Interview mit Parteifenforscher „Das Kernthema der AfD ist verdeckt“

Von Carolin Henkenberens 

Als Euro-Rebellen gingen sie an den Start, doch nun zerfleischt sich die AfD. Nach dem Rücktritt von Parteivize Hans-Olaf Henkel warnen mehrere Landesverbände vor einem Rechtsruck. Auch der Parteienforscher Oskar Niedermayer hält das für gefährlich.

Oskar Niedermayer sagt, beim Konflikt innerhalb der AfD stecke mehr dahinter als nur innerparteiliche Machtspiele. Foto: Fotos:dpa
Oskar Niedermayer sagt, beim Konflikt innerhalb der AfD stecke mehr dahinter als nur innerparteiliche Machtspiele. Foto: Fotos:dpa
Stuttgart- - Die Streitereien innerhalb der AfD spitzen sich zu. Nationalkonservative wie Alexander Gauland und Fraue Petry wollen eine andere Ausrichtung als Bundessprecher Bernd Lucke.
Herr Niedermayer, sind das in der AfD nur Flügelkämpfe oder steckt mehr dahinter?
Da steckt schon mehr dahinter als innerparteiliche Machtspiele. Es geht darum, wie die Partei sich künftig positionieren soll, wo sie ihre Wähler finden will und wie weit rechts sie stehen will. Das ist ein gravierender inhaltlicher Konflikt. Flügelkämpfe gibt es in jeder Partei. Aber hier geht es darum, ob die Partei sich tatsächlich als nationalkonservativ oder rechtspopulistisch verorten will. Das betrifft ganz wesentlich ihre zukünftigen Wahlchancen und somit auch die Frage, ob sich die AfD im Parteiensystem etablieren kann.
Die AfD gibt es seit zwei Jahren. Ist es ungewöhnlich, dass eine Partei in dieser Zeit ihre Identität noch nicht herausgebildet hat?
Parteienforscher Oskar Niedermayer Foto: StZ
Zwei Jahre sind nicht lang, bei den Grünen gibt es bis heute viele Diskussionen. Aber der Unterschied liegt darin, ob ich in einem abgesteckten Lager streite, oder ob es um die viel grundsätzlichere Frage geht, ob ich gemäßigt bin oder ganz rechts außen. Diesen Streit muss die AfD bald lösen, wenn sie bundespolitisch eine Rolle spielen will. Wenn die Querelen weiter gehen, wird ihr passieren, was der Piratenpartei passiert ist. Die ist in den Umfragen weitestgehend verschwunden, obwohl sie wie die AfD in vier Landtagen sitzt.
Bewegt sich die AfD mit dem Rücktritt Hans-Olaf Henkels nun nach rechts?
Ohne Henkel fehlt natürlich ein Protagonist, der genau wie Bernd Lucke sagt: ‚Wir müssen die AfD weiter über ihren ökonomischen Markenkern vertreten‘. Aber allein durch den Henkel-Rücktritt rückt die Partei nicht nach rechts. Wie weit sie sich gesellschaftspolitisch nach rechts bewegt, wird der Bundesparteitag Mitte Juni zeigen. Dort kommt es darauf an, ob es eine Rebellion gegen Lucke gibt oder ob die sächsische Landeschefin Frauke Petry versucht, Vorsitzende zu werden. Normalerweise müssten sich alle Beteiligten darüber klar sein, dass eine interne Spaltung, eine Rebellion gegen Lucke oder ein Abdriften nach Rechtsaußen extrem schädlich wären. Ich bin nicht sicher, ob das die Parteimitglieder beherzigen. Ein Parteitag kann erhebliche Dynamiken entwickeln.