InterviewJoseph Stiglitz im Interview „Gemeinsames Gefängnis ist keine Vision“

Von Hannes Koch 

Die starken Länder Europas müssen die schwachen unterstützen, meint Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Er fordert Eurobonds und einen größeren Rettungsschirm.

Deutschland legt zu viel Gewicht auf fiskalische Disziplin, kritisiert der Nobelpreiseträger Joseph Stieglitz. Foto: dapd
Deutschland legt zu viel Gewicht auf fiskalische Disziplin, kritisiert der Nobelpreiseträger Joseph Stieglitz. Foto: dapd

Stuttgart - Sparen alleine reiche angesichts der Schuldenkrise nicht, hält der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz Kanzlerin Merkel entgegen. Stiglitz plädiert für gemeinsame Eurobonds , einen größeren Rettungsschirm und mehr öffentliche Investitionen zur Ankurbelung des Wachstums.


Herr Stiglitz, Kanzlerin Merkel hat in ihrer Eröffnungsrede zum Weltwirtschaftsforum von Davos gesagt, dass sie die gemeinsame europäische Währung gerne bewahren wolle. Mehr deutsches Geld mag sie dafür vorläufig aber nicht erübrigen. Kann diese Strategie funktionieren?
Ihre Kanzlerin muss erkennen, dass Deutschland in jedem Fall zahlt – egal, ob die Eurozone stabil bleibt oder nicht. Welcher der beiden Wege teurer ist, kann heute niemand abschätzen. Möglicherweise ist zusätzliche Hilfe für verschuldete Staaten im Endeffekt die billigere Lösung. Als Merkel in ihrer Rede beim Weltwirtschaftsforum das Wort „Solidarität“ benutzte, freute ich mich zunächst. In Familien bedeutet Solidarität ja beispielsweise, dass man mit demjenigen schimpft, der vom Rauchen Lungenkrebs bekommen hat, ihm dann aber trotzdem die bestmögliche Therapie bezahlt. Im Verlauf der Rede habe ich allerdings gelernt, dass Solidarität in Merkels Sinn heißt: Die Verwandten besuchen den Kranken nicht im Hospital und leisten auch wenig finanzielle Unterstützung.

Einspruch – so egoistisch ist Deutschland doch gar nicht. Gleichwohl rät beispielsweise der Internationale Währungsfonds, die europäischen Rettungsfonds auf rund eine Billion Euro zu verdoppeln. Meinen auch Sie, die stabilen Staaten sollten noch mehr Geld zur Verfügung stellen, um die Krise zu beenden?
Ja, daran geht kein Weg vorbei. Ich schlage vor, dass die Mitglieder der Eurozone gemeinsame Staatsanleihen herausgeben. Durch die Garantie aller würden die Zinsen sinken, die Griechenland oder Portugal an den Rand des Bankrotts drücken. Zum Vergleich: Wenn nicht die US-Regierung Staatsanleihen herausgäbe, sondern jeder einzelne Bundesstaat, wäre Kalifornien längst pleite.

Auch Eurobonds sind Schuldscheine von Staaten, zu denen die privaten Investoren allmählich das Vertrauen verlieren. Liegt nicht die bessere Lösung darin, dass die Europäische Zentralbank eine unbegrenzte Garantie für die Eurozone übernimmt?
Grundsätzlich sollte eine Zentralbank nicht die Regierungen finanzieren. Im Augenblick allerdings ist es ratsam, eine Ausnahme zu machen. Wobei die EZB gegenwärtig den falschen Weg beschreitet. Für die Demokratie ist es nicht gesund, wenn die Zentralbank den Banken Hunderte Milliarden Euro zu Niedrigzinsen leiht und die Institute diese Mittel mit viel höheren Zinsen an die Regierungen weiterreichen. So verdienen die Banken Milliarden, über die die Steuerzahler zu Recht sauer sind. Viel besser wäre es, wenn die EZB die Staatsanleihen den Staaten direkt abkaufte – ohne Umweg über die Banken.