Herr Messner, würden Sie sich selbst als Extremsportler bezeichnen?
Nein, ich bin kein Extremsportler. Sport ist etwas Messbares. Die Leistungen beim Triathlon kann man beispielsweise messen. Was ich mache, ist etwas Kulturelles, das mehr mit Abenteuern zu tun hat.
Was sind Sie dann? Von der Bezeichnung „Abenteurer“ haben Sie sich ja bereits vor einigen Jahren distanziert.
Ich bezeichne mich heute selbst als Grenzgänger, obwohl diese Bezeichnung mittlerweile auch zu einem Modewort geworden ist – wahrscheinlich bin ich daran nicht ganz unschuldig. Abenteurer kann mittlerweile jeder sein. Die Reisebüros bieten heute Abenteuerreisen für jedermann an. Wir Grenzgänger gehen hingegen dorthin, wo man umkommen könnte, und versuchen, dabei nicht umzukommen. Das trifft es.
Beobachten Sie einen Trend hin zum Extremsport?
Nein, im Gegenteil. Ich beobachte am Berg mit Bedauern eine Touristisierung des Abenteuers. Die Tour „Mount Everest“ kann im Reisebüro gebucht werden. Entweder das normale Paket für 50 000 Euro oder die Luxusvariante für 100 000 Euro. Dabei wartet dann noch die Sauna am Berg. Die Touristen werden von Sherpas bis zum Gipfel rauf gebracht, die Strecken vorher präpariert. Da sind dann viele Gefahren und Schwierigkeiten weg. Das ist für mich Pistenalpinismus! Heute steigen bis zu 300 Personen am Tag auf den Everest. Ich war einer der ersten 60 Menschen, die überhaupt oben waren. Dass am Berg nicht noch Ampeln aufgestellt werden, die den Stau regulieren sollen, ist das Einzige, das noch fehlt.
Warum buchen Menschen solche Touren? Was denken Sie?
Die Leute wollen Rekorde aufstellen. Wenn Frau Müller eine solche Tour bucht und es auf den Gipfel schafft, dann ist die wahrscheinlich immerhin die einzige Frau aus ihrem Ort oder zumindest aus ihrer Straße, die von sich sagen kann, dass sie auf dem Mount Everest war. Sie hat also einen Rekord aufgestellt, weil dieser Berg als höchster der Welt ein Rekord in sich ist.
Sie haben früher auch Seminare und Wanderungen für Manager angeboten. Warum machen Sie das nicht mehr?
Bei mir kann niemand eine Wanderung buchen. Das habe ich vor 30 Jahren einige Male gemacht aber schnell wieder damit aufgehört. Ich gehe einmal im Jahr mit Freunden aus der Wirtschaft in die Berge, das ist alles. Wir klettern und wandern zusammen, tauschen uns aus. Ansonsten werde ich von Firmen weltweit eingeladen und halte Vorträge zu Themen wie Motivation und Leadership.
Sie sprechen von den Similaunern, einer Gruppe von Wirtschaftsführern, mit denen Sie seit mehr als 20 Jahren zusammen wandern.
Genau. Das sind Freunde, da steht keiner über dem anderen. Wir gehen, steigen zusammen, lernen voneinander. Viele aus unserer Gruppe sind bereits im Ruhestand, wir haben uns als Gruppe aber verjüngt.
Gehen Sie dieses Jahr wieder zusammen Bergsteigen?
Ja, wir gehen auch dieses Jahr zusammen weg. Der Ort soll geheim bleiben. Ich kann nur so viel sagen: Ein Gletscherberg ist es diesmal nicht. Ich freue mich darauf. Nach der Corona-Zeit haben wir uns viel zu berichten. Es hat sich ja auch politisch viel getan, über all das können wir diskutieren.
Wie sind Familie, Freunde und Grenzgänge, wie die Ihren, zu vereinbaren?
Das, was ich getan habe, ist eigentlich keiner Familie gegenüber zu verantworten, auch den eigenen Eltern gegenüber nicht. Trotzdem will ich ein solches Leben niemandem verbieten, ich habe es ja auch getan. Aber man sollte die Ängste und Sorgen der anderen nicht vergessen. Das Bergsteigen ist ein egoistisches Tun. Ich habe keinen Achttausender mit Kindern zuhause bestiegen, aber bin einmal quer durch die Antarktis gezogen, als ich eine Familie in der Heimat hatte. Das ist hochegoistisch, denn man tut es monatelang für sich und niemand anderen.
Kam Ihre Familie also zu kurz?
Vielleicht, ich war aber nicht mehr weg als andere Väter, die einen Vollzeitjob haben. Natürlich war ich viel unterwegs, oft auch für lange Zeit. Dann war ich aber auch mal wieder für sechs Monate zuhause, schrieb ein Buch. Es hat sich so ausgeglichen. Während all dieser Touren wäre die Kommunikation mit zu Hause extrem wichtig gewesen. Heute kann man vom Gipfel aus kurz per Handy anrufen. Das war früher nicht möglich. Deshalb kommt jetzt mein Buch mit diesen Briefen, die ich über fünf Jahrzehnte hinweg aus dem Himalaja geschrieben habe: „Briefe aus dem Himalaja“.