InterviewInterview: Studie über Trashfilm-Fans Wer schlau ist, schaut schlechte Filme

Fliegende Haie, laute Schreie, Blut – das sind die Ingredienzien des Trash-Hits ‚Sharknado. Foto: Verleih 13 Bilder
Fliegende Haie, laute Schreie, Blut – das sind die Ingredienzien des Trash-Hits ‚Sharknado. Foto: Verleih

Fliegende Haie, laute Schreie und Blutgespei – Wer Trashfilm liebt, ist laut einer wissenschaftlichen Studie hoch gebildet. Filmwissenschaftler Keyvan Sar­khosh erklärt im Interview, warum sich schlaue Männer billige Streifen antun.

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Stuttgart - Oft werden sie als „billiger Schund“ beschimpft. Dabei schließen sich Geschmack und Bildung nicht aus, sagt der Filmwissenschaftler Keyvan Sar­khosh. In seiner Studie hat er herraus­gefunden, dass und warum sich ausgerechnet gebildete Männer die billigen Streifen so gern zu Gemüte führen.

Herr Sarkhosh, was genau ist denn eigentlich Trash?
Wörtlich übersetzt bedeutet Trash nichts anderes als Müll. Also ein Müllfilm, ein schlechter Film im weitesten Sinne. Der Begriff wertet einen Film ab, manche Kritiker bringen damit zum Ausdruck, dass das wirklich schlechte Filme sind. Aber so wie der Begriff landläufig zum Teil verwendet wird, merkt man schnell, dass Trash sogar als sehr positiv besetztes Label gesehen wird. Ein Qualitätslabel also, das einen Film fast schon wieder aufwertet.
Was wollten Sie mit ihrer Studie heraus­finden?
Ich wollte das Paradoxon auflösen, dass ein Film, gerade weil er so schlecht ist, deswegen zu einem sehenswerten Film wird.
Wie wird ein Film zum „guten“ Trashfilm?
Zum einen ist da der Unterhaltungswert. Trash ist in der Lage, zu unterhalten, erscheint als amüsant, witzig und komisch, aber ist zugleich in der Lage beim Zuschauer eine Wertschätzung hervorzurufen. Das interessante am Trash ist sein anderer Status: Er weicht auf mehreren Ebene absolut von dem ab, was man als Standard des Mainstreams bezeichnen würde. Gerade deshalb wollen Trashfilme mit dem Mainstream- Kino nicht konkurrieren.
Woran erkennt man guten Trash?
Gute Trashfilme sind handwerklich schlecht gemacht, was wohl mit dem geringen Budget zusammenhängt. Man findet schlechte – gewollt oder ungewollte – Schauspielerei sowie Dialoge und Themen, die so nicht im Mainstream behandelt werden. Nicht selten bringen sie Sex und Gewalt zur Darstellung. Im Kino gibt es bestimmte Kombinationen, die darauf ab­zielen, einen Konsens herzustellen, um ein breites Publikum anzusprechen. Aber Trashfilme machen genau das nicht: Sie stellen ihre Themen unkonventionell und unverblümt dar.
Gibt es Genres, die besonders für das Trash-Kino geeignet sind?
Ich habe in meiner Studie gefragt, welche Filme beim Thema Trash in den Sinn kommen. Bei der Genrezuordnung hat sich gezeigt, dass fast durch die Bank weg Horrorfilme genannt wurden. Die Kombination aus Horror und Science Fiction ist eine Hauptdomäne des Trashfilms. Ein gutes Beispiel ist der Klassiker des Trashkinos „Plan 9 from Outer Space“ von Ed Wood. Oder „The Toxic Avenger“, Trashhorror aus den achtziger Jahren, der Horrorfilm „Bad Taste“ von Peter Jackson und der verruchte Klassiker „Pink Flamingos“.
Wer bestimmt, was zu unbedeutendem Trash wird und was zu Kult?
Einerseits sind da die Fans, die für sich deklarieren, was Trash ist: Ein Film, der irgendwie schlecht und billig gemacht, aber trotzdem gut ist. Da spielt es keine Rolle, ob der Film bewusst oder unbewusst schlecht gemacht ist. Das geht sogar so weit, dass ein Film, der unfreiwillig scheitert und trotzdem unterhaltsam ist, das Label Trash bekommt. In Internetforen tauschen sich die Fans aus und haben Vorbehalte gegen bewusst trashig produzierte Filme wie „Sharknado“.
Also ist „Sharknado“ kein guter Trashfilm?
Dieser Hai-Horror ist kein unfreiwillig schlechter Film, sondern knallhartes Kalkül. Die Macher dahinter sehen, dass das etwas ist, was sich gut verkauft. Und dann wird damit auch noch so geworben, als ob er ein kultiger Film wäre oder ein Film mit Kultpotenzial. Das widerspricht vielleicht wieder dem Status des Underdogs, des etwas anders Gearteten. Der Reiz des Trashfilms besteht eben darin, dass er sich vom Mainstream-Markt deutlich abgrenzt.
Und was genau ist dann Kult?
Der Begriff des Kultfilms lässt sich mit dem des Kultischen aus dem religiösen Kontext beschreiben: ein Film, der mit ganz bestimmten Ritualen verbunden wird. Etwa wiederholtes Anschauen, sich dabei kostümieren, oder das Mitsprechen von Dialogen. Man kann zwar nicht automatisch sagen, jeder Kultfilm sei Trash und jeder Trashfilm sei Kult, aber innerhalb der Fanszene haben viele Trashfilme das Potenzial zum Kultfilm zu werden.
Und wer schaut sich freiwillig so etwas an?
Das Klischee vom stumpfsinnigen Publikum, das Trashfilme nur wegen der Darstellung von Gewalt und Sex schätzt, hat die Studie nicht bestätigt. Im Gegenteil, wir haben es hier mit Leuten zu tun, die ein hohes Bildungsniveau besitzen. Dreiviertel der Teilnehmer gaben an, Abitur oder ein Studium bis hin zur Promotion zu haben. Und es sind überwiegend Männer. Meine Ergebnisse bestätigen damit, dass Trash besonders Männer mit hohem Bildungsniveau anspricht.
Trash und Kultur, wie passt das zusammen?
Man kann dieses Publikum gut als kulturelle Allesfresser bezeichnen: Vom Mainstream- bis zum Arthauskino, aber auch bildende Kunst und Museen, die Interessen sind sehr breit gefächert.
Warum schauen sich Intellektuelle solchen Müll an?
Im Vergleich mit einem gewöhnlichen Mainstream Film erscheint Trash plötzlich viel interessanter: Er ist nicht vorhersagbar, kalkulierbar, berechenbar. Trashfilme entziehen sich dem Planbaren. Sie zeigen Unerwartbares, sind überraschend und halten manchmal ein Risiko bereit, auf das man sich einzulassen gewillt sein muss. Diese Filme loten inhaltliche Grenzen aus und warten ungewollt mit einer ganz anderen Ästhetik auf. Obwohl Trashfilme billig gemachte Genrefilme sind, stehen sie dem avantgardistischen Kunstfilm näher als so mancher filmische Mainstream oder Hollywood-Blockbuster.



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