Israelischer Autor Joshua Sobol über den Gaza-Krieg „Die Hamas lässt sich nicht kaufen“

Joshua Sobol beim Interview in Stuttgart Foto: Lichtgut/Zophia Ewska

Eine andere Regierung hätte den Angriff auf meine Heimat verhindert, sagt Joshua Sobol. Der große israelische Autor und Dramatiker ist wegen der Uraufführung seines neuesten Werks im Schauspielhaus nach Stuttgart gekommen. Im Interview spricht er auch über seine Idee, wie der Nahe Osten dauerhaft befriedet werden könnte.

Seit Jahrzehnten ist Joshua Sobol eine moralische Instanz in Israel. In diesen Tagen ist er von Tel Aviv nach Stuttgart geflogen, um die Uraufführung seines neuen Dramas zu sehen: „Der große Wind der Zeit“. Es handelt von der jüdisch-palästinensischen Tragödie, die fast unauflösbar scheint, erst recht nach dem von der Hamas verübten Massenmord an Juden, dem größten seit dem Holocaust. Dennoch will der bald 85-jährige Dramatiker nicht in Fatalismus versinken – und hat eine Idee, wie die Region dauerhaft befriedet werden könnte.

 

Herr Sobol, was haben Sie gedacht und empfunden, als sie am 7. Oktober vom Hamas-Massaker an den Juden erfuhren?

Ich war geschockt, wie alle anderen auch. Geschockt vom Maß der Grausamkeit, mit der die islamistischen Krieger vorgegangen sind, insbesondere gegen Frauen. Sie haben sie gefoltert, vergewaltigt, hingerichtet – oder entführt, um sie im Gazastreifen von einer jubelnden Menge verhöhnen zu lassen. Der Frauenhass, der da wütete: unerträglich! Aber wirklich überrascht war ich nicht, denn dass die Hamas gewillt ist, mit allen Mitteln einen Genozid an Juden zu begehen, war mir klar. Überrascht war ich vielmehr vom Versagen der Netanjahu-Regierung und dem ihr unterstellten Militär. Von 30 Regimentern waren 28 im Westjordanland stationiert, um die illegalen Siedler zu unterstützen und zugleich die gemäßigte Fatah im Westjordanland zu schwächen. Nur zwei Regimenter standen an der Grenze zu Gaza.

Wie kam es zu der katastrophalen Fehleinschätzung?

Netanjahu hat mit dem Überfall nicht im Geringsten gerechnet. Seit Jahren lässt er zu, dass Katar die Hamas finanziert, im Glauben, dass der Geldsegen die Fanatiker ruhigstellt. Das entspricht ganz seiner eigenen, seit Jahren umgesetzten Maxime, dass man mit Geld alles kaufen kann. Die Netanjahu-Regierung ist vollkommen unfähig und kurzsichtig: Die Hamas hat das viele Geld genutzt, um ein krankes Tunnelsystem für den Angriff auf Israel zu bauen, statt ein Singapur am Mittelmeer zu errichten. Dort hätte ja eine Freihandelszone entstehen können zum Nutzen aller Palästinenser.

In Ihrem neuen Stück, dem „Großen Wind der Zeit“, spielt der 7. Oktober keine Rolle. Warum haben Sie den Text nicht aktualisiert?

Das Drama sollte auch nach dem Angriff ein Appell zur Aussöhnung, zu gegenseitigem Verständnis, zum Ausstieg aus der Gewaltspirale bleiben ...

... im Finale der Stuttgarter Uraufführung reichen die Protagonisten dem Publikum die Hand ...

... als Zeichen der Gesprächsbereitschaft, ja, das trifft meine Intention. Zum Hamas-Massaker habe ich aber ein neues Stück geschrieben: „To the End of Fear“, auf Deutsch „Bis zum Ende der Angst“, das sehr konkret von der Geiselnahme handelt und dem Frauenhass, der sich darin manifestiert. Ende März starten wir in Israel mit den Proben.

Gibt es in Ihrer Heimat ein Interesse an Wunden aufreißenden Dramen?

Das Interesse ist tatsächlich überschaubar. Der ökonomische Druck ist groß, weshalb die Theater zum Geldverdienen auf Entertainment setzen und nicht auf Problemstücke, wie ich sie schreibe. „To the End of Fear“ wird aufgeführt werden, ja, aber beim „Großen Wind der Zeit“ hat noch keine Bühne zugegriffen. Vielleicht ändert sich das, sobald die Stimmen zur Uraufführung auch in Israel wahrgenommen werden.

In Ihrer Heimat gelten Sie als moralische Instanz. Haben Sie sich auch in den vergangenen Monaten positioniert?

An jedem Wochenende war ich auf der Straße, um gegen die Regierung von Netanjahu zu protestieren, zunächst gegen seine Justizreform, jetzt gegen seine Palästina-Politik. Insofern bin ich ein Demonstrant unter Tausenden von anderen, aber mehr nicht. Auch wenn ich die Ereignisse nach wie vor mit großer Aufmerksamkeit verfolge: In der ersten Reihe stehe ich nicht mehr.

Warum Ihr Rückzug?

Meine Generation, selbst die darunter, muss Platz machen für die Jungen, für die Zwanzig- bis Vierzigjährigen. Sie sind es, die jetzt die Führung übernehmen müssen, und das tun sie auch. Wenn all die jungen Reservisten, die eingezogen wurden, aus dem Gaza-Krieg zurückkommen, etwa 300 000 Männer und Frauen, könnte es zu einer neuen, nie dagewesenen Protestwelle kommen, die Netanjahu unter sich begräbt. Nach aktuellen Meinungsumfragen würde seine Partei schon jetzt viele Abgeordnete in der Knesset verlieren, ihre Zahl würde sich von 35 auf 17 halbieren. Er wird das gewaltige Beben politisch nicht überstehen.

Wie könnte der Nahe Osten befriedet werden? Haben Sie eine Idee?

Ja, habe ich. Es gibt hier zwei Machtblöcke. Auf der einen Seite der Iran und seine Verbündeten, die Hamas im Gaza, die Hisbollah im Libanon, die Huthis im Jemen. Ihr Ziel ist es, Israel auszulöschen. Auf der anderen Seite: Ägypten, Saudi-Arabien und Jordanien, die als Bündnispartner für Israel infrage kommen. Zusammen mit diesem zweiten, gemäßigten Block könnte man nach dem Vorbild der Europäischen Union auch im Nahen Osten einen gemeinsamen Markt mit wirtschaftlicher und politischer Zusammenarbeit sowie militärischem Beistand bilden. Sich dieser Union anzuschließen, wäre auch für ein autonomes Palästina attraktiv. Heraus käme ein Staatenbund, der den Iran-Block einhegen und den Frieden in der Region langfristig sichern könnte.

Das klingt utopisch.

Als ich „Haaretz“, unserer großen, liberalen Tageszeitung, einen Artikel mit diesen Thesen vorgeschlagen habe, wurde er abgelehnt. Das Argument war das Ihre: zu utopisch. Allerdings bin ich nicht der Einzige, der dieser Idee einer gemeinsamen Zukunft mittlerweile anhängt. Unter israelischen Linken wird sie zunehmend diskutiert. Auch als Realist bleibe ich eben ein unverbesserlicher Optimist.

Joshua Sobol – linksliberale Stimme

Ghetto
Er ist eine lebende Legende: Joshua Sobol, geboren 1939 in Palästina, hat mittlerweile 90 Bühnenstücke verfasst, Theater geleitet und Regie geführt. Seinen Durchbruch in Deutschland schaffte er 1984 mit „Ghetto“, das Peter Zadek in Berlin inszenierte und den jungen Ulrich Tukur über Nacht berühmt machte. Der in Tel Aviv lebende Autor gehört zu den wichtigsten Stimmen des linksliberalen Israel.

Uraufführung
Jetzt war Sobol, der im August 85 Jahre alt wird, in Stuttgart zu Gast. Er hat im Literaturhaus gelesen und sich zuvor den „Großen Wind der Zeit“ angeschaut, sein neues, von Stephan Kimmig am 24. Februar im Schauspielhaus uraufgeführtes Stück.

Termine
Vorstellungen des „Großen Winds der Zeit“ im Schauspielhaus Stuttgart am 2., 8., 14., 18., 25. und 27. März sowie im April und im Juni.

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