Kein Aushängeschild für Ludwigsburg Unhaltbare Zustände bei den Bürgerdiensten

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Ludwigsburg möchte das Standesamt und die Meldestellen auf Vordermann bringen. Die Stadträte warnen, die Stadt werde sich übernehmen. Sie verweisen auf konkurrierende Großprojekte wie den Neubau des Bildungszentrums West.

Steile Treppen und kein Aufzug: das Ludwigsburger Standesamt an der Oberen Marktstraße. Foto: Stadt Ludwigsburg
Steile Treppen und kein Aufzug: das Ludwigsburger Standesamt an der Oberen Marktstraße. Foto: Stadt Ludwigsburg

Ludwigsburg - Von überallher reisten Kollegen an, um sich über den Stand der Technik in der Ludwigsburger Verwaltung zu informieren, sagt Jürgen Schindler, der Chef der Bürgerdienste: „Bei der Digitalisierung sind wir in Baden-Württemberg ganz vorne, aber mit unseren Räumen nicht.“ Das Bürgerbüro ist eigentlich nur ein bedrückend enger Korridor, das Standesamt ist nicht barrierefrei und die komplette Haustechnik dort marode. Jetzt hat das Hochbauamt dem Bauausschuss ein Sanierungskonzept vorgelegt, und nicht nur Schindler hofft auf bessere Zeiten – allerdings hat er das auch schon 2016 getan, als zuletzt ein Umbau beschlossen werden sollte.

18,5 Millionen Euro für die ersten Bauabschnitte

Damals wie heute reagieren die Stadträte gleich: Da ist niemand, der bezweifelt, dass die Misere möglichst bald behoben werden müsste. Die Räume an der Wilhelmstraße 1 bis 5 sowie die an der Oberen Marktstraße 1 könne man im Grunde weder den Mitarbeitern noch dem Publikum zumuten, so der parteiübergreifende Tenor. Ganz abgesehen davon, dass die Gebäude Teil der barocken Bausubstanz und somit Denkmale sind, die, weil nichts geschieht, nach und nach verfallen. Die Situation ist hinlänglich bekannt, schließlich wurden schon 2003 erste Konzepte für einen Umbau und entsprechende Sanierungen vorgelegt.

Dass trotzdem seither außer ein paar Umzügen von kleineren Abteilungen nichts passiert ist, hat jedoch nichts mit Schlendrian zu tun. Vielmehr mit den enormen Kosten und damit, dass die Konkurrenz der Bauprojekte seit Jahren anhaltend hoch ist. Das nun von Gabriele Barnert, der Vizechefin des Fachbereichs Hochbau und Gebäudewirtschaft, vorgelegte Konzept sieht eine Sanierung der historischen Gebäude samt einer Neuordnung der Ämter vor. Umgesetzt werden soll es in insgesamt sechs Etappen über einen Zeitraum von acht Jahren. Doch allein die Kosten für die ersten drei Schritte werden auf 18,5 Millionen Euro geschätzt.

Mehrzweckhalle auf der Warteliste

„Das sind spannende, gut durchdachte Pläne“, lobte Claus-Dieter Meyer (CDU). Doch alles in allem werde es die Stadt wohl 40 Millionen Euro kosten. „Die Frage ist, ob wir uns das angesichts unseres Investitionsvolumens überhaupt leisten können?“

Meyer verwies ebenso wie Hubertus von Stackelberg (SPD) und Hermann Dengel (FW) auf große Baumaßnahmen, die dazu in direkter Konkurrenz stehen: Sei es, dass sie ebenfalls seit Jahren auf die lange Bank geschoben worden sind, wie etwa die Mehrzweckhalle Oßweil oder die Oststadtsporthalle. Sei es der Bau von notwendigen Schulen und Kindergärten oder der von allen als sehr dringend erkannte Neubau des Bildungszentrums West.

Cubes als Ausweichquartiere?

Allein das Bildungszentrum verschlinge voraussichtlich 100 Millionen Euro, sagte von Stackelberg. Er sehe sich nicht in der Lage, die Schule gegen städtische Ämter auszuspielen, oder umgekehrt: „Wir können den Schülern und Eltern schlecht sagen, ihr müsst das mit der Luft noch ein paar Jahre länger aushalten.“ Seit 2014 findet der Unterricht am Bildungszentrum unter erschwerten Bedingungen statt: Klassenzimmer müssen mit Pumpen belüftet werden, weil die Formaldehyd-Konzentration in der Raumluft zu hoch ist. Eine Sanierung löst das Problem nicht, weshalb der Gemeinderat 2017 einen Neubau beschlossen hat.

Vielleicht könne man die Situation für die Verwaltungsangestellten verbessern, indem man einzelne Abteilungen in die Silcherschule ausquartiere, sagte Meyer. Zudem schlug er vor, am Akademiehof die von der Wohnungsbau entwickelten Holzmodule vom Typ Cube 11 aufzustellen und so die Mitarbeiter wenigstens vorübergehend zu entlasten. Von Stackelberg empfahl, die leer stehende Gaußschule in der Martin-Luther-Straße dafür zu mieten.

Auch das Nichtstun kostet

„Das haben wir alles schon geprüft“, sagte der Hochbauamtsleiter Mathias Weißer. Die Gaußschule müsste vorher umgebaut werden, die Silcherschule sei weiterhin für den Unterricht unverzichtbar, und für die Cubes müsse die Stadt „Geld hinlegen, das später fehlt“.

Der Entscheidungsdruck sei hoch, meinte auch Konrad Seigfried. „Aber Sie müssen sich darüber im klaren sein, dass jede Entscheidung Konsequenzen hat.“ Auch wenn das Gremium gegen die Neukonzeption der Bürgerdienste votierten, koste das Geld, sagte der Erste Bürgermeister. „Ich sehe mit Schrecken, dass wir uns seit Jahren mit immer neuen Mietverträgen über die Stadt ausbreiten.“

In der kommenden Woche soll das Thema auch im Bauausschuss diskutiert werden. Eine Entscheidung soll erst im Herbst im Rahmen der Debatte um den Haushalt für 2020 fallen.