, dazu ein Punktfundament mit 21 Steinen, die Absperrung der Straße nicht zu vergessen. „Mein Tiny House stammt übrigens aus der Ukraine und kam nach Schorndorf mit dem Sattelschlepper“, sagt Bedorf mit einer gewissen Genugtuung. Der Fahrer wurde nach seiner langen Fahrt von solidarischen Nachbarn spontan mit einem Frühstück versorgt. Am Ende kamen 25 000 Euro an Mehrkosten hinzu.
Beinahe noch anspruchsvoller als die Planung des neuen Zuhauses war aber der Abschied vom Gewohnten. Ingrid Bedorf lebte in einer Dreizimmerwohnung mit 78 Quadratmetern im Stadtteil Adelberg, da sammelt sich in einem Leben schon etwas an. Man muss sich genau überlegen, auf was man verzichten kann und will. „Die Schuhe und Taschen waren das Schlimmste“, erzählt Bedorf. Das Esszimmer hat sie verkauft, die Küche hat die Nachbarin übernommen. Vieles hat sie verschenkt, manches umgebaut: So hat sie den alten Couchtisch zersägt, dessen Füße nun einen Teil des Regals bilden. Auch das Bett wurde schmaler, 120 statt 140 Zentimeter.
Jeder Quadratzentimeter wird ausgenutzt. Mittlerweile kommt Ingrid Bedorf mit einem Kleiderschrank von einem Meter Breite aus, der persönliche Papierkram passt in acht Aktenordner. Beneidenswert. „Man besitzt nur Ballast“, sagt Bedorf. „Wozu brauche ich eine Dreizimmerwohnung? Ich wohne in einem Zimmer, im anderen schlafe ich. Der Rest ist für die Katz‘.“
So viel Selbstdisziplin ist nicht jedem gegeben, rückblickend komme ihr dieser wochenlange Prozess des Verzichtens und Weggebens wie ein Akt der Befreiung vor. „Wer in ein Tiny House zieht, muss genau wissen, was er will“, sagt Bedorf und widerlegt die These, dass dieser merkwürdige Trend nur etwas für Jüngere sei. „Alles ist ebenerdig. Und wenn ich mal mit dem Rollator unterwegs sein sollte, kann ich auch hier im Alter leben, ohne einsam zu sein“, sagt Bedorf. „Ich wollte Grün drumherum haben. Ich liebe es, in der Natur zu sitzen und schaue den Eichhörnchen und den Rehen zu. Die Nachbarn sind freundlich, jeden Tag kommt man ins Gespräch, da ich viel Zeit draußen verbringe. Auf mein Auto kann ich in der Rente ebenfalls verzichten, weil der Bus nur ein paar Meter weiter hält. Ich bin glücklich.“ Das Tiny House als praktisches, weil barrierefreies Seniorendomizil? Warum nicht.
Und die Pacht von gut 200 Euro kann man sich auch mit einer kleinen Rente noch leisten. Man muss nur ein wenig ausmisten, bewusst verzichten. Sich selbst kennenlernen.