Integration benachteiligter Menschen Inklusion ist Illusion

Von StZ 

Benachteiligte Menschen sollen besser integriert werden, doch das funktioniert nicht immer. Viele Schwerstbehinderte bleiben auf der Strecke. StZ-Autor Martin Tschepe über seine Erfahrungen als Betreuer einer behinderten Frau.

Die schwerstbehinderte Helga Feyerabend fährt für ihr Leben gerne Auto. Foto: Gottfried Stoppel
Die schwerstbehinderte Helga Feyerabend fährt für ihr Leben gerne Auto. Foto: Gottfried Stoppel

Waiblingen - Aaada!“ Sie ist nicht zu überhören. Wie immer. „Aaada“ schallt es durch die Räume des Behindertenwohnheims im Remstal. Helga Feyerabend ist eine kleine Person. Keine 1,50 Meter groß. Aber sie macht sich lautstark bemerkbar. „Aaada!“, ruft Helga noch mal und noch mal. „Aaada“ ist eines der ganz wenigen Worte, die die 66-Jährige halbwegs verständlich aussprechen kann. Aaada heiß etwa: „Geh mit mir raus. Jetzt, auf der Stelle!“ Am liebsten lässt sich Helga, die seit ihrer Kindheit im Heim lebt, mit dem Auto chauffieren. Dabei ist es ihr ziemlich wurscht, wohin die Reise geht. Eine Spritztour in die nähere Umgebung oder sehr gern auch eine Urlaubsfahrt in den Süden. Zweimal ist sie mit ihrer Wohngruppe in Südfrankreich gewesen, lange her.

Seit vielen Jahren wird in den Heimen das Geld zusammengestrichen. In der stationären Behindertenhilfe jagt eine Sparrunde die nächste. Heute sind längst nicht mehr so viele Mitarbeiter auf den Wohngruppen beschäftigt wie vor fünfzehn oder vor zwanzig Jahren. Eine einwöchige Urlaubsfahrt? Ist für die Seniorin, für ihre Mitbewohner sowie das Mitarbeiterteam kaum mehr drin.

Wenn ich Helga abhole, dann fahren wir meistens für zwei oder drei Stunden in den Schwäbischen Wald. Gleich nach dem Verlassen des Wohnheims steuert sie schnurstracks auf mein Auto zu, schnallt sich an – und strahlt. Sobald der Motor läuft, ruft der Passagier wieder: „Aaada!“ Was diesmal heißt: „Fahr endlich los!“ Unterwegs halten wir mindestens einmal an – zum Essen. Und später mitunter noch mal zum Spazierengehen. Während des ersten Stopps gibt es bei einem Stehimbiss mitten in Welzheim eine fettige Bratwurst mit viel Senf oder bei McDonald’s in Backnang einen Hamburger und Pommes mit viel Ketchup.

Eine überschaubare Umgebung

Helga ist schwerstbehindert. Sie kann ganz ordentlich gehen, kapiert mehr als ein unbedarfter Beobachter zunächst annimmt. Doch ihre Fähigkeiten sind arg beschränkt. Sie hat nie eine Schule besucht. Wäre sie ein paar Jahre früher geboren worden, Helga hätte kaum eine Überlebenschance gehabt. Menschen wie diese liebenswürdige kleine Person, die auch mal garstig sein kann, wurden in Nazideutschland ermordet. Für unnütze Esser gab es im Tausendjährigen Reich keinen Platz. Helga hatte Glück. Sie hat im Januar 1947 in Esslingen das Licht der Welt erblickt.

Bald stellte sich heraus, dass ihr Hirn sehr stark geschädigt ist, dass sie niemals ein normales Leben wie ihre Mutter und ihr Vater würde führen können. Die Eltern waren überfordert. Die Tochter landete in einem Heim. Das ist viele Jahrzehnte her. Helga hat sich längst eingelebt in dem Wohnheim im Remstal, kennt sich aus in ihrer überschaubaren Umgebung. Ist ganz offenkundig meistens recht zufrieden.

Keine Frage, vieles könnte besser sein in Helgas Welt. Fehlendes Geld spielt dabei eine Hauptrolle. Weniger Geld bedeutet weniger Mitarbeiter und deshalb zwangsläufig weniger Freizeitbeschäftigung für die Heimbewohner. Statt ausreichender Finanzmittel gibt es neuerdings gute Ratschläge. Seit ein paar Jahren heißt das Zauberwort Inklusion.

Die wenigsten Politiker, die mit diesem Fach- und Modebegriff jonglieren, können überhaupt erklären, was sie damit meinen. Für sie steht aber fest: Integration, das war gestern. Heute sollen schwerstbehinderte Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder – Leute wie Helga – mit Inklusion beglückt werden. Die Aktion Mensch beschreibt Inklusion so: Jeder erhalte die Möglichkeit, „sich vollständig und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen“: in der Schule, im Berufsleben, im Urlaub, im Alltag – immer und überall. Hört sich richtig gut an. Ist für viele Behinderte auch eine gute Möglichkeit. Für Menschen wie Helga aber eine Illusion. Viele schwerst mehrfachbehinderte Menschen bleiben auf der Strecke. Sie werden bei der herrschenden Inklusionseuphorie bestenfalls vergessen – oder bewusst ignoriert.