Julian Leist von den Stuttgarter Kickers „Die Alternativen im Kader sind unser großer Trumpf“

Julian Leist (re.) soll mit seiner Erfahrung den Kickers auf und neben dem Platz weiterhelfen. Foto: Baumann/Alexander Keppler

Julian Leist ist neben Mijo Tunjic der erfahrenste Spieler der Stuttgarter Kickers. Der Abwehrspieler sagt im Interview, warum ihn die Tabelle nicht beunruhigt und weshalb er auch kein Problem hat, mal auf der Bank zu sitzen.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Stuttgart - Aus den vergangenen vier Spielen in der Fußball-Oberliga haben die Stuttgarter Kickers zehn Punkte geholt. Vor dem Spiel an diesem Samstag (14 Uhr) beim 1. CfR Pforzheim ordnet der stellvertretende Kapitän Julian Leist die Lage ein. Die nötige Erfahrung dazu hat der Innenverteidiger – der 33-Jährige ist lange im Geschäft und spielte auch schon in München für den FC Bayern II und den TSV 1860 II.

 

Herr Leist, wie groß war die Erleichterung nach dem 1:0 gegen die Sport-Union Neckarsulm?

Sehr, sehr groß, das hat man auch daran gesehen, wie groß der Jubel nach dem Tor und nach dem Schlusspfiff im Stadion war. Das war phänomenal, da fühlt man sich nicht als Oberligaspieler.

Die Vorbereitung aufs Spiel…

… war alles andere als perfekt. Bedingt durch die Quarantäne hatten wir längere Zeit nur acht Spieler im Training. Da ist es nicht einfach, im Spiel auf Anhieb gleich den Rhythmus zu finden.

Lässt sich die sehr schwache erste Halbzeit nur darauf zurückzuführen?

Wir wissen selbst, dass das nicht gut war und wir spielerisch auch noch Luft nach oben haben. Aber der Trainer hat zur Halbzeit ein paar Korrekturen vorgenommen und zum Glück haben wir auch Top-Spieler auf der Bank, mit denen wir nachlegen können.

Und dann in einer Gemeinschaftsproduktion für das Goldene Tor sorgen.

Mo Baroudi und Markus Obernosterer haben das super gemacht. Die Alternativen im Kader können zu unserem großen Trumpf in dieser langen Saison werden. Wir können Spieler ersetzen, ohne dass es zu einem Leistungsabfall kommt.

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Täuschte der Eindruck – oder war der Rasen in einem für die Jahreszeit schlechten Zustand?

Ich habe mich auch etwas über die Platzverhältnisse gewundert. Der Rasen war sehr tief, so dass sogar unsere Edeltechniker im Team mit Stollenschuhen aufliefen (lacht). Aber wir müssen die Verhältnisse so annehmen wie sie sind – egal ob zu Hause oder auswärts, wo uns im Herbst und Winter wahrscheinlich noch ganz andere Plätze erwarten. Man muss die Spielweise dann eben danach ausrichten.

Langholz statt gepflegter Spieleröffnung?

Wenn’s sein muss ja. Warum sollte man ein unnötiges Risiko eingehen? Der Zweck heiligt dann die Mittel.

Nach fünf Spielen haben die Kickers ein Torverhältnis von 5:2. Als Abwehrspieler dürften Sie glücklich sein.

Natürlich freut es mich, dass wir erst zwei Gegentore kassiert haben. Aber es ist doch völlig klar, dass wir mehr Tore schießen wollen. Chancen dazu hatten wir ja. Ich bin sehr zuversichtlich, dass mit unserem ersten Heimtor und -sieg der Knoten geplatzt ist und wir auch in der Offensive ins Rollen kommen.

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Ihr Kapitän und langjähriger Dauerknipser Mijo Tunjic wartet noch auf sein erstes Saisontor. Wie geht er damit um?

Mijo ist ein selbstbewusster, positiver Typ. Keiner, der Trübsal bläst. Er stellt sich in den Dienst der Mannschaft. Im Training macht er tolle Tore aus den unmöglichsten Winkeln. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er auch in den Spielen trifft.

Sie selbst haben nach dem ersten Saisonspiel erst mal auf der Bank gesessen. Wie hart hat Sie das getroffen?

Es hing auch mit meinen Magen-Darm-Problemen vor dem Spiel in Freiberg zusammen. Aber grundsätzlich haben wir gerade bei den Innenverteidigern eine sehr starke Konkurrenz. Der Trainer hat die Qual der Wahl. Ich sehe mich als absoluten Teamplayer, ich bin kein Stinkepeter. Wenn der Trainer – wie nach dem 1:0-Sieg in Freiberg – nach dem Motto „never change a winning team“ verfährt und einem jungen Spieler das Vertrauen gibt, dann ist das doch vollkommen in Ordnung. Ich bin schon lange im Geschäft und weiß, dass wir gerade bei diesen vielen englischen Wochen alle Kräfte im Kader brauchen.

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Zuletzt agierte Ihr Team mit Vierer- statt Dreierkette. Welches System bevorzugen Sie persönlich?

Ich persönliche spiele etwas lieber in der Viererkette, das habe ich in meiner Karriere einfach auch schon öfter gespielt. Wenn wir das Spiel machen müssen, sind zwei hoch stehende Außenverteidiger ein Vorteil. Aber unser Trainer ist diesbezüglich sehr flexibel und macht sich stets seine Gedanken, mit welchem System die Aussicht auf Erfolg am größten ist.

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Der Rückstand auf Spitzenreiter TSG Backnang beträgt aktuell neun Punkte. Schauen Sie derzeit mit einem etwas mulmigen Gefühl auf die Tabelle?

Nein, zum einen haben wir drei Spiele weniger absolviert als die TSG, zum anderen haben wir aus den vergangenen vier Spielen zehn Punkte geholt, also stimmt die Richtung bei uns absolut. Die Tabelle wird schon bald ein anderes Gesicht haben.

Welche Clubs sind die schärfsten Konkurrenten?

Die Backnanger haben einen sehr guten Lauf, sie darf man nicht unterschätzen. Je länger die Saison geht, wird der SGV Freiberg weiter nach oben klettern. Auch den FC 08 Villingen, den 1. Göppinger SV und auch den FSV 08 Bissingen habe auf der Rechnung. Bissingens Coach Markus Lang kenne ich noch aus gemeinsamen Zeiten bei der SG Sonnenhof Großaspach. Er ist sehr, sehr ehrgeizig.

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Ihr Vertrag läuft bis 2023. Wurde auch ein Engagement über die aktive Karriere hinaus vereinbart?

Wir haben darüber gesprochen, ohne es vertraglich zu fixieren.

In welchen Bereich sehen Sie sich?

Ich möchte schon die Trainerscheine machen, sehe mich aber eher im Büro. Vielleicht hat mein alter Teamkollege Enzo Marchese auf der Geschäftsstelle noch ein Plätzchen frei (acht).

Wir haben Fotos aus der Karriere von Julian Leist zusammengestellt. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie!

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