Interview mit IHK-Präsident Georg Fichtner „Ein Ende der Pflichtmitgliedschaft hätte viele Nachteile“

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Den Wahlerfolg von Kammerkritikern führt Georg Fichtner, Präsident der IHK Region Stuttgart, nicht auf Defizite zurück. Er führt ihn auf die geringe Wahlbeteiligung zurück.

IHK-Präsident Fichtner lehnt eine Reform der Kammerstrukturen ab. Foto: Zweygarth
IHK-Präsident Fichtner lehnt eine Reform der Kammerstrukturen ab. Foto: Zweygarth
Stuttgart – Georg Fichtner ist im Februar zum neuen Präsidenten der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart gewählt worden. Dabei setzte er sich gegen einen Kandidaten der kammerkritischen „Kaktus“-Initiative durch, die bei der Wahl zur Vollversammlung 22 der 100 Sitze errang. Im Interview erläutert Fichtner, wie er mit den Kritikern umgeht und welche Akzente er in den nächsten vier Jahren setzen will.
Herr Fichtner, was hat sich aus Ihrer Sicht durch die starke Präsenz der Kammerkritiker in der Vollversammlung geändert?
Der Ablauf der Vollversammlung ist lebhafter und unruhiger. Der Unterschied ist, dass wir jetzt eine ganze Reihe von neuen Mitgliedern in der Vollversammlung haben, die der Kammer kritisch gegenüberstehen.

Ist das eine Zäsur?
Nein. Wir hatten ja schon immer Diskussionen in der Vollversammlung und wir hatten auch schon immer Mitglieder in der Vollversammlung, die dem Bundesverband der Kammerkritiker sehr nahe standen. Also eine Zäsur ist das nicht. Es kommen jetzt mehr Fragen zur Tagesordnung, es kommen mehr Fragen zum Abstimmungsprozedere. Damit gehen wir um. Ich bin zugleich guter Hoffnung, dass diejenigen, die jetzt neu in der Vollversammlung sind, konstruktive Beiträge leisten und dass wir zurückfinden zu Sachthemen. Im Augenblick haben wir sehr viele Diskussionen über formale Abläufe, etwa darüber, wie Abstimmungen vorzunehmen sind und so weiter.

Solche Fragen sind ja nicht ganz uninteressant. Die Vollversammlung hat beispielsweise zusätzliche Mitglieder kooptiert – also hinzugewählt –, und die Kritiker sagen natürlich, dass dies geschehen sei, um ihren Einfluss einzudämmen.
Dieses Argument habe ich auch gehört. Ich teile es aber nicht. Wir haben bei der Kammer immer kooptiert, aber nicht, um irgendwelche Einflüsse zu beschneiden. Wir tun es, damit die Unternehmen und Branchen der Region möglichst gut in der Vollversammlung repräsentiert sind. Kooptationen sind rechtlich zulässig. Mitglieder, die wir kooptiert haben, haben durch ihre Beiträge in der Vollversammlung interessante Aspekte mit eingebracht und die Arbeit der IHK befruchtet.

Ist es demokratisch, wenn jemand kooptiert wird, der zuvor bei der Wahl durchgefallen war?
Ja, natürlich. Das ist nicht undemokratisch. Es ist das Recht einer Vollversammlung zu kooptieren, und das kann sie nutzen oder nicht. Auch die Bezirkskammern sind durch die Kooptierung jetzt besser in der Vollversammlung repräsentiert, als dies sonst der Fall gewesen wäre.

Werden Sie künftig bei politischen Erklärungen vorsichtiger sein? Dass die Kammer sich eindeutig für das Projekt Stuttgart 21 ausgesprochen hat, hat ja reichlich viel Kritik eingebracht. Und es hat möglicherweise auch das Wahlergebnis zur Vollversammlung beeinflusst.
Ob das Wahlergebnis anders gewesen wäre, wenn wir hier nicht so klar Position bezogen hätten, weiß ich nicht. Aber wenn die Vollversammlung sich eindeutig zu Stuttgart 21 bekennt, kann ja der Präsident nicht etwas anderes vertreten. Ich glaube schon, dass wir zu Themen wie Stuttgart 21 Stellung nehmen müssen. Ich verstehe, dass das nicht allen gefällt, aber das ist in der Demokratie nun einmal so. Es ist und bleibt die Aufgabe der Kammer, sich zu einem derart wichtigen Thema auch zu äußern. Die Unternehmen müssen doch zu einer solchen Frage durch eine Abstimmung in der Vollversammlung ihre Meinung sagen können.

Die Stellungnahme zu Stuttgart 21 war aus Ihrer Sicht also nicht entscheidend für das Wahlergebnis?
Die IHK hat die Wahlentscheidungen ihrer Mitgliedsunternehmen zu akzeptieren und nicht zu kommentieren. Fest steht, dass wir eine zu geringe Wahlbeteiligung haben. Der Protest gegen Stuttgart 21 war in der Tat die Grundlage für eine organisierte Bewegung, die dann auch in die Vollversammlung eingezogen ist. Nicht nur die IHK, wir alle in der Region sind mit Stuttgart 21 konfrontiert, und dieses Thema spaltet die Bevölkerung. Ich finde, wir sollten hier irgendwann einmal wieder zu einer sachlichen Diskussion kommen. Was die Wahlbeteiligung und die IHK betrifft, geben wir uns große Mühe, unsere Arbeit transparent zu gestalten. Wir tun alles, was wir können, um die Unternehmen zu motivieren, zu wählen, aber wir können niemand dazu zwingen.

Sie versprechen auch größtmögliche Transparenz ihrer Arbeit. Wann werden sie zum Beispiel das Gehalt des Hauptgeschäftsführers veröffentlichen?
Das Gehalt des Hauptgeschäftsführers? Wir haben nicht vor, das zu tun. Wir halten uns an die üblichen Gepflogenheiten, so wie das auch bei den anderen Kammern der Fall ist. Ich glaube, dass wir transparent sind. Auf unserer Homepage finden Sie alle Finanzdaten und auch Informationen zu den Gehaltsstrukturen der IHK. Wir stellen unseren Vollversammlungsmitgliedern alles zur Verfügung, was sie für ihre Entscheidungen benötigen. Mit den neuen Mitgliedern der Vollversammlung, die der IHK kritisch gegenüberstehen, suchen wir das Gespräch und finden es auch.

Sie sind Chef eines Unternehmens, das zwar in der Branche sehr bekannt ist, aber kaum darüber hinaus. Sie machen auch schon lange keine Bilanzpressekonferenzen mehr. Wollen Sie das ändern?
Mein Unternehmen betreibt tatsächlich wenig Öffentlichkeitsarbeit. Das liegt aber nicht daran, dass wir uns verstecken wollen. Wir sind Dienstleister für Projekte unserer Kunden, und denen steht es zu, über ihr Projekt zu berichten. Natürlich könnten wir mehr Zahlen veröffentlichen. Aber wir geben zum Beispiel viele Auskünfte zu den Projekten, an denen wir arbeiten. Außerdem werden sie viele Familienunternehmen finden, die sich öffentlich ziemlich zurückhalten, auch weil sie glauben, dass ihre Arbeit die Presse gar nicht interessiert.

Sie haben auch für das Projekt Stuttgart 21 gearbeitet.
Ja, vor Jahren ganz am Anfang haben wir im Rahmen eines Planfeststellungsverfahrens in einer Arbeitsgemeinschaft auch bei Stuttgart 21 mitgearbeitet. Aber jetzt sind wir nicht mehr dabei. Wir sind ja auch keine Eisenbahn- oder Verkehrsexperten. Unser Unternehmen ist im Bereich der Infrastruktur aktiv. Wir sind beispielsweise viel stärker im Energiebereich tätig.

Der frühere IHK-Präsident Berthold Leibinger hat in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung angeregt, darüber nachzudenken, ob die Pflichtmitgliedschaft bei den Kammern noch richtig ist. Ist das für Sie ein Thema?
Nein, das ist für uns kein Thema. Wir haben uns darüber natürlich Gedanken gemacht. Aber ich glaube ein Ende der Pflichtmitgliedschaft hätte gerade für die kleineren Unternehmen sehr viele Nachteile. Viele Leistungen der Kammer würden für diese Unternehmen dann wohl teurer oder zu teuer werden. Denn die Kammer würde ihre Dienstleistungen dann verkaufen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wären dann die mittleren bis größeren Unternehmen Geschäftspartner der IHK.

Sie haben jetzt vier Jahre lang Zeit, etwas für die Wirtschaft der Region zu tun. Worauf kommt es Ihnen an?
Die Kammer beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Fachkräftemangel. Die Unternehmen brauchen Fachkräfte, aber die müssen ja nicht alle hier geboren sein. Ich denke dabei vorwiegend an Fachkräfte aus der EU. Es muss selbstverständlich werden, dass Europäer in verschiedenen Ländern Europas arbeiten. Das bedeutet aber natürlich auch, dass Deutsche in anderen europäischen Ländern tätig sind. Ein anderes wichtiges Thema ist die Energiewende. Wir richten dafür einen eigenen Arbeitskreis ein, in dem sich Unternehmen gegenseitig vernetzen und beraten können. Wir arbeiten derzeit beispielsweise auch an Konzepten, wie man Jugendliche aus Südeuropa für ein duales Ausbildungsverhältnis in Baden-Württemberg gewinnen könnte. Solche Konzepte müssten aber über das Stadium eines Pilotprojekts hinausgehen.

Wir beurteilen Sie die Wirtschaftsstruktur in der Region? Ist diese zu einseitig auf Fahrzeugbau und Maschinenbau konzentriert?
Im Zusammenhang mit der Industrie haben sich auch viele industrienahe Dienstleistungen entwickelt. Was den Standort hier stark macht, sind die Unternehmen, die so flexibel und innovativ sind, dass sie ihren Markt finden. Die Struktur hier bei uns ist eine Art Abbild des internationalen Marktes, der internationalen Nachfrage. Wenn das so bleibt, dann mache ich mir gar nicht so viele Sorgen. Die Unternehmen werden dann immer etwas Neues finden und etwas Altes aufgeben. Ich glaube aber schon, dass die großen Autohersteller sich Gedanken darüber machen müssen, wie viel Arbeit sie wie lange hier an diesem Standort halten können. Das ist eine Kostenfrage. Dabei geht es um die Bezahlung der Fachkräfte, aber etwa auch um die Kosten für die Energie.

Sollte versucht werden, ganz neue Industrien in der Region anzusiedeln? Oder ist es besser, das fortzuentwickeln, was bereits da ist. Wir würden dann also weiter Autos bauen, aber mehr Autos mit Elektroantrieb?
Ich glaube, beides ist notwendig und sinnvoll. Wir sollten versuchen, das, was wir haben und können, so gut wie möglich weiterzuentwickeln und voranzubringen. Ich glaube nicht, dass wir alle in 20 Jahren nicht mehr Auto fahren. Deswegen sollte man alles tun, damit unsere Autoindustrie auch in Zukunft zu den Marktführern gehört. Wir werden dabei immer im Premiumsegment tätig sein. Ganz generell müssen die Unternehmen in der Region ihre Auslandsbeziehungen noch weiter ausbauen. Der deutsche Binnenmarkt ist meiner Meinung nach auf die Dauer für viele unserer Unternehmen zu klein.

Was kann die Industrie- und Handelskammer für den Standort tun?
Wir können Unternehmen unterstützen. Wenn etwa jemand kommt, der gute Ideen hat, aber keine eigene Infrastruktur, könnten wir ihm helfen, diese zu finden. Wir könnten Unternehmen dabei helfen, Netzwerke zu bilden, in denen sie sich gegenseitig über Marktchancen und auch über neue Möglichkeiten der Auslandsaktivitäten beraten. Dabei könnten Unternehmen aus ganz verschiedenen Branchen miteinander ins Gespräch kommen.

Wird die Wirtschaft in der Region in diesem Jahr wachsen, oder rechnen Sie eher mit einer Stagnation?
Ich glaube daran, dass wir ein Wachstum erzielen werden. Bundesweit wird mit einem Plus von 0,8 Prozent gerechnet. Das könnten wir über­treffen.

Wo sehen Sie Risiken?
Das hängt natürlich von der Entwicklung der Weltwirtschaft ab. Aber es hat den Anschein, als würde diese wieder anziehen. Wir warnen allerdings auch davor, dass etwa eine neue Regierung nach den Bundestagswahlen im Herbst an der Steuerschraube dreht.

Wie zufrieden sind Sie nach zwei Jahren mit der grün-roten Landesregierung?
Es war sicher für viele Unternehmer eine Umstellung, aber nach den Gesprächen, die wir geführt haben, glaube ich, dass die Regierung auf unsere Argumente hört, auch wenn sie sich diesen nicht immer anschließt.