Jugendarbeit in Böblingen Die Jugendhäusler gehen auf die Straße
Nach dem Abgang des Böblinger Streetworker-Trios werden städtische Pädagogen aus den Jugendeinrichtungen deren Jobs bis Oktober ausüben.
Nach dem Abgang des Böblinger Streetworker-Trios werden städtische Pädagogen aus den Jugendeinrichtungen deren Jobs bis Oktober ausüben.
Böblingen - Jetzt ist es für alle sichtbar: Das Team der Mobilen Jugendarbeit in Böblingen macht Feierabend. Ein Transparent im Schaufenster des Streetworker-Büros „Am Käppele“ verkündet das Ende nun auch offiziell: Lina Höppner, Matthias Rau und Reiner Pravda verabschieden sich von ihren Jugendlichen und bedanken sich für die Zusammenarbeit. „Es war uns eine Ehre“ haben sie auf das Poster geschrieben.
Weniger ehrenhaft waren die Beweggründe, die das Trio gemeinsam haben überraschend Schicht machen lassen. Die konzertierte Aktion war kein Zufall. Es gab wohl unüberbrückbare Differenzen mit ihrer Vorgesetzten beim Verein für Jugendhilfe (VfJ). Der Sozialdienstleister hat die aufsuchende Jugendsozialarbeit für die Stadt 1996 übernommen und erhält hierfür rund 140 000 Euro pro Jahr.
Das Arbeitsfeld der drei Sozialpädagogen war die Straße. Im Gegensatz zu den Kollegen in den Jugendhäusern gingen sie raus, um in der Stadt Jugendliche zu treffen, die oft aus schwierigen Verhältnissen stammen und keinen Anschluss an Vereine oder andere Einrichtungen finden. Das Arbeitsfeld waren die Brennpunkte Böblingens – Orte wie die Seen, der Bahnhof oder das Flugfeld, an denen es immer mal wieder Konflikte, Handgreiflichkeiten oder einfach nur Beschwerden wegen des Lärms und des hinterlassenen Mülls gibt. Eine Arbeit, die auf viel Vertrauen zu den Kids und ein über Jahre aufgebautes Verhältnis basiert. Reiner Pravda, der 59-jährige Senior im Streetworker-Trio, war seit 27 Jahren auf den Straßen Böblingens unterwegs.
Diese Kompetenz ist von heute auf morgen dahin. Die Böblinger Sozialarbeit steht vor einem Scherbenhaufen. Nachfolger müssen erst einmal gefunden werden, das Vertrauen zu den Jugendlichen muss mühevoll neu aufgebaut werden. Die Folge: Während des Sommers, wo das Leben sich hauptsächlich draußen abspielt, wird in diesem Jahr Streetwork so gut wie nicht möglich sein.
Wie soll es nun weitergehen? Der Verein für Jugendhilfe ist laut eigenen Angaben bemüht, so schnell wie möglich Nachfolger zu finden. Kein einfaches Unterfangen, denn geeignete Fachkräfte zu bekommen, die sich um Jugendliche auf der Straße kümmern, ist nicht einfach.
Bei der Stadtverwaltung, die von den Entwicklungen offenbar überrascht war, ist man sich der Tragweite des Problems bewusst. Mehr als eine Übergangslösung wird es nicht geben: Über die Sommerzeit sollen die zehn Sozialpädagogen der städtischen Jugendhäuser einen Teil des Streetwork übernehmen. „Das gesamte Stadtgebiet können wir dabei nicht abdecken“, räumt Jugendreferent Frank Kienzler ein. Vor allem die Mitarbeiter des Casa Nostra in der Innenstadt und des Kinder- und Jugendtreffs Diezenhalde werden übergangsweise rausgehen und sich vorwiegend um das Flugfeld und die Diezenhalde kümmern. Wenn das Ordnungsamt oder die Polizei Bedarf erkennen, sollen die Aktivitäten auch auf die Seen oder den Bahnhof ausgeweitet werden.
„Die Jugendhäuser“, sagt Frank Kienzler, „sollen sich noch stärker ins Gemeinwesen hinein vernetzen, um das Ohr noch dichter am Puls zu haben.“ Die Einzelfallhilfen werden verstärkt, von den Streetworkern angebotene Veranstaltungen und Hilfsangebote wie das Bewerbungstraining sollen ebenfalls von den Jugendhäusern übergangsweise übernommen werden. In der Stadtverwaltung rechnet man damit, dass diese Unterstützung bis Oktober andauern wird. Vorher werde wohl kein Ersatz für die ausgestiegenen Streetworker vor Ort sein.
Bei der Polizei hat man sich bisher noch keine großen Gedanken gemacht, ob der Streetworker-Schwund sich zum Problem für die eigene Arbeit auswachsen könnte, obwohl in den vergangenen Monaten an einem Streifenwagen die Reifen wohl von unbekannten Jugendlichen aufgeschlitzt worden sind und eine Streifenbeamtin mit einer Flasche beworfen worden ist. „Bisher“, heißt es in einer Stellungnahme, „bestanden keine regelmäßigen, größeren Berührungspunkte zwischen den Streetworkern und der Polizei. Grundsätzlich seien die Streetworker für die Jugendlichen und Heranwachsenden in Böblingen „eine Bereicherung“.