Joachim Meyerhoffs „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ Liebeslogistik in der Provinz

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Die Geburt des Erzählers aus der Knallcharge: Joachim Meyerhoff komplettiert mit der „Zweisamkeit der Einzelgänger“ seinen autobiografischen Roman-Zyklus

Joachim Meyerhoff  ist der Großmeister eskalierender Anekdotik. Foto: Ingo Petramer
Joachim Meyerhoff ist der Großmeister eskalierender Anekdotik. Foto: Ingo Petramer

Stuttgart - Das kann er nun wirklich: aus alltäglichen Szenen etwas heraustreiben, was man in ihnen nicht vermutet hätte, egal ob es um die großen Angelegenheiten von Liebe und Tod geht, oder nur um ein eskalierendes Pizza-Essen, die dentalen Kollisionen eines gewöhnlichen Zungenkusses oder die monströsen Folgen einer jugendlichen Meerschweinchen-Zucht. Aber sind Ausnahmeschauspieler nicht genau dazu da, im Allgemeinen und Bekannten das Eigenartige, Unerhörte und Komische sichtbar zu machen? Und weil das Leben des Ausnahmeschauspielers Joachim Meyerhoffin dieser Hinsicht einiges hergibt, ist der mit dem Band „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ nun abgeschlossene autobiografische Romanzyklus der vielleicht merkwürdigste Beitrag zur aktuellen Mode des Memoirs.

Dieses zwischen Tagebuch, Erinnerung und Fiktion angesiedelte Update der klassischen Memoirenliteratur nährt sich vom Wunschtraum des narzisstisch leicht aus der Bahn geratenen zeitgenössischen Subjekts, beim eigenen Leben könnte es sich in Wirklichkeit um einen Roman handeln. Bei dem Burgschauspieler Meyerhoff ist die Sache noch etwas kniffliger, als ihm die eigene Biografie zuerst in einer Folge gefeierter Theaterabende als Rolle seines Lebens aufgegangen ist. In einem sechsteiligen Zyklus hat er als eine Art Alleinunterhalter seine Familiensaga szenisch aufgeführt. 2007 wurde er auch dafür zum Schauspieler des Jahres gekürt, zwei Jahre später mit der Produktion zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Literarisches Method-Acting

Dass Romane auf der Bühne landen, ist mittlerweile bedrohliche Routine. Meyerhoffs Prosazyklus, zusammengefasst unter dem Titel „Alle Toten fliegen hoch“, hat den Weg in der Gegenrichtung zurückgelegt, aus einem Theaterereignis wurde ein literarisches. Und so ernst die einzelnen Romane grundiert sind, vom Tod des Bruders („Amerika“), des Vaters („Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“), der Großeltern („Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“), zählen sie in Teilen sicher zum Komischsten, was die deutsche Gegenwartsliteratur zu bieten hat.

In einer Art literarischem Method-Acting wühlt sich Meyerhoff durch die Phase seines Lebens, in der nur wenig darauf hinzudeuten schien, dass aus dem unsicheren, aufbrausenden Schlaks nach einer Kindheit in der tollen Welt der väterlichen Psychoklinik, eher entmutigenden Lehrjahren an der Münchner Schauspielschule und der anschließenden Stadttheater-Knechtschaft in Bielefeld und Dortmund eine der großen Bühnenkarrieren unserer Tage werden würde.

In diesem letzten Band erfährt man auch einiges über die Geburt des Erzählers Meyerhoff. Im Mittelpunkt steht „der beste Liebeslogistiker aller Zeiten“, der drei Frauen in zwei verschiedenen Städten aneinander vorbeigeleiten muss, was nur durch stetig erhöhte Dosen des Aufputschmittels „Halloo wach“ zu leisten ist: Hier das überspannte Geistwesen Hanna, das ein aufsässiger Pizzeria-Gast nicht unzutreffend mit den Worten charakterisiert: „Sag mal, was hast du denn da für ’ne durchgedrehte Schnalle am Start?“ Dort die eher körper- und lustbetonte Tänzerin Franka. Und zwischen beiden knetet die vollbusige Bäckersfrau Ilse den Sauerteig des Lebens, und versorgt ihren Schützling mit habhaften Schweinsohren. Schlau, biegsam, dick – so ist die erotische Trinität charakterisiert, die über dem Provinzschicksal dieses Nebenrollen-Exzentrikers waltet.

Das Schwerste soll schweben

„Hanna liebte es, wenn ich ihr beim Einschlafen Geschichten erzählte. Über die Psychiatrie, mein Austauschjahr in Amerika, die Großeltern.“ Das wären die ersten drei Folgen des Romanzyklus, die hier den Probelauf als Gutenachtgeschichte absolvieren. Eskalierende Anekdotik ist das Entwicklungsgesetz dieser Lebensbeschreibungen. Mancher erzählerische Höhenflug landet krachend auf dem Bretterboden der Künstlerschote. Doch Meyerhoff will mehr. Das Schwerste soll schweben. Die bunten Geschichten blühen auf dem dunklen Grund des Verlusts. „Alle Toten fliegen hoch“ ist eine Geisterbeschwörung. In „Ach, diese Lücke“ hat Meyerhoff die unzeitgemäße Grandezza seiner Großeltern für immer im Gedächtnis des Lesers einquartiert. Auch wenn im letzten Band der Tod wieder zuschlägt, findet jenes hohe Paar in der „Zweisamkeit der Einzelgänger“ keine angemessene Gesellschaft. Die drei ungleichen Grazien bilden eher eine etwas verzwungene Leib-Seele-Konstellation und wollen für sich nicht richtig lebendig werden, so engagiert ihr Liebhaber auch versucht sie zu beatmen.

„Banal“, „null Form“, lautet das harsche Urteil der literaturwissenschaftlich beschlagenen Hanna über die ersten Erzählversuche. Manches freilich findet sie „richtig gut“. Dem kann man sich anschließen. Für einen wirklich großen Roman mag das nicht ausreichen, für ein streckenweise äußerst unterhaltsames Buch aber allemal.

Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger.
Roman. Kiepenheuer & Witsch. 416 Seiten, 24 Euro.