ZF-Vorstandschef Scheider „Der autonome Traktor kommt 2019“

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Als neuer Vorstandschef von ZF setzt Wolf-Henning Scheider verstärkt auf den Industriesektor. Autonome Fahrzeuge etwa würden in der Landwirtschaft schneller zum Einsatz kommen, als auf der Straße, erwartet der Top-Manager.

ZF-Chef Wolf-Henning ­Scheider  sieht Spielraum für  weitere Zukäufe. Foto: ZF
ZF-Chef Wolf-Henning ­Scheider sieht Spielraum für weitere Zukäufe. Foto: ZF

Stuttgart - Wolf-Henning Scheider hat im Februar 2018 den Vorstandsvorsitz bei ZF in Friedrichshafen übernommen. Eine Konzern-Zwischenbilanz will er Ende Juni ziehen. In seinem ersten Zeitungsinterview in seiner neuen Position kündigt Scheider einen Ausbau des Industriegeschäfts an. Auch Zukäufe stehen auf der Agenda.

Herr Scheider, vor Ihrem Wechsel zu ZF waren Sie für Autozulieferer tätig. Im April haben Sie erstmals die Hannover-Messe besucht. Wie war Ihr Eindruck?
Die Industriemesse bietet ein extrem spannendes Umfeld. Gerade in diesem Bereich tut sich bei neuen Technologien sehr viel. Das kommt uns wiederum auf der Pkw- und Nutzfahrzeuge-Seite zugute.
ZF hat etwa Technik für Traktoren und Gabelstapler. Wo sind die Herausforderungen größer – im Industrie- oder im Autogeschäft?
Beide Geschäftsfelder haben ihre Herausforderungen. Im Industriesektor hat ZF eine große Anzahl von Kunden, die individuell bedient werden will. Wir müssen flexibel auf ihre Wünsche eingehen, nur dann sind wir erfolgreich. Der Automotive-Sektor mit seinen wenigen, aber großen Kunden hat andere Herausforderungen. Wir sehen im technologischen Bereich vielfältige Synergien zwischen den beiden Geschäftsfeldern.
Welcher Bereich entwickelt sich dynamischer?
Autonomes Fahren ist weltweit das große Thema. Im Industriebereich werden wir schneller unsere Kunden beeindrucken und auch Geschäfte damit machen können. Zum einen weil in diesem Bereich schon immer neue Technologien zügiger eingeführt wurden. Zum anderen weil die Anwendungsgebiete weniger komplex sind. Ein voll automatisierter Traktor fährt vom sonstigen Verkehr klar abgegrenzt auf einem landwirtschaftlichen Feld. Das ist leichter beherrschbar als die Stuttgarter Innenstadt mit Autoverkehr, Radfahrern, Fußgängern und Haustieren. Daraus können wir lernen und uns Vorteile für den Pkw erarbeiten.
Wann wird denn der erste Traktor autonom ein Feld bearbeiten?
Mit unserer Technik bereits nächstes Jahr.
Haben Sie dafür bereits Kunden?
Ja. Ein Partner ist Lindner, ein österreichischer Traktorenhersteller. Er hat die ZF-Automatisierung bereits in seine Preisliste aufgenommen.
Wie viel mehr kostet ein solcher Traktor?
Das ist im Industriebereich ein sehr hoher Wert. Der Aufpreis für eine Vollautomatisierung eines Traktors liegt zwischen 50 000 und 100 000 Euro. Das liegt daran, dass Traktoren – im Vergleich zu Pkw – nur in sehr kleinen Stückzahlen gebaut werden. Aber der wirtschaftliche Nutzen ist dort viel schneller erreicht. Die Maschine kann das Feld vollautomatisch bearbeiten, während sich der Landwirt in dieser Zeit anderen Tätigkeiten zuwendet.
Kann man sich das so vorstellen, dass der Traktor einsam auf dem Feld seine Runden fährt, während sich der Landwirt an einem ganz anderen Ort befindet?
Das werden wir schneller erleben, als wir autonome Pkw auf der Straße sehen werden.
Sind Landwirte bereit, einen so hohen Aufpreis zu zahlen?
Das ist eine hohe Investition. Aber wenn man den Rückfluss sieht, wird sich die Maschine, die praktisch ständig im Einsatz sein kann, schnell amortisieren. Denkbar ist aber auch, dass man eine solche Maschine mietet und dann nach Einsatzstunden abrechnet. Damit entstehen neue Geschäftsmodelle etwa bei Dienstleistern, die sich darauf spezialisieren.
Wäre das auch eine Geschäftsidee für ZF?
Nein, das überlassen wir unseren Kunden.
Autonom und elektrisch fahrende Traktoren benötigen Batteriezellen und Sensoren. Ist das ein Thema für ZF?
ZF hat sehr viele Geschäftsfelder mit Entwicklungschancen. Wir haben eine gute Ausgangsbasis für den elektrischen Antrieb und für die Automatisierung. Die Felder, die wir gerade bearbeiten, erfordern hohe Vorleistungen. Darauf werden wir uns fokussieren. Es wäre nicht sinnvoll, unser Technologieportfolio jetzt noch weiter aufzufächern, zumal noch viele Fragen unbeantwortet sind. Die Elektrofahrzeuge werden jetzt kommen, aber wir alle wissen nicht, wie der Verbraucher sie annehmen wird. Der Anteil, den wir in neue Technologien investieren, ist bereits heute sehr hoch. Deswegen wollen wir keine weiteren neuen Technologien an Bord nehmen. Konkret heißt das, wir beschäftigen uns nicht mit der Batterie-Zelle und auch nicht mit der Gesamtbatterie.
Sensoren hat ZF selbst?
Durch die Übernahme von TRW sind wir bei Sensoren gut aufgestellt. Wir sind der weltgrößte Hersteller von Pkw-Kameras. Die Kameras werden in Koblenz hergestellt, aber auch in Werken in Großbritannien, China und den USA. Bei Radarsystemen, die etwa in Frankreich gefertigt werden, sind wir mit einem signifikanten Marktanteil unterwegs. Und wir werden das Geschäft weiter ausbauen.
Bekommen Sie derzeit ausreichend Bauteile, um Sensoren zu fertigen?
Bei elektronischen Bauelementen spüren wir immer wieder eine Verknappung – so wie alle anderen Mitspieler auch.
Wie laufen bei Ihnen die Geschäfte?
Das erste Quartal ist gut angelaufen. Wir erwarten in diesem Jahr ein organisches Wachstum von etwa fünf Prozent im Konzern. Der Industriebereich wird sogar etwas stärker zulegen. Vor allem in China sind wir in dem Bereich gut unterwegs. Was uns derzeit aber beschäftigt, sind die Materialpreiserhöhungen. Nicht zuletzt die Androhung von Sanktionen hat zu einer massiven Erhöhung der Aluminiumpreise geführt. Der Aluminiumpreis ist wegen der politischen Störfeuer zuletzt um über 300 Dollar je Tonne gestiegen. Für ZF kann das einen zweistelligen Millionenbetrag bedeuten.
Wie gehen Sie damit um?
Zunächst müssen wir die Versorgungssicherheit gewährleisten. Aber die Materialpreiserhöhungen bleiben bei uns zumindest teilweise hängen – und werden unser Ergebnis stärker belasten als bisher erwartet.
ZF ist beim Industriegeschäft breit aufgestellt. Breit genug?
In allen Geschäftsfeldern halten wir Ausschau nach attraktiven Partnern, die zu uns passen – auch im Industriebereich. Für uns sind Felder interessant, die eine technologische Verbindung zu bestehendem Geschäft haben.
Ihre Gesellschafter bremsen Sie nicht aus?
ZF hat sich in der Vergangenheit über Zukäufe erfolgreich entwickelt. Diese Strategie ist in unserem Haus hoch anerkannt. Die gute Entschuldung in den vergangenen drei Jahren hat dazu geführt, dass wir wieder in der Lage sind, auch größere Schritte zu unternehmen – wenn sich eine gute Möglichkeit bietet.