Katholische Kirche Weitere Missbrauchsskandale sind denkbar

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Der vatikanische Vorkämpfer gegen Kindesmissbrauch, der Regensburger Jesuit Hans Zollner, hält die Skandale von Pennsylvania nicht für die letzten. Er sei überzeugt davon, „dass wir uns noch lange mit diesen Themen beschäftigen werden“.

Missbrauchsopfer in Pennsylvania bei der Vorstellung des schockierenden Berichts Foto: dpa
Missbrauchsopfer in Pennsylvania bei der Vorstellung des schockierenden Berichts Foto: dpa

München - Pennsylvania, USA: Mehr als dreihundert katholische Priester haben sich an über tausend Kindern und Jugendlichen beiderlei Geschlechts vergriffen. Es ist in seiner Geballtheit der größte katholisch-kirchliche Missbrauchsskandal, der nun an die Öffentlichkeit geraten ist. Doch Hans Zollner glaubt nicht, dass es der letzte sein wird. Zollner ist Jesuit, Psychologe, Theologe und Mitglied der vatikanischen Anti-Missbrauchskommision. „Ich bin überzeugt davon, dass wir noch lange beschäftigt sein werden mit diesen Themen und mit dem, was da über Jahrzehnte in den Seelen von Menschen geschlummert hat und nun ans Tageslicht tritt“, sagte er unserer Zeitung.

Pater Zollner ist weltweit unterwegs in Sachen Aufklärung und Prävention; er sagt, gerade in afrikanischen und asiatischen Kulturen, in denen sexuelle Themen und sexuelles Fehlverhalten ein Tabu sind, stehe „noch sehr vieles aus“. Und auch manche südamerikanische Bischofskonferenz habe „noch einen weiten Weg vor sich.“

Die Missbräuche in Pennsylvania, deren jahrzehntelangen Verlauf nun der tausendseitige Bericht der „Grand Jury“ des US-Bundesstaats nachzeichnet, sind ja nicht die einzigen, die zur Zeit in die Schlagzeilen geraten sind. Da ist auch noch Chile, wo nun alle 34 Bischöfe des Landes dem Papst ihren Rücktritt angeboten haben – Verantwortung übernehmend für einige von ihnen, die in ihrer Verleugnung und Vertuschung sogar Franziskus bewusst in die Irre geführt haben. Die Justizbehörden ermitteln in Chile nahezu flächendeckend.

Australischer Erzbischof mit Fußfessel

Dann ist da auch noch Australien, wo der Bischof von Adelaide, Philip Wilson, der erste Hierarch in der zweitausendjährigen Kirchengeschichte ist, der wegen Vertuschung sexuellen Missbrauchs eine elektronische Fußfessel trägt – sonst müsste er nämlich zwölf Monate in Haft. Und da ist der frühere Erzbischof von Washington, USA, Theodore McCarrick, den der Papst im Juli aus dem Kardinalsstand entfernt hat – der erste Fall dieser Art seit fast einem Jahrhundert.

McCarrick wiederum, der selbst des Missbrauchs beschuldigt wird, liegt darin auf einer Linie mit dem früheren Wiener Kardinal Hans Hermann Groer, den eine bischöfliche Untersuchungskommission 1995 zum – gänzlich uneinsichtigen – Rücktritt gezwungen hat. Fragt man Pater Zollner, was die Kirche in 23 Jahren aus dem Fall gelernt hat, räumt er ein: „Da gibt es nicht sehr viel Neues.“ Es sei heute nur so, dass „mehr Leute die Dinge so benennen, wie sie sich darstellen“ und dass man „nicht mehr davor zurückschreckt anzunehmen, dass auch Personen in höheren Positionen so etwas tun können.“

Gelernt habe man immerhin, das im Fall McCarrick nicht nur Bischöfe in der kirchlichen Untersuchungskommission saßen, sondern auch vier Laien: „Wir müssen viel mehr raus aus dem Zirkel, dass nur Bischöfe Bischöfe beurteilen; wir brauchen unabhängige Instanzen.“ Auch seien Kirchenjuristen in Verfahrensfragen ja ganz gut, für Ermittlungen kriminologischer Art aber nicht ausgebildet.

Eine Schwachstelle: die vatikanische Justiz

Gleichwohl, auch wenn die von Papst Franziskus 2014 Anti-Missbrauchs-Kommission schon heftige Kritik an der vatikanischen Glaubenskongregation geübt hat und auch wenn es Rücktritte wegen mangelnder Aufklärung durch die in diesem Falle oberste kirchliche Gerichtsbehörde gab, so hält Zollner den Aufklärungswillen in der Kirchenzentrale für „eindeutig vorhanden“. Allerdings sei in der Glaubenskongregation „die Personalausstattung völlig ungenügend angesichts der Zahl und der Komplexität der Fälle, die da aus so verschiedenen Kulturen und Sprachen ankommen.“ Es brauche eine Verfahrensbeschleunigung – und, viel grundlegender: erst einmal eine kirchliche „Konkretisierung der Straftatbestände“.

Aber weshalb kommen gerade jetzt so viele Skandale ans Tageslicht? Zollner sieht darin zum einen einen Kulturwandel, der mit dem Priesterbild zu tun habe: Die „geschlossenen katholischen Welten“, in denen sich Geweihte alles herausnehmen konnten – eine Form des Machtmissbrauchs – sind demnach vorbei. Das heiße aber nicht, dass es „unter den Priestern heute keine solchen Tendenzen gäbe“. Nur sei die Bereitschaft im Volk, wegzuschauen oder so etwas hinzunehmen, sei „Gott sei Dank unendlich viel geringer“.

Es habe aber auch, sagt Zollner, „den Zeitpunkt gebraucht, an dem viele Betroffene merkten, sie sind nicht allein.“ Viele hätten über den Missbrauch ja nicht einmal in der eigenen Familie geredet oder reden können. Erst „bei einer gewissen Größenordnung“ von Gruppen mit gleichem Schicksal wage man dann auch den Schritt nach außen. Und dann gebe es eben Länder, in denen der Staat mit seinen polizeilichen Ermittlungen die Dinge ins Rollen bringe.

Prävention in Deutschland als Vorbild?

Seit etwa 2002 geraten in den USA kirchliche Missbrauchsskandale in die Öffentlichkeit; die Fälle, die jetzt in Pennsylvania Schlagzeilen machen, lägen – so Zollner – „zu 95 bis 98 Prozent“ mindestens zehn oder fünfzehn Jahre zurück. Beschuldigungen aus jüngerer Zeit lägen praktisch nicht vor, jedenfalls nicht aus Ländern wie den USA oder Deutschland, wo es statistische Daten gibt. Heißt das, dass weiter vertuscht wird oder dass viel weniger passiert als früher? Es sei ein Zeichen, sagt Zollner, dass die Maßnahmen zu Sensibilisierung, Prävention und Schulung griffen. In Deutschland würden mittlerweile alle kirchlichen Mitarbeiter geschult, auch solche, die „nur“ Freizeitprogramme oder Kommunionsvorbereitungen für Kinder organisierten: „Das ist vorbildlich.“

Dennoch: dass in Deutschland schon alles aufgeklärt sein könnte, glaubt Pater Zollner nicht: „Sehr viele Betroffene haben persönliche, finanzielle oder therapeutische Genugtuung erfahren, wir müssen aber auch damit rechnen, dass sich eine ganze Reihe nicht entsprechend angenommen und unterstützt gefühlt hat.“ Da bleibe „eine offene Wunde.“