Der Wachhund schielt auf Investoren
Doch als Ende des vergangenen Jahres das Aufsichtsgremium des Unternehmens es damit ernst nahm und den aus seiner Sicht zu forsch voranpreschenden Firmenchef Sam Altman überraschend entließ, war es doch wieder wie immer. Kaum wurde die Geschichte publik, bot der Konkurrent Microsoft an, den KI-Pionier selber anzustellen. Motto: Wenn ihr es nicht tut, dann eben wir. Altman kehrte aber zu Open AI zurück, weil fast alle Mitarbeiter ihm den Rücken stärkten. „Er inszeniert sich nicht mehr als der Wachhund der Menschheit“, schrieb die Kolumnistin Maureen Dowd in der „New York Times“: „Er interessiert sich weniger für Gefahren als für potenzielle Investoren.“
Ausgerechnet Elon Musk ruft nach Moral
Schon zuvor war Microsoft eine Partnerschaft mit Open AI eingegangen. Vor allem wegen des Themas KI hat der Digitalgigant Apple als wertvollstes Unternehmen der Welt abgelöst. Und das nicht, weil Investoren glauben, dass der Idealismus siegt. Noch eine Pointe: Ausgerechnet Ellbogenkapitalist und Tesla-Gründer Elon Musk will Open AI vor Gericht bringen. Die Firma habe moralische Grundsätze ihrer Charta verletzt, sagt er. Das Unternehmen konterte mit E-Mails, die belegen sollen, dass Musk, der bis 2018 mit Open AI verbunden war, einfach nur wieder die Kontrolle übernehmen will.
Ego, Furcht und Geld
Unter dem Titel „Ego, Furcht und Geld“ schreibt die „New York Times“: „Die Leute, die am meisten Angst vor den Risiken der Künstlichen Intelligenz hatten, beschlossen, sie zu entwickeln. Und dann hat Misstrauen das Wettrennen völlig aus dem Ruder laufen lassen.“ Bisher ist in der Tat noch keinen hehren ethischen Vorsätzen aus dem Silicon Valley je zu trauen gewesen. Denn am Ende ging es immer um Egos und um sehr viel Geld. Die Kapitalgeber, ohne die keine Technologie sich hätte durchsetzen können, waren risikobereit – und gierig. Wer einen Treffer landete, hatte eine maßlose Chance auf Gewinn und Macht. Im Kern steckt darin der Glaube an die weltverbessernde Kraft eines unregulierten Innovationskapitalismus. Diese Mentalität strahlt aus. Das Valley ist für Politiker und Wirtschaftsgrößen weltweit nämlich immer noch eine Pilgerstätte.
Hier hat man schon immer versucht, den eigenen, grenzenlos macht- und erfolgshungrigen Antrieb moralisch zu überhöhen. Erinnert sich noch jemand an den inzwischen gestrichenen Google-Slogan „Don’t be evil“, also „Sei nicht böse“? Oder daran, wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg nicht müde wurde zu erzählen, wie seine Plattform uns zur großen Familie mache?
Gefährlicher Pseudo Idealismus?
Schönfärberei gehört zum Marketing. Doch das Problem ist: Die Urheber dieser Aussagen glauben dies tatsächlich. Und dahinter steckt eine gnadenlose Hybris. Ein echter Silicon-Valley-Visionär hält sich für das Mitglied einer die Zukunft der Menschheit bestimmenden Elite. Insofern erscheint der Pseudo-Idealismus von Open AI als genauso gefährlich wie der knallharte Übermenschen-Kapitalismus eines Elon Musk. Ross Douthat, ein konservativer US-Kolumnist, hat dies so umrissen: Auch die vermeintlich wohlmeinenden Protagonisten der Künstlichen Intelligenz glaubten, dass sie etwas fast Gottgleiches entwickelten. „Es ist eine potenzielle Wahrheitsmaschine im wahrsten Sinn des Wortes, die unsere Probleme auf eine Art und Weise löst, wie wir es uns nicht einmal vorstellen können“, sagt er.
Was haben die Techno-Gurus für ein Menschenbild?
Aber welches Bild vom Menschen haben eigentlich diejenigen, die solche Technologien gestalten – und verantworten? Um hier ins Grübeln zu kommen, reicht schon ein Blick auf San Francisco. Die Stadt, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Hauptquartieren der Tech-Giganten liegt, ist urban und sozial an vielen Stellen ein Desaster. Obdachlosigkeit, Drogen, eine unbewältigte Zuwanderung, eine marode städtische Infrastruktur und dysfunktionale Verwaltung – die Probleme ballen sich hier wie in kaum einer anderen Stadt in den USA.
Den Unternehmen, die in seinem Schatten groß geworden sind, war die Stadt – mit wenigen Ausnahmen – in ihrer konkreten, sozialen und kulturellen Dimension immer höchst gleichgültig. Nützlich ist sie höchstens als Experimentierfeld, etwa für Robotertaxis. Diese sind übrigens ein Beispiel für den arroganten Umgang der Visionäre mit konkreten Menschen. Anfang des Jahres zündete eine Menschenmenge während des chinesischen Neujahrsfests in San Francisco ein leeres Robotertaxi des Google-Ablegers Waymo an, weil sie den Fahrzeugen permanent ausweichen musste.
Think big – dieser Silicon-Valley-Slogan heißt eben auch: Die konkrete Realität ist viel zu klein, als dass man sich mit solchen Details wie explodierenden Mieten, Obdachlosigkeit, Kriminalität, nicht funktionierenden öffentlichen Verkehrsmitteln herumschlagen müsste. Für digitale Visionäre ist der Mensch etwas Abstraktes – nicht der Nachbar von nebenan.
Westküsten-Welt ohne Wurzeln
Und bevor das Klischee vom sozial ungelenken Computer-Nerd ins Spiel kommt, muss man sich noch an etwas anderes erinnern. Geschichts- und Traditionslosigkeit waren immer Kernelemente der Mentalität im pazifischen Westen der USA. Hierher kamen diejenigen, die allem Hergebrachten entrinnen wollten, die an eine Zukunft glaubten, die man auf einem blanken Papier schreiben kann. Alles lässt sich neu erfinden – auch der Mensch. Die Digitalisierung hat diesen Machbarkeitsglauben verstärkt. Sie reduziert ja auch menschliche Komplexität auf die algorithmische Steuerbarkeit von Reiz-Reaktions-Mustern. Die KI treibt das jetzt auf die Spitze: Für sie gibt es letztlich keine genuin menschlichen Räume mehr – auch nicht die der Fantasie und Kreativität.
Grenzenloser Machbarkeitsglaube
Im Silicon Valley hat man zur Überhöhung dieses Kontrolldenkens einen Begriff entwickelt: Effective Altruism, also „effiziente Selbstlosigkeit“. Darin steckt die These, dass es zuerst die entfesselte Freiheit braucht, um grenzenlos Geld zu verdienen. Erst dann kann man dieses Kapital in die Weiterentwicklung der Menschheit stecken – und es ohne umständliche Debatten dorthin lenken, wo man es für richtig hält. Man hat ja durch das eigene Geldverdienen bewiesen, wie effizient man die Dinge anpackt.
Nur das Ich zählt
Oft wird auch vergessen, wie tief die Anfänge des Silicon Valley im Selbstverwirklichungskult der Hippiezeit im San Francisco der 1960er Jahre wurzeln. Der verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs beispielsweise war stark von dieser Kultur geprägt. Und diese Egozentrik hat in Gestalt des Tesla-Entrepreneurs Elon Musk ihre extremste Ausprägung gefunden. Figuren wie Jobs, Musk oder Mark Zuckerberg von Facebook inszenieren sich als Propheten. Wer einmal auf Tech-Kundgebungen war, der erkennt Parallelen zu religiösen Erweckungsveranstaltungen. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Kult der „großen Männer“. Frauen sind in den Führungsetagen der Tech-Visionäre immer noch stark unterrepräsentiert.
Kein liberales, sondern ein libertäres Weltbild
Deswegen ist es ein Missverständnis, wenn man bei oberflächlicher Betrachtung glauben könnte, das Tech-Milieu sei im Sinne von progressiven oder emanzipatorischen Ideen liberal. Das Menschenbild driftet eher ins Libertäre: Es ist eine Philosophie, die in der individuellen Freiheit den höchsten Wert sieht – und darin auch elitäre und antisoziale Züge hat. Dass Elon Musk inzwischen auch wegen seiner von ihm ganz libertär dem digitalen Mob ausgelieferten Plattform X, dem einstigen Twitter, zum Sprachrohr eines aggressiven rechten Weltbildes wurde, ist nur folgerichtig. Der Übermensch – durchaus im Sinne des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche – ist die Vision. Technologien wie die Künstliche Intelligenz sind dabei das Werkzeug, um menschliche Möglichkeiten zu multiplizieren. Wohlgemerkt: für diejenigen, welche diese Technologie zu beherrschen vermögen.
Die Mensch-Maschine als Vision
Das von einigen Größen im Valley geradezu manisch verfolgte Ziel der Lebensverlängerung ist ein Symbol für diesen Perfektionierungswahn. Das sich in die Ewigkeit verlängernde Ich wird zum höchsten Ziel. Am Ende steht der Cyborg, ein Wesen, bei dem Technologie und Biologie fusionieren.
Wenn also diese Technologiepropheten behaupten, die Gefahren, die etwa von KI ausgehen, fest im Blick zu haben, muss man genau hinschauen. Es geht hier weniger darum, die Gesellschaft zu schützen, sondern darum zu verhindern, dass womöglich selbst die Digitalelite die Kontrolle verliert. Auch hier ist es wieder Elon Musk, bei dem man dies klar erkennt: Er warnt mit am lautesten vor einer möglichen Machtübernahme durch die Künstliche Intelligenz, der sogenannten Singularität.
Zur Verantwortung zwingen
Der Glaube, es gäbe in der Digitalwelt die reale Chance zur Selbstregulierung, ist naiv. Seitdem im Jahr 1969 die erste Internetnachricht verschickt wurde, sind Politik und Gesellschaft immer hinterhergehechelt. Dazu passt symbolisch, dass die „Washington Post“ berichtet, Büros der US-Behörde, welche die KI überwachen soll, seien wegen undichter Dächer, Schimmel und Stromausfällen unbenutzbar. Man hat kein Geld. Immerhin hat das EU-Parlament jetzt grünes Licht für schärfere KI-Regeln gegeben.
Viel zu oft kreisen aber die Debatten um die Frage, was die Technologie mit uns macht. Viel zu wenig redet man über die Menschen dahinter. Doch Entwickler und Unternehmer müssen herunter von ihrem selbst errichteten Podest. Sie müssen politisch, regulatorisch und durch öffentlichen Druck zur Verantwortung erst gezwungen werden. Dass die Profiteure der neuen Technologien das als Fortschrittsverweigerung geißeln, gehört dazu. Neue Technologien lassen sich in der Tat nicht blockieren. Aber das ist gar nicht das Ziel. Doch was wirklich das Wohl der Menschheit ist, das die Tech-Elite angeblich im Blick hat, kann nur die Gesellschaft als Ganzes bestimmen. Im demokratischen Diskurs.