Die natürlichen Feinde eines Tennis-Spielers sind Netzroller, Wind und Regen. Weil der August auf Herbst macht, gibt’s davon ausreichend beim Jugend-Cup in Renningen, wo am Sonntag die Qualifikanten der U 18 um einen Platz im Hauptfeld kämpfen. „Das Einzige, was wir nicht beeinflussen können“, stöhnt Turnierchef Peter Rohsmann, „ist das Wetter.“ 18 Grad, stetige Windböen, die kleine Regentropfen mit sich tragen, zwingen ihn, den Stargast in der Halle zu verstecken: Mischa Zverev, Ex-Profi und Bruder des Olympiasiegers Alexander Zverev, hat sich in Tennisklamotten geschmissen, um mit einigen jungen Spielern der Tennisclubs aus Renningen, Rutesheim und Warmbronn ein paar schnelle Matches zu spielen und kurze Trainingslektionen zu erteilen. „Ich bin nicht überrascht, dass in Deutschland so ein Wetter herrscht“, sagt Zverev, der mit seiner Familie im (meist) sonnigen n Monaco an der Côte d’Azur lebt.
Der Mann ist 35, er hat gelernt, das Leben zu nehmen, wie es ist, weshalb die feuchte Kühle ihm die Laune nach einem großen Stück Obstkuchen nicht verderben kann – freundlich schreibt er Autogramme auf dem Gelände, posiert für Fotos, bevor das Programm beginnt. 24 Termine stehen im Plan in diesem Sommer. Zverev tourt durch die Republik und besucht Tennisclubs, wo er die Menschen ein wenig in sein Leben blicken lässt und sie mit dem Rackett in der Hand gut unterhält. Unter 200 Bewerbungen, die eingegangen sind, hat der TSC Renningen einen Zuschlag erhalten. Zuvor haben der Ex-Profi und sein Geschäftspartner Raphael Schmidt die Routen so festgelegt, dass Umwegkilometer vermieden werden, am Samstag war er in Donzdorf. „Ich unterstütze Mischa bei der Aktion, nachdem wir das 2021 nach Corona ins Leben gerufen haben“, sagt Schmidt, ein guter Freund Zverevs, „2022 hatten wir fünf Events, in diesem Jahr schon 24.“
Aaron Funk hat dabei das große Los gezogen. Der 17-Jährige, der beim TSC Renningen als Nummer eins bei den Herren in der Verbandsliga aufschlägt, darf gegen Mischa Zverev („ich lege Wert darauf, dass der Name mit zwei ‚v’ geschrieben wird“) zu einem Showmatch in der Halle vor knapp 200 Zuschauern auf Sand antreten – wobei sich Turnierchef Rohsmann über das große Interesse freut. Der ambitionierte Youngster und der routinierte Ex-Profi liefern sich interessante Ballwechsel, und Zverev verschenkt dabei nicht offensichtlich Punkte – er gewinnt mit 2:1 im Tiebreak, und Aaron Funk hadert: „Der eine Vorhandfehler war so unnötig – am Netz ist Mischa überragend.“ Und auch die Zuschauer sind höchst angetan.
Die Familie steht über allem
Wenn Mischa Zverev nicht durch die Tennis-Provinz tingelt, tummelt er sich bei den großen Events, zuletzt zählte er zur Entourage seines Bruders Alexander beim Grand-Slam-Turnier in Wimbledon, dabei hat er häufig seine gesamte Familie mit Frau und Kindern im Schlepptau. „Ich bin ein Familienmensch“, sagt er, „wenn ich sie um mich habe, geht es mir gut.“ In Renningen fühlt er sich ebenfalls wohl, er schätzt die Wettkampf-Atmosphäre die auf dem Gelände liegt, wenn sich die Junioren auf den Plätzen die Bälle um die Ohren schlagen – sonst werden seine Showevents meist von Vereinsjubiläum umrahmt. „Hier fühle ich mich wie auf Besuch“, betont der Mann, der als Manager seines Bruders arbeitet, und verrät, dass er stets schaut, was der Nachwuchs zu bieten hat. „Wenn du Profi warst, kannst du nicht anders. Das wird immer so bleiben“, sagt er.
Diskussion: Profi mit 14?
Am Abend diskutiert er die Frage „Profi mit 14 oder Schule?“. Eines wird offensichtlich: Es gibt kein allgemein gültiges ja oder nein, es hängt vom Typus ab. „Man muss bedenken, dass es sich um Kinder handelt und ihnen Freiraum für ihre Entwicklung als Menschen geben – sonst kann es zum Burn-out führen“, sagt Mischa Zverev. Bei so viel Lebensweisheit und Empathie wird dem einen oder anderen Zuhörer ganz warm ums Herz. Auch bei 18 Grad und Nieselregen.