Johannes Schwegler von Treeo Er will mit 100 Millionen Bäumen das Klima schützen

Mit einer Smartphone-App wird auf Borneo das Wachstum jedes einzelnen Treeo-Baums einmal im Jahr zentimetergenau dokumentiert.Johannes Schwegler Foto: privat

Als junger Mann hat Johannes Schwegler gesehen, dass für Europas Klimaschutz auf Borneo Bäume gefällt werden. Seither pflanzt er lieber Bäume – zum Beispiel im Auftrag des Waiblinger Motorsägenherstellers Stihl.

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Wenn Europa Klimaschutz will, dann wird auf Borneo Wald abgeholzt. Das war Johannes Schweglers Erfahrung, als er zwischen 1997 und 2002 als evangelischer Entwicklungshelfer auf der indonesischen Insel die Holzwirtschaft ankurbeln wollte. Der gelernte Holztechniker und Modellbauer lehrte damals an einer Holzfachschule. Die Idee war, Bäume nicht einfach nur zu fällen und das Holz zu verkaufen, sondern es vor Ort zu Möbeln zu verarbeiten.

 

Dass diese Form der Entwicklungshilfe nicht funktioniert hat, liegt im Wesentlichen am europäischen Biosprit und dem Palmöl, das dort hineingemischt wird. So viele wertvolle Bäume seien durch Ölpalmen ersetzt worden, erinnert sich der 55-Jährige. Seit vielen Jahren tut der Wengertersohn aus dem Remstalort Korb das Seine, damit in Indonesien Bäume gepflanzt werden. Nur dass er mittlerweile selbst als Klimaschützer für Kunden im fernen Europa wirkt.

Unter der Marke Treeo verkauft Schwegler mit seinen Co-Gründern Stefan Ferber und Thomas Vitek die, so seine Website, „echte Klimawirkung“ seiner Bäume. Gepflanzt werden sie von Bauern vor Ort, die sich die Einnahmen mit örtlichen Projektleitern teilen. Die Kunden zahlen je Tonne CO2, die sie ausgleichen, und können gegen einen Aufpreis bestimmen, wie viele verschiedene Baumsorten gepflanzt werden sollen, Stichwort Biodiversität. Im Geschäft ist das Gründertrio unter anderem mit der Firma Stihl. Man wolle „in den kommenden Jahren rund 120 000 Tonnen CO2 mit der Pflanzung von Bäumen einlagern“, heißt es in einer Mitteilung vom Dezember 2022 des Waiblinger Industrieunternehmens. Das Ziel sei, „weltweit keinen CO₂-Fußabdruck mehr zu hinterlassen“, wird der Personalvorstand zitiert.

Die Mär vom klimaneutralen Produkt

Unter Klimaschützern sind solche Ansätze umstritten. Nicht, weil die Bäume keinen Effekt auf das Klima hätten, sondern weil das Versprechen klimaneutraler Produkte oft heikel ist. Am Dienstag hat die Deutsche Umwelthilfe 15 Gasversorger abgemahnt, die das beim Verbrennen ihres Erdgases entstandene CO2 mit Waldschutzprojekten aufwiegen und ihr Gas damit als „klimaneutral“ anpreisen. Das sei nicht nachweisbar und deshalb zu unterlassen, argumentiert die Umwelthilfe. Eingeknickt sind bereits Unternehmen wie Eurowings oder dm.

Können europäische Klimagase mit neu gepflanzten Bäumen in Asien oder Afrika ausgeglichen werden? Solche Angebote „erwecken den Eindruck, dass die Sache damit abgehakt ist – Klimaschaden kompensiert. Aber eine solche Garantie gibt es nicht“, sagt die Biologin Jutta Kill, die seit Langem Waldschutzprojekte kritisiert. Niemand, auch nicht Johannes Schwegler, könne garantieren, dass das CO2 über Jahrzehnte oder Jahrhunderte in den Bäumen bleibe.

Schwegler kennt Jutta Kill. Er saß schon mit ihr im Bundestag, als die Abgeordneten sich bei Experten über Wälder und Klimaschutz informierten. Er kennt die Kritik und teilt vieles davon. Beim CO2-Ausgleich sei viel Schindluder getrieben worden, sagt Schwegler. Viel zu billig seien die Nachweise verschleudert worden, oft steckten dahinter fragwürdige Projekte. Vielfach reiche es, wenn ein Anbieter behauptete, einen Wald nicht abzuholzen – schon können Firmen oder Flugreisende ihren Klimaschaden vermeintlich kompensieren. Eine Milchmädchenrechnung.

Er arbeitet mit einem Ex-Boschler

Aber man komme eben nicht schnell genug weg vom CO2. Schwegler sagt, die Bäume würden ohne seine Firma nicht gepflanzt. Von seinen Kunden verlangt er deshalb einen Vorschuss, der an die Bauern vor Ort geht. Eine Alternative zum Bäumepflanzen gebe es aktuell nicht, das müssten auch Dogmatiker anerkennen. So bezeichnet er seine Kritikerin Jutta Kill. „Selbst wenn sie kein Fleisch isst, niemals fliegt und so weiter – sie wird nicht auf null CO2 kommen. Vier, fünf Tonnen stößt sie aus. Und die müssen weg.“

Zumindest für zehn Jahre, sagt Johannes Schwegler, kann er das Klimagas nachweislich wegsperren. Mit einer halben Million Euro Google-Förderung und dem ehemaligen Bosch-Manager Stefan Ferber hat er eine App entwickelt, mit der die Bauern auf Borneo das Wachstum jedes einzelnen Treeo-Baums einmal im Jahr zentimetergenau dokumentieren. Nur dann werden sie weiter bezahlt. Aus den Daten errechnet Treeo mit Sitz in Stuttgart-West, wie viel CO2 im Baum gebunden ist. Auf einer Karte ist jeder einzelne Baum verzeichnet. Die Firma errechnet für ihre Kunden, wie viel CO2 die Bäume aktuell speichern. Stirbt einer oder brennt ab, müssen sie nachkaufen, damit neue Bäume gepflanzt werden.

„Ich spüre noch heute so einen Ruf“

Nach zehn Jahren, wenn die Bäume gefällt und weiterverarbeitet werden, endet die penible Kontrolle. Danach kann auch Johannes Schwegler nicht sagen, ob das eingelagerte CO2 womöglich doch in die Atmosphäre entweicht. Genau das ist die Kritik der radikaleren Klimaschützer. Johannes Schwegler weiß, dass er ihr im Kern nicht widersprechen kann: „Wir haben einen Service für zehn Jahre.“

Menschen, die ihn kennen, sagen, er habe das Herz am richtigen Fleck. Schwegler erinnert sich an die ersten eritreischen Flüchtlinge in Korb. Es habe ihm imponiert, dass sein älterer Bruder einige von ihnen zum Mittagessen nach Hause brachte und sich Zeit für sie genommen habe, erzählt Schwegler. Vielleicht ein Grund, warum er als junger Mann nach Borneo ging: „Ich spüre noch heute so einen Ruf zu helfen.“

Lange Jahre war er für die Schweizer Stiftung Swisscontact aktiv, seit 2013 führte er deren gemeinnützige Arbeit unter dem Namen Fairventures fort. Bis 2020 pflanzten Schwegler und seine Mitstreiter auf abgeholzten Flächen eine Million Bäume, das im einschlägigen Oekom-Verlag erschienene Buch „Bäume für Borneo“ erzählt die Geschichte des Projekts.

Als Schwegler 2020 das neue Ziel von 100 Millionen Bäumen ausgibt, ist seine neue Firma schon in der Gründung. Ideengeber ist unter anderem die Familie Stihl, die ihr Unternehmen klimaneutral machen will. Weil bei der Herstellung von Sägen und anderen Produkten auch bei einer so ambitionierten Firmenpolitik wie derzeit CO2 und andere Emissionen entstehen, will Stihl sie ausgleichen – mithilfe von Johannes Schweglers Bäumen, die der Atmosphäre in Indonesien so viel CO2 entziehen sollen, wie zum Beispiel in den Stihl-Werken in der Region Stuttgart entstehen.

Kriegt er Gewissensbisse?

Früher hat Schwegler mit Spendengeldern Entwicklungsprojekte geleitet. Jetzt hilft er einem Werkzeughersteller, Klimaversprechen zu formulieren, und hofft auf gute Geschäfte. Kriegt er beim Holzmachen Gewissensbisse? „Ich habe über die Zeit gelernt, dass es große Lösungen braucht“, sagt Schwegler. Die eine Million Bäume, die er gepflanzt hat, „das ist nix, das ist ein Furzkram“. Fünf Millionen hätte er mit Spenden geschafft, sagt Schwegler, „auf hundert Millionen, auf einen weltweiten Impact komme ich nur mit einer kommerziellen Lösung“.

In der Sprache der Klimaschützer gelten Bäume und Moore als natürliche „CO2-Senken“. Wenn die EU 2050 klimaneutral sein soll, heißt das nicht, dass kein CO2 mehr ausgestoßen wird, sondern dass das verbleibende Treibhausgas eingespeichert wird. Nur mit Bäumen wird das nicht gehen.

Wohin mit dem Klimagas?

Unter der Nordsee schon. Im Februar stellte der Klimaschutzminister Robert Habeck nach jahrelanger Kritik die Pläne für ein entsprechendes Gesetz vor. Auch Norwegen will mitmischen, geplant ist eine Hunderte Kilometer lange Pipeline von Wilhelmshaven gen Norden. Schon heute gibt es auf Island eine Anlage, die das Klimagas aus der Luft zieht und in die Erde pumpt, wo es versteinert und für 1000 Jahre weggesperrt wird. Das hat nur einen Haken: Diese Apparate schaffen viel zu wenig CO2 weg, und eine Tonne kostet aktuell rund 1000 Euro. Ein durchschnittlicher Deutscher müsste rund 11 000 Euro bezahlen, um ohne Änderung seines Lebensstils klimaneutral zu werden. „Für 1000 Euro speichern unsere Bäume dreißig Tonnen CO2“, rechnet Schwegler vor. Zehn Jahre lang. Ist das genug?

Die Idee ist vor Jahrzehnten entstanden

„In Deutschland ist mir die Stimmung beim Thema Klimawandel oft zu pessimistisch. Wir können etwas tun“, sagt Johannes Schwegler. Neu ist seine Idee im Grunde nicht. Das mit dem Nachpflanzen von Bäumen stand schon 1997 im Kyoto-Protokoll, „war aber ein Ladenhüter“, erinnert sich Schweglers Kritikerin Jutta Kill.

Und doch sieht Schwegler seine Chance. Die EU hat sich dieses Jahr auf verbindliche Kriterien und ein gemeinsames Register für Projekte wie Treeo geeinigt. Eines Tages, hofft Schwegler, wird das in seinen Bäumen gespeicherte CO2 Teil des verbindlichen Emissionshandels. Dann müssten Firmen entweder Verschmutzungsrechte kaufen oder bei ihm den Nachweis, dass ihre Emissionen mit den Treeo-Bäumen ausgeglichen werden. „Wir sind der First Mover“, glaubt Schwegler. Zwölf Kunden hat Treeo aktuell und gut 60 Mitarbeiter, in Stuttgart, Indonesien und Uganda. „Die Leute wissen von uns, die rennen uns die Bude ein.“ Neue Projekte nimmt seine Firma aktuell nicht an, die Nachfrage ist zu groß. Eines müssen auch seine schärfsten Kritiker Johannes Schwegler lassen: Für das Klima Bäume zu pflanzen ist besser, als welche dafür zu fällen.

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