KI-Serie Ist Künstliche Intelligenz ein Jobkiller?

Fast jeder wird künftig im Job mit KI zu tun haben. Foto: Imago/Westend61/Christian Vorhofer

Künstliche Intelligenz könnte etliche Jobs überflüssig machen – und neue schaffen. Wer sind die Gewinner und wer die Verlierer? Die heutige Folge unserer KI-Serie gibt Antworten.

Wissen/Gesundheit: Werner Ludwig (lud)

KI-Programme wie Chat GPT oder Dall-E faszinieren Millionen Menschen. Doch oft kommt Künstliche Intelligenz ganz unspektakulär daher. Ein Beispiel ist die Software Bäcker AI des gleichnamigen Unternehmens aus Großrinderfeld (Main-Tauber-Kreis).

 

Die KI hilft der Bäckerei Armbruster dabei, die optimale Liefermenge für mehr als 40 SB-Regale in den Filialen von Discountern zu ermitteln, die von der Bäckerei befüllt werden. Das System nutzt nicht nur Verkaufszahlen aus der Vergangenheit, sondern lernt im Betrieb dazu. Auch externe Faktoren wie Wetterdaten oder Ferienkalender werden berücksichtigt. Im nächsten Schritt sollen die 70 eigenen Armbruster-Filialen ebenfalls mit KI-Hilfe beliefert werden.

Will die Bäckerei mit gut 700 Beschäftigen mit Hilfe von KI Stellen abbauen? Sicher nicht, sagt Geschäftsführer Severin Oberdorfer. Die Branche habe eher Probleme, genügend Leute zu finden. „Uns geht es darum, an jede Verkaufsstelle möglichst genauso viele Backwaren zu liefern, wie benötigt werden.“

So bleibe weniger Ware übrig, die ansonsten billiger verkauft oder weggeworfen würde. Um durchschnittlich 20 Prozent ließen sich die Retouren mit Hilfe der KI verringern, sagt Oberdorfer. In 93 Prozent der Fälle liege die Software mit ihren Entscheidungen richtig, schreibt das Fachblatt „Back Journal“. Rund 40 Bäckereien nutzten bereits die Software von Bäcker AI, so Mitgründer Franz Seubert.

Konkurrenz für Illustratoren

Der Grafiker und Designer Spiridon Giannakis aus Mülheim-Kärlich ärgert sich dagegen über KI-Bildgeneratoren wie Dall-E oder Midjourney, die Illustratoren aus Fleisch und Blut Konkurrenz machen. „Es gibt genug Künstler, denen gesagt wurde: Ja, Danke für das Angebot, wir haben Deinen Tagessatz mal so durch das System laufen lassen. Wir haben festgestellt, dass wir mit Midjourney die Sachen alle günstiger generieren können“, sagte Giannakis in einem ARD-Beitrag.

Die Beispiele zeigen, wie unterschiedlich einzelne Branchen und Berufe von der wachsenden Verbreitung KI-gestützter Anwendungen betroffen sind.

Prognosen der Arbeitsmarkteffekte von KI sind wegen des hohen Innovationstempos schwierig, aber eines scheint klar: Während frühere technische Errungenschaften wie Dampfmaschine, Fließband oder Roboter in erster Linie zu Stellenabbau und Lohndruck bei geringer qualifizierten und körperlich arbeitenden Beschäftigten geführt hatten, zeichnet sich bei KI eine andere Entwicklung ab.

Von den KI-bedingten Veränderungen sind demnach besonders stark höher qualifizierte und in der Regel gut bezahlte Wissensarbeiter betroffen, die in ihrem Job viel mit Daten und Informationen zu tun haben oder wie Texter, Grafiker und Illustratoren gestalterisch tätig sind. Die Arbeitsplätze von Beschäftigten mit Hochschulabschluss bieten laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in 51 Prozent der Fälle ein hohes Automatisierungspotenzial durch KI.

Der entsprechende Wert für Beschäftigte ohne formale Ausbildung liegt bei 40 Prozent. Auch in Berufen mit einem hohen Frauenanteil ist nach Ansicht der Studienautoren das KI-bedingte Rationalisierungspotenzial niedriger als in Berufen mit geringem Frauenanteil.

Liste der bedrohten Berufe

Basierend auf der Analyse von Arbeitsmarktdaten und Umfrageergebnissen nennt das US-Meinungsforschungsinstitut PEW Research Center als besonders stark von KI betroffene Berufe unter anderem Bauzeichner, Buchhalter, Steuerberater, Designer oder Softwareentwickler. Rationalisierungspotenzial sehen Experten auch im Handel, bei Banken und Versicherungen sowie generell bei Verwaltungstätigkeiten.

Das bedeute jedoch nicht automatisch, dass die davon betroffenen Berufe und Jobs ersetzt würden, meint Melanie Arntz, Leibniz-Professorin für Arbeitsmarktökonomie an der Universität Heidelberg. „In vielen Berufen wird es lediglich zu einer neuen Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine kommen. Menschen werden sich somit stärker auf Tätigkeiten fokussieren, die KIs nicht übernehmen können.“

Unbestritten ist, dass KI im Handwerk oder im sozialen und medizinischen Bereich nicht zu Arbeitsplatzverlusten führen wird, weil dort das KI-bedingte Automatisierungspotenzial geringer ist. Hinzu kommt der Fachkräftemangel, der an vielen Stellen bereits heute zu Kapazitätsengpässen, Wartezeiten oder verkürzten Öffnungszeiten führt.

Durch eine Entlastung der Beschäftigten von Routinetätigkeiten, so die Hoffnung, könnte deren Produktivität gesteigert werden. So hätten etwa Beschäftigte im Gesundheitswesen mehr Zeit für Patienten, wenn eine KI sie bei der Dokumentation unterstützen würde.

Der McKinsey-Arbeitsmarktexperte Kweillin Ellingrud drückt es im Magazin „Business Insider“ so aus: „Die körperlichen Arbeitsplätze, die in den nächsten fünf bis zehn Jahren sicher sein werden, zeichnen sich durch Tätigkeiten in einer unvorhersehbaren physischen Umgebung aus.“ Ein solche Umgebung kann beispielsweise eine Baustelle sein – oder eine Pflegeeinrichtung, in der jederzeit etwas Unvorhergesehenes passieren kann. Dass es zu einer KI-bedingten Massenarbeitslosigkeit kommen wird, glauben die wenigsten Experten. „Zusammengefasst weisen die wissenschaftlichen Befunde in der Literatur bislang nicht auf starke negative Beschäftigungseffekte hin“, heißt es etwa in einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft vom vergangenen Oktober.

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