Insolvenz beim Traditionsbetrieb Grau Mitarbeiter empört über Bäckerei-Chefin

Auf ihr Brot waren die Beschäftigten stets stolz. Doch der ausbleibende Lohn und das schlechte Betriebsklima sorgten schon lange für Unzufriedenheit (Symbolbild). Foto: IMAGO/imagebroker Foto:  

In persönlichen E-Mails und über ein Bewertungsportal im Internet stellt die Belegschaft der Fellbacher Traditionsfirma schlechte Noten aus. Teilweise mussten fünfstellige Gehaltsbeträge eingeklagt werden. Auch das Betriebsklima war offenbar unterirdisch.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Als die Fellbacher Bäckereichefin Ines Grau im Sommer über die finanzielle Schieflage ihres Unternehmens sprach, ist ein paar Menschen aus dem Dunstkreis des Familienbetriebs vor Zorn fast eine Ader geplatzt. Empörte E-Mails aus den Reihen ehemaliger Bäckereimitarbeiter gingen in der Redaktion ein, in anonymen Schreiben aus der aktuellen Belegschaft wurde kaum ein gutes Haar am Kurs der Firma gelassen. Bei Grau, so der Eindruck bei der Lektüre, ist nicht nur die wirtschaftliche Bilanz schlecht.

 

Auslöser der größtenteils bitterbösen Kommentare über das offenbar miserable Betriebsklima war vor allem die von Ines Grau geäußerte Hoffnung, dass es mit dem Traditionsbetrieb nach einem Schuldenschnitt wieder aufwärts geht. „Das mit der Insolvenz hört sich dramatischer an, als es ist. Ich sehe das als Chance für einen Neuanfang“, sagte die Inhaberin im Juli. Beim an der Verkaufstheke und in der Backstube noch arbeitenden Personal kam der Satz als eine beispiellose Verharmlosung der drohenden Zahlungsunfähigkeit an. Die Schuld am Niedergang, so die hinter vorgehaltener Hand erhobene Klage, suche die Chefin leider selten bei sich.

„Nach außen ist alles super bei der Bäckerei Grau. Hinter der Fassade bröckelt’s.“

„Nach außen ist alles super bei der Bäckerei Grau. Aber hinter der Fassade bröckelt es. Neue Filialen werden eröffnet, obwohl man noch nicht mal das Geld hat, um uns Beschäftigte zu bezahlen“, steht in einer Reaktion auf die damalige Berichterstattung. Besonders erregte die Gemüter, dass Geschäftsführerin Ines Grau neben dem coronabedingten Umsatzeinbruch auch die dünne Personaldecke als Grund für die finanziellen Schwierigkeiten genannt hatte. Fürs Backen in hochwertiger Qualität und rein handwerklicher Tradition, die auch bei der Kundschaft sehr geschätzte Philosophie des Fellbacher Unternehmens, würden dem Betrieb schlichtweg die nötigen Arbeitskräfte in der Produktion fehlen.

Bei den Beschäftigten kam der Hinweis auf einen angeblich leer gefegten Stellenmarkt im Backhandwerk alles andere als gut an. Die Schwierigkeiten bei der Suche nach Personal, so die Sicht der Mitarbeiterschaft, seien ein ausgesprochen hausgemachtes Problem. „Es ist ja kein Zufall, wenn in der Backstube nur noch ein Viertel der Stellen auch besetzt ist“, heißt es in einer E-Mail. Neben mangelnder Wertschätzung, einem eher rauen Umgangston und einer offenbar weitgehend fehlenden Einarbeitung neuer Kollegen wird unter Beschäftigten immer wieder auch das angeblich über Wochen und Monate ausbleibende Gehalt genannt. „Wer seine Angestellten nicht verlieren will, sollte sich angewöhnen, die Löhne pünktlich und in vollem Umfang zu bezahlen“, schreibt ein Bäckereimitarbeiter. Wenn es überhaupt mal Geld gegeben habe, sei ein vergleichsweise kleiner Teilbetrag ausbezahlt worden – in bar, nicht als Überweisung aufs Konto.

Lohn gab’s offenbar oft erst nach Monaten – und dann auch nur als Teilbetrag

Die Probleme mit der Bezahlung macht auch Elke Lang als den eigentlichen Grund für den Frust in der Mitarbeiterschaft aus. „Wir haben gern in der Bäckerei gearbeitet und wären sicher auch noch dort, wenn die Kommunikation mit der Geschäftsleitung besser gewesen wäre. Die Produkte sind gut, es wird sehr viel Wert auf die Qualität gelegt. Aber durch den monatelang ausbleibenden Lohn waren ich und viele Kolleginnen gezwungen, die Notbremse zu ziehen, bevor die Ersparnisse aufgebraucht sind“, sagt die ehemalige Mitarbeiterin, die ihren richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen will.

Die Frau, die für Ines Grau früher sogar die Illustrationen für einen an die Kunden verteilten Brotkalender gezeichnet hat, spricht von Beträgen in fünfstelliger Höhe, die sie mit Zusatzkosten für den juristischen Beistand auf dem Rechtsweg einklagen musste. „Das ist kein Einzelfall, wir sind sehr viele ehemalige Mitarbeiter, die allesamt noch nicht ausbezahlt worden sind“, sagt sie.

Auch auf einem Bewertungsportal im Internet hagelt es für Grau schlechte Noten

Das deckt sich mit den Einträgen auf einem Bewertungsportal im Internet, auf dem die Belegschaft der Fellbacher Bäckerei ihrem Ärger über den Arbeitgeber offenbar gesammelt Luft gemacht hat. 22 Beiträge sind auf der Website kununu.com binnen der letzten acht Jahre zur Bäckerei Grau ins Netz gestellt worden, allesamt fallen sie mit Klagen über schlechte Arbeitsatmosphäre, einen Mangel an ehrlichem Miteinander und eben die ausbleibenden Lohnzahlungen sehr negativ aus. Auch wenn die Aussagekraft der persönlichen Bewertungen mit Vorsicht zu genießen ist, weil sich in der Anonymität des Internets gegen den Chef endlich mal vom Leder ziehen lässt, wirft die Häufung doch ein bemerkenswertes Schlaglicht aufs offenbar deutlich angekratzte Betriebsklima. Die Bäckerei Grau jedenfalls landet bei gerade mal 1,8 von fünf möglichen Punkten – der Durchschnittswert bei Handwerksbetrieben fällt mit 3,4 Punkten deutlich besser aus.

Bäckereichefin Grau hatte finanzielle Schwierigkeiten beim Bekanntwerden des Insolvenzantrags bedauert und eingeräumt, dass es in der Vergangenheit auch Probleme mit den Lohnzahlungen gegeben habe. Bei dem 1939 gegründeten Traditionsbetrieb soll jetzt bekanntlich eine Schrumpfkur den Weg in eine bessere Zukunft ebnen. Der als Insolvenzverwalter mit der Durchleuchtung der Bäckereifinanzen betraute Stuttgarter Rechtsanwalt Markus Eibofner will neben der Filiale im Lindle auch die Niederlassung an der Bebelstraße im Stuttgarter Westen abstoßen, um für die Sanierung frisches Geld in die Kasse zu bekommen.

Der Verkauf von zwei Filialen soll jetzt frisches Geld in die Kasse spülen

Mit einem Käufer ist sich Eibofner offenbar einig, letzte Details werden dieser Tage abgestimmt. Um welches Unternehmen es sich bei der Übernahme handelt, will der Insolvenzverwalter mit Blick auf die noch fehlende Unterschrift bisher noch nicht bekannt geben. Die Beschäftigten der beiden Filialen können bei der Bäckerei Grau bleiben oder auch zum neuen Arbeitgeber wechseln – wie die Entscheidung ausfällt, ist für viele ehemalige Mitarbeiter keine Frage.

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