InterviewInterview zum „Paradise“-Urteil „Bordellbetreiber können sich nicht mehr rausreden“

Von  

Seit März verhandelt das Landgericht Stuttgart gegen die Betreiber des FKK-Klubs „Paradise“ wegen der Beihilfe zu Menschenhandel und Zwangsprostitution. Für die Vorsitzende von „Sisters“ Sabine Constabel ist das Urteil gegen den Ex-Geschäftsführer ein Stück Rechtsgeschichte.

Sabine Constabel beobachtet den „Paradise“-Prozess von Anfang an. Foto: Lorenz
Sabine Constabel beobachtet den „Paradise“-Prozess von Anfang an. Foto: Lorenz

Stuttgart - Sabine Constabel beobachtet den Prozess gegen die Betreiber des FKK-Klubs „Paradise“ von Anfang an. Als Vorsitzende des Vereins „Sisters – Ausstieg aus der Prostitution“ betreut sie Frauen aus dem Rotlichtmilieu. Das Urteil ist für sie ein wichtiger Schritt.

Frau Constabel, was bedeutet das Urteil des Landgerichts für Sie?

Das Urteil hat eine sehr große Bedeutung. Es macht deutlich, dass sich Betreiber von Prostitutionsstätten nicht mehr damit rausreden können, dass sie die Räume für die Prostitution schön gestalten und für Hygiene sorgen, aber mit dem Geschehen in den Räumen nichts zu tun zu haben. Darauf haben sie sich immer zurückgezogen und gesagt, dass sie keine Ahnung von den Lebensumständen der Frau hätten.

Das Urteil weist den Betreibern Verantwortung.

Ja und es nimmt sie in Haftung. Es zeigt, dass das Bild, das die Betreiber von der Prostitution zeichnen, erstunken und erlogen ist.

Welchen Einfluss hat ein Urteil wie dieses auf Prostituierte, die aussteigen wollen?

Es stärkt in jedem Fall die Frauen. Wir haben in diesem Verfahren gesehen, dass die Frauen massiv unter Druck sind. Je mehr Personen dafür in Haftung genommen werden, desto besser. Je mehr die Polizei auch auf Betreiber schaut und beobachtet, wie sie mit den Zuhältern zusammenarbeiten, desto mehr erhöht sich für Frauen die Chance, befreit zu werden. Der Prozess zeigt, wie langwierig und kompliziert die Ermittlungen waren. Das macht deutlich, dass sie Polizei mehr Zugriffsrechte braucht. Man hat ihnen mit dem Ringen um das Prostitutionsgesetz 2002, das die Prostitution erlaubt hat, ein sehr zentrales Eingriffsrecht genommen.

Es ist den Ermittlern schon auf Basis der geltenden Gesetzeslage offenbar gelungen, gerichtsfeste Beweise zu sammeln.

Ja. Da ist aber ausschließlich der Hartnäckigkeit der Ermittler hier in Stuttgart zuzuschreiben.

Schreibt Stuttgart mit dem Urteil Rechtsgeschichte?

Ja. Eindeutig. Die Kammer hat offenbar verstanden, wie das Rotlichtmilieu funktioniert und in ihrem Urteil sehr genau beschrieben.

Ermutigt Sie das Urteil in Ihrer Arbeit?

Es wird jetzt offengelegt, dass die vermeintlich sauberen Wellnessoasen ein Trugbild sind.

Hätten Freier die Chance, das zu sehen?

Freier hatten schon immer die Chance, das zu sehen. Wenn kein Mann eine Frau zur sexuellen Dienstleistung kaufen würde, wäre jeder Zuhälter arbeitslos.

Sonderthemen