John Cale wird 80 Pionier der Avantgardemusik

Die berühmteste Bratsche der Popmusik: John Cale und seine Viola Foto: dpa/J. Cebollada

Der britische Avantgardemusiker John Cale, einst Mitgründer der legendären Band The Velvet Underground, wird achtzig Jahre alt.

Kultur: Jan Ulrich Welke (juw)

Stuttgart - In der Rückschau mutet es skurril an, aber tatsächlich hat John Cale dem Stuttgarter Konzertleben eine historische Zäsur beschert. Sein Gastspiel vor fast genau 15 Jahren, am 26. Februar 2007, ist der erste Auftritt eines Popmusikers in einem Konzertschuppen hierzulande gewesen, bei dem das Rauchen verboten war. Ausgerechnet im speckigsten aller Venues fand er statt – der Röhre. Den durchaus schon legendär zu nennenden Club (in dem etwa eine Band namens Rammstein ihr erstes Konzert in Stuttgart gab) gibt es leider längst nicht mehr, John Cale erfreut sich hingegen bester Daseinsfreude. An diesem Mittwoch wird er achtzig Jahre alt, im Sommer will er – so es die Umstände je zulassen sollten – auf Tournee gehen und dabei auch für drei Auftritte in Deutschland vorbeischauen, ein halbes Dutzend Alben und Filmmusiken hat er in den letzten Jahren überdies veröffentlicht.

 

Legendäre Band

Bleibende Eindrücke hat John Cale allerdings nicht als Streiter für ein nikotinfreies Dasein hinterlassen, sondern zuvorderst im Jahr 1965 als Mitgründer der US-Avantgardeband The Velvet Underground, was immerhin auch zwei bemerkenswerte Umstände beinhaltet. Zum einen jenen, dass es sich bei John Cale um einen Waliser handelt; und zum anderen, dass Cale ein Instrument spielt, das ohnehin schon einen etwas zwielichtigen Ruf genießt, vor allem aber selten bis nie mit Rockmusik in Verbindung gebracht wird – nämlich eine Bratsche.

Der Rest ist dennoch Legion. Das in jeder Hinsicht ikonische Debütalbum von Velvet Underground, verziert mit der berühmten Banane auf dem Cover und produziert von Andy Warhol sowie eingesungen von der Kölnerin Christa Päffgen alias Nico, ist heute ein reinrassiger Klassiker. Das zweite und letzte unter Cales Mitwirkung entstandene Velvet-Underground-Album – „White Light, White Heat“ von 1969 – ist immerhin noch ein Klassiker. Und das gilt zumindest auch für „Paris 1919“, das vierte seiner zahlreiche Soloalben. Nobel liest sich überdies John Cales Kollaborations- und Gastmusikerleben, von der Mitwirkung bei Nick Drake und den Stooges über die Zusammenarbeit mit Brian Eno bis hin zur Produzententätigkeit für Patti Smith, Element of Crime (!) oder beim letzten Album von Siouxsie & the Banshees.

Ein echter Klassiker

Wobei John Cale allerdings mitnichten 1963 nach New York kam, um Rockstar zu werden. Beheimatet war der junge Bratschist und Pianist am Londoner Goldsmiths College in der Neuen Musik, auf Vermittlung von Aaron Copland bekam er ein Bernstein-Stipendium, studierte bei La Monte Young und seinem Fast-Namensvetter John Cage – und wollte eigentlich Dirigent werden. Klassischen Ballettmusiken und dem Arthousekino (man höre etwa nach bei Cales Soundtrack zum Film „Basquiat“) ist er bis heute treu geblieben, ein „richtiger Rockstar“ ist der Musiker unverdienterweise auch nie geworden, aber ein vorzüglicher Künstler: das ist er noch heute.

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