InterviewKein Ende im Zwist im Eisschnelllauf Athletensprecher Geisreiter: „Da schwang die Keule in der Luft“

Das deutsche Quartett Josephine Heimerl, Claudia Pechstein, Mareike Thum (v. li.) bei der Eisschnelllauf-WM in Heerenveen in der Verfolgung. Foto: imago/Rafal Oleksiewicz
Das deutsche Quartett Josephine Heimerl, Claudia Pechstein, Mareike Thum (v. li.) bei der Eisschnelllauf-WM in Heerenveen in der Verfolgung. Foto: imago/Rafal Oleksiewicz

Bei den Eisschnellläufern hängt der Haussegen schief. Athletensprecher Moritz Geisreiter steht in deutlicher Opposition zu Präsident Matthias Große, in manchen Punkten ist er aber gleicher Meinung, wie der 33-Jährige im Interview verrät.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)
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Stuttgart - In der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack Gemeinschaft (DESG) sind die Fronten seit über einem Jahr verhärtet: Auf der einen Seite steht der neue Präsident Matthias Große, der die Umstrukturierung mit harter Hand durchzieht, auf der anderen viele Sportler, die sich nicht respektiert fühlen. Athletensprecher Moritz Geisreiter (33) ist das Sprachrohr dieser Gruppe.

Herr Geisreiter, nach dem Gespräch vor dem Sportausschuss des Bundestages – wie geht es in der DESG nun weiter?

Es waren dort Präsident Matthias Große, Dirk Schimmelpfennig vom DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund, d. Red.) und ich als Athletenvertreter geladen. Wir haben unsere Wahrnehmungen geschildert und Fragen des Sportausschusses beantwortet.

Ist die Kluft zwischen Verbandsführung und Athleten damit größer oder kleiner geworden?

Probleme offen anzusprechen ist immer ein Schritt in die richtige Richtung. Ich möchte aber nicht von einer Kluft sprechen, es ist ein Verband, auch wenn es Reibungspunkte gibt. Kluft wäre destruktiv, weil man es in Stein meißelt. Ich möchte schon beschreiben, dass es ein Weg aufeinander zu war, um die DESG in diesem ruppigen Umbruch in einen Zustand zu bringen, mit dem sich alle identifizieren können.

Sie haben der DESG-Führung vorgeworfen, ein Klima der Angst zu erzeugen, und Präsident Große betreibe eine mangelnde Kommunikation. Glauben Sie, dass er sich nun ein Stück auf Ihre Position zubewegen könnte?

Ich habe bisher nicht das Gefühl, dass da viele Zugeständnisse vonseiten des Verbandes kommen. Aussagekräftiger als der Termin vor dem Sportausschuss war das Gespräch am 17. Februar, an dem fast das gesamte Präsidium teilgenommen hat, die vier Sprinter und ich sowie zwei Beobachter des DOSB.

Da ging es um die Entlassung von Sprint-Bundestrainer Danny Leger und den Offenen Brief, in dem die Sprinter diese Entscheidung kritisiert hatten – und auf den hin der Präsident Sanktionen angekündigt hatte.

Genau. Da kam das für viele überraschende, sehr zurückhaltende Statement der Sportler, dass sie nun wüssten, wie sie gegenüber dem Verband zu kommunizieren hätten. In diesem Call wurde deutlich, dass der Druck vom Verband hochgehalten wird. Es wurde durch die Blume eine Entschuldigung der Sportler eingefordert, ehe entschieden wurde, ob Sanktionen verhängt werden. Da schwang die Keule in der Luft. Ich rechne den Jungs hoch an, dass sie sich gesagt haben: Wir wollen beitragen, dass die Situation nicht weiter eskaliert – ich kann nur mutmaßen, dass sie einen erheblichen Druck verspürt haben, nicht auf ihren Ansichten zu verharren.

Haben Sie diesen Schritt begrüßt, oder verurteilen Sie das Fordern einer Entschuldigung?

Ich bin gespalten. In meiner Rolle als Athletensprecher sehe ich es als meinen Auftrag, Anliegen von Sportlern an den Verband zu tragen, wenn sie das nicht selbst tun können oder wollen, weil sie anonym bleiben wollen. Wenn aber Sportler sich nicht mehr an mich wenden, weil sie gesehen haben, wie Kritik erfolgreich weggedrückt wird, dann senkt das die Bereitschaft, überhaupt noch etwas zu sagen. Darin lauert eine Gefahr. Denn ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, etwas zu thematisieren, wenn kein Sportler auf mich zukommt. Wenn aber niemand mehr mit mir redet, ist es für mich schwierig, die wahre Ursache zu erkennen.

Wenn nun niemand mehr zu Ihnen käme – wie würden Sie reagieren?

Die Konsequenz wäre für mich sicher nicht zu sagen: So, jetzt ist meine Aufgabe offensichtlich erfüllt, weil niemand mehr kommt. Sondern ich würde eher den Schluss ziehen: Ich kann meine Aufgabe nicht mehr erfüllen, weil sich niemand mehr zu mir traut. Was würde ich dann tun? Ist nicht ganz leicht zu beantworten. Bisher kommen die Sportler ja noch zu mir.

Es herrscht also noch dieses Klima der Angst, was Sie schon vor Wochen beschrieben haben.

„Klima der Angst“ ist ein heftiges Zitat. Das möchte ich nicht noch einmal so aussprechen. Es sind ja nicht alle Sportler, die Angst haben. Blickt man auf die Insellösungen mit Claudia Pechstein (Lebensgefährtin von Präsident Große, d. Red.), Patrick Beckert oder Nico Ihle – die Drei werden sicher sagen, für sie sei alles in Ordnung so. Aber ich nehme immer noch wahr, dass es Sportler gibt, die mir gegenüber äußern, dass sie eine kritische Meinung haben, die sie nicht laut äußern möchten. Solange das passiert, kann ich den Schluss ziehen, dass es nicht in Ordnung ist, wie man im Verband miteinander umgeht.

Nun waren Sie einst Aktiver, damals hatte die DESG auch allerhand Probleme. Wie beurteilen Sie die Arbeit von Matthias Große?

Es ist völlig klar, dass die DESG schon länger in einer großen Problematik steckte. Ich habe selbst miterlebt, dass es sich um einen führungsschwachen Verband handelte, deshalb haben wir Sportler nach den Winterspielen 2014 eine Initiative gestartet und uns Gedanken gemacht, wie wir etwas verbessern könnten. Das Land, das Matthias Große schon mit seiner Kandidatur bestellte, lag tatsächlich brach. Was ich wertschätze an seiner Arbeit ist, ein Leistungsdenken zu verankern, die Zügel anzuziehen und wieder erstklassig sein zu wollen. Aber damit einher geht auch der Anspruch, dass sich Leute fair behandelt fühlen sollten. Fair heißt: Man begegnet sich auf Augenhöhe und trägt Konflikte so aus, wie man es gelernt hat. Das halte ich für wichtige Punkte, wenn sich eine Organisation im Umbruch befindet. Denn klar ist: Beim Hobeln fallen Späne.

Nun ist Matthias Große der Chef, er trägt die Personalverantwortung. Im Sport entscheiden Präsident oder Sportdirektor, wenn ein Trainer gehen muss und nicht die Mannschaft.

Da bin ich grundsätzlich bei Ihnen. Ein Präsidium muss die Autonomie und die Stärke besitzen, sich gutes Personal selbst auszuwählen und Veränderungen durchzuziehen. Dazu gehört aber auch, dass man mit den Beteiligten frühzeitig kommuniziert, dass man die Gründe nennt und auch einen Plan B in der Hand hält. Da sind wir wieder bei den vier Sprintern – die haben mich seit November gefragt, wer ihr neuer Trainer sein wird, und warum ihr Coach gehen musste. Sie haben bis Mitte Januar keine Informationen erhalten, und auch dem Trainer wurde nicht mitgeteilt, welche Gründe für seinen Abschied gesorgt haben. Es müssen Respekt und Stil gewahrt bleiben.

In weniger als einem Jahr sind die Winterspiele, so sie denn stattfinden. Wo sehen Sie die Eisschnellläufer und Shorttracker in Peking?

Da muss man auf die setzen, die jetzt schon ein hohes Niveau haben, aber ich möchte es gar nicht so sehr am Sportlichen festmachen. Ich wünsche mir, dass nach Ende der Spiele eine zweite Reihe sichtbar wird, die heranwachsen kann, die Bock auf Leistung hat und sich im Verband gut aufgehoben fühlt.

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