Jaguar-Prozess in Stuttgart Kollege der Toten erlebte Unfall mit: „Es roch nach Benzin und Öl“

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Das Unfallopfer Riccardo wäre am Montag 26 Jahre alt geworden. An diesem Tag treffen die Eltern im Gerichtssaal einen Zeugen, der das Pärchen nach Feierabend als letzter lebend gesehen hat.

Als die Polizei eintraf, lebten die Unfallopfer bereits nicht mehr. Foto: Lichtgut
Als die Polizei eintraf, lebten die Unfallopfer bereits nicht mehr. Foto: Lichtgut

Stuttgart - Der 21. Oktober 2019 wäre Riccardos 26. Geburtstag gewesen. Doch Riccardo lebt nicht mehr. Er ist im März beim Jaguar-Unfall an der Rosensteinstraße ums Leben gekommen. Den ersten Geburtstag ohne ihr Kind erleben Riccardos Eltern im Saal 1 des Landgerichts. Es ist der zwölfte Verhandlungstag gegen den 21-jährigen Angeklagten, der den Unfall verursachte. Es ist der erste Geburtstag, den seine Eltern ohne Riccardo feiern müssen. Die Tante von Riccardos Freundin Jaqueline holt in der Verhandlungspause einen Kuchen aus dem Schließfach im Gerichtsgebäude. Zusammen denken sie an die Kinder.

Ausgerechnet an diesem Tag sitzt im Zeugenstand der Mann, der Riccardo und Jaqueline als letzter lebend gesehen hat. Es ist ein 45-jährige Sicherheitsmann, der am 6. März, dem Tag des Unfalls, Dienst hatte im Ufa-Palast. Dort arbeiteten die beiden. Gegen 23.30 Uhr habe er die Alarmanlage angeschaltet, zusammen mit Jaqueline. Riccardo habe das Auto schon vom Parkplatz geholt, einem Platz hinter dem Gebäude. Die Zufahrt dazu führte über die Tiefgarageneinfahrt, in der der Kleinwagen des jungen Paares zum Zeitpunkt des Unfalls stand.

Nur wenige Augenblicke nach dem letzten Treffen kracht es vorm Kino

Er habe noch ein paar Minuten mit Jaqueline geplaudert. Sie sei ein extrem liebenswerter Mensch gewesen, „kein Gramm Böses“, sagt der 45-Jährige. Riccardo habe den Wagen umgeparkt gehabt. Er habe beiden noch einen guten Heimweg gewünscht, und sei dann in Richtung Haltestelle gegangen. Am Billardcafé habe er durch die Scheibe noch einen Blick auf die Verlängerung des Champions-League-Finales geworfen, das dort übertragen wurde. Dann habe es hinter ihm schon gekracht. „Es war surreal. Die Straße war eben noch sauber gewesen, dann lagen da lauter Trümmerteile, es roch nach Benzin und Öl“, erinnert er sich. Als er nach ein paar Augenblicken realisiert habe, dass seine Kollegen in den Unfall verwickelt waren, sei er zu deren Wagen gegangen. „Wach auf, wach doch auf!“ habe er Jaqueline zugerufen. Doch sie sei leblos gewesen. „Was habt Ihr getan, Ihr habt zwei Menschen umgebracht!“ habe er dann in Richtung der Jaguarfahrer geschrien. Als er den Beifahrer später sah, habe er ihn zur Rede gestellt. „Ich habe nichts gemacht“, habe der gesagt. „Das ist ja der Fehler: Du hättest einschreiten sollen und ihn zum Anhalten zwingen müssen, wenn er so rast,“ antwortete der Sicherheitsmann.

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