Integration Die Scheu vor dem Kopftuch nehmen

Von Wenke Böhm 

Ein von einer UN-Stiftung ausgezeichnetes Stuttgarter Pilotprojekt soll Frauen mit muslimischem Migrationshintergrund den Weg in den Job ebnen. Das Preisgeld von 20 000 Euro dient als Startkapital.

  Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone
  Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Innenstadt - Die Kaffeemaschine läuft und verbreitet einen wohligen Duft im Globalen Klassenzimmer über dem Weltcafé am Charlottenplatz. Auf den Tischen stehen Kekse und grüne Trauben. Gespannt warten die jungen Ehrenamtlichen vom Wow-Team auf die Teilnehmerinnen. Ihr Projekt ist noch in der Startphase, Vorfreude und Spannung sind greifbar.

Wow steht für „With or Without“ – mit oder ohne Kopftuch. Gerade mit Blick auf die hohen Flüchtlingszahlen möchte die Initiatorin und Politikdoktorandin Lara-Zuzan Golesorkhi Frauen mit muslimischem Migrationshintergrund helfen, auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Viele machten bislang die Erfahrung, dass ihnen bei der Jobsuche Steine in den Weg gelegt werden, sagt die 28 Jahre alte Stuttgarterin mit deutscher Mutter und iranischem Vater, die in den USA studiert hat. „Das gilt auch für Migrantenkinder, die schon in zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben.“ Äußere Merkmale wie ein Kopftuch brauche es dafür nicht unbedingt. „Schon der Name kann dazu führen, dass Arbeitgeber oder Betriebsräte denken, dass die Frau nicht in ihre Firma passt.“

Projektidee mit UN-Preis ausgezeichnet

Vor dem Start hat das Wow-Pilotprojekt bereits einen großen Erfolg eingefahren: einen UN-Preis. In dem Wettbewerb von der Unhate-Stiftung und des United Nations Academic Impact wurden Ideen gegen Intoleranz gesucht. Für ihren Projektentwurf erhielt Golesorkhi 20 000 Euro Preisgeld, mit dem sie das Projekt im ersten Jahr finanzieren kann. Wichtig ist ihr aber auch: „Der Gewinn zeigt mir, dass das Thema auch auf UN-Ebene als wichtig und förderwürdig empfunden wird.“

Wow steht auf drei Säulen. Die wohl wichtigste sind die Berufsvorbereitungskurse – Seminare jeden zweiten Montag und vertiefende Workshops jeweils am Mittwoch danach. Hier werden Frauen mit muslimischem Migrationshintergrund darüber informiert, was sie auf dem deutschen Arbeitsmarkt erwartet. Es geht um die Gesetzeslage und die derzeitige Situation für Frauen muslimischer Herkunft, Informationen zur Arbeitsplatzsuche und zu Bewerbungen. Eine Einheit dauert einen Monat lang. Das Angebot läuft sechs Monate, also bis zum Herbst. Die Teilnahme ist kostenlos. Einsteigen können die Frauen jederzeit, nach Absprache gibt es auch eine Kinderbetreuung.

Im zweiten Projektteil geht das Wow-Team auf Arbeitgeber in der Region zu und wirbt dafür, Frauen mit Migrationshintergrund anzustellen. So soll ein Dialog angestoßen und ein Netzwerk aufgebaut werden. Ihr Wunsch ist eine Selbstverpflichtung der Betriebe, Frauen rein auf Basis ihrer Qualifikation einzustellen – egal ob mit oder ohne Kopftuch. Im dritten Teil macht Wow sich politisch für mehr Toleranz stark, mit Infoständen und Aktionen in der Stadt, aber auch auf anderen Kanälen.

Arbeitgeber-Netzwerk soll aufgebaut werden

Neun Ehrenamtliche arbeiten Hand in Hand, um alles auf die Beine zu stellen. Viele von ihnen sind Studentinnen aus Stuttgart und Tübingen. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagte die 20 Jahre alte Lale Diklitas, die in Tübingen Islam- und Politikwissenschaften studiert. Sie trägt ein Kopftuch, und sie kennt die Vorurteile. „Ich bin sehr froh, in diesem Team zu sein. Ich lerne sehr viel und bin gespannt, was noch auf mich zukommt“, sagt Lale Diklitas.

Das Warten und Hoffen der jungen Frauen in der Startphase lohnt sich: Zu den ersten zwei Berufsvorbereitungstagen kommen je fünf Teilnehmerinnen, obwohl das Projekt gerade erst anläuft. Als nächstes wollen die Mitarbeiter Kontakte zu den Firmen knüpfen. Die politische Kampagne ist ebenfalls angelaufen. Im Herbst gehe es dann an die Auswertung des Pilotprojekts.

Parallel sucht das Team bereits jetzt nach Wegen, um das Projekt auch über das erste Jahr hinaus zu finanzieren. Mit der Gründung des Wow-Vereins haben sie bereits eine wichtige Voraussetzung geschaffen. Außerdem stellen sie ihr Projekt im Internet vor und hoffen auf Unterstützer.

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