Jugendkonzepte für die City Stuttgart arbeitet die Krawallnacht auf
Stadt, Handel, Polizei und Jugendhilfe sollen die Stadt jugendgerecht machen, von einer Jugendstudie erhofft man sich mehr Fakten zum Thema Aufwachsen in Stuttgart.
Stadt, Handel, Polizei und Jugendhilfe sollen die Stadt jugendgerecht machen, von einer Jugendstudie erhofft man sich mehr Fakten zum Thema Aufwachsen in Stuttgart.
Stuttgart - Die Nacht zum 21. Juni 2020 hat aufgerüttelt. Nach der Polizeikontrolle eines 17-Jährigen am Eckensee war es in der Stuttgarter Innenstadt zu Ausschreitungen gekommen, die einen enormen Schaden verursacht haben – materiell, juristisch und physisch. Jetzt liegt ein Konzept vor, das zwischen den Interessen der Innenstadtnutzer vermitteln will. Es ist am Montag im Jugendhilfeausschuss vorgestellt und dort begrüßt worden.
Mit der so genannten Jugendhilfestrategie werden ein Statusbericht und Vorschläge für die Zukunft gebündelt. An der Basis steht die Mobile Jugendarbeit Innenstadt. Dort sind fünf Fachkräfte tätig, das Team hat seine Arbeit aufgenommen. Die Ergebnisse einer Umfrage unter Besuchern der Jugendhäuser zur Krawallnacht sind dokumentiert und veröffentlicht unter dem Titel Sprachrohr.
Zehn Stuttgarter Institutionen – freie Träger, Ämter, Jugendvertretungen – sollen einen Entwurf für eine jugendgerechte Innenstadt machen, unter anderem, indem sie kulturelle und sportliche Angebote ausloten, die dort an Ort und Stelle gemacht werden können. Die Verwaltung schlägt vor, einen Runden Tisch Jugend mit den Akteuren der Jugendhilfe und Botschaftern aus Kultur und Handel einzurichten. Er soll unter Federführung von Isabel Fezer (FDP), Bürgermeisterin für Jugend und Bildung, stehen. „Es geht nicht nur um die Entwicklung neuer Projekte. Es geht um die modellhafte Erprobung eines Kulturwandels innerhalb des Stuttgarter Jugendhilfesystems und darum, grundlegende Veränderungen herbeizuführen“, so die Stadt.
Nach Erfahrung der Streetworker fühlen sich viele Jugendliche nicht gehört, nicht wahr- und ernstgenommen. Eine Jugendstudie soll deshalb über einen Zeitraum von zwei Jahren beleuchten, wie junge Menschen in Stuttgart aufwachsen, was Aufwachsen in Stuttgart heißt, was die vorherrschenden Erfahrungen Jugendlicher sind. Man will auch wissen, wann sich junge Menschen in Stuttgart zu Hause fühlen, welche Grenzen sie erfahren und wie und wofür sie den öffentlichen Raum nutzen. Kosten: 180 000 Euro.
Mitte November fielen die ersten beiden Urteile aus öffentlichen Prozessen gegen zwei junge Männer, die Polizeiautos zerstört hatten. Beide erhielten zweieinhalb Jahre Jugendstrafe ohne Bewährung. Bei einem der Täter unterbricht die Haftstrafe seine Ausbildung. Derzeit findet am Landgericht Stuttgart die Verhandlung gegen zwei 19 und 17 Jahre alte Angeklagte, statt, die einen Studenten schwer verletzt haben sollen. Ein weiterer Mann, ein 26-Jähriger, muss drei Jahre hinter Gitter, weil er den bewusstlos daliegenden Studenten bestohlen hatte.
Sieben junge Menschen aus der Krawallnacht haben sich laut Jugendamt an die Schlichtungsstelle gewandt und wollen Wiedergutmachung für die von ihnen begangenen Schäden leisten: zerstörte Scheiben, gestohlene Ware, beschädigte Polizeifahrzeuge. Sie hätten Entschuldigungsbriefe abgegeben, ein junger Mann habe die gestohlene Ware persönlich zurückgegeben und hätte mit den Besitzern gesprochen. Der Verein Starthilfe stellt Geld zur Verfügung, damit geleistete gemeinnützige Arbeitsstunden in Schadensersatzzahlungen umgewandelt werden können. Zwischen weiteren Tätern und Geschädigten sollen Wiedergutmachungskonferenzen einberufen werden. Daran beteiligen sich auch die Jugendämter und Schlichtungsstellen aus Ludwigsburg und dem Rems-Murr-Kreis.
„Ich bin stolz auf das Konzept und die intelligenten Ansätze. Wir schicken nicht nur die Mobile Jugendarbeit in die City, sondern gehen mit einem integrierten, partizipativen Ansatz ans Thema heran“, sagte Bürgermeisterin Fezer. Und es gab eine weitere gute Nachricht: Für die Mobile Jugendarbeit seien Räume in der Hirschstraße gefunden.
Die Stadträte lobten das Vorhaben fraktionsübergreifend. „Die Jugendstudie unterfüttert das Konzept theoretisch, das ist deshalb gut, weil wir nicht aus einem Impuls heraus handeln sollten“, fügte Stadträtin Gabriele Nuber-Schöllhammer hinzu. Iris Ripsam (CDU) sah die Anregung zur Studie, die aus ihrer Fraktion kam, gut umgesetzt. „Gut, dass wir einen guten Weg gefunden haben, etwas Neues zu entwickeln“, sagte sie. Luigi Pantisano (Die Fraktion) forderte, dass „Diskriminierungserfahrungen der Jugendlichen und ausgeübte Polizeigewalt“ untersucht werden müssten. Stadträtin Jasmin Meergans rät zu einer Verknüpfung der Innenstadtjugendhilfe mit den Plänen in den Bezirken. „Ich bin mir sicher, dass die Jugendlichen diese Fragen thematisieren“, antwortete Klaus Käpplinger von der Evangelischen Gesellschaft dem Stadtrat Pantisano. Bürgermeisterin Isabel Fezer sagte zu, Anregungen zur Studie aufzugreifen.