Stuttgart - Wenn Dana morgens aufwacht, ist sie sehr müde. So sieht sie auch aus: Um ihre Augen haben sich dunkle Schatten gebildet. Auf die Frage, ob sie denn gut schläft, schüttelt das Mädchen den Kopf. „Nicht so gut“, sagt sie schüchtern. Doch warum das so ist, kann sich die Neunjährige nicht erklären. Es sind die Eltern, denen Danasunruhiger Schlafaufgefallen ist. Und nicht nur sie, auch ihr jüngerer Bruder Hasan schläft keine Nacht durch. „Die Kinder atmen nicht so gleichmäßig“, sagt der Vater.
So wie den Geschwistern, deren richtige Namen nicht genannt werden, ergeht es vielen Tausend Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Experten gehen davon aus, dass etwa 20 bis 37 Prozent aller Kinder an Schlafstörungen leiden: Sie schlafen schlecht ein, schrecken dann immer wieder aus dem Schlaf hoch und finden dann nicht mehr zur Ruhe.
Von einer Störung sprechen Ärzte erst, wenn der Schlafmangel Kindern zu schaffen macht
Damit sind nicht etwa die typischen Ein- und Durchschlafproblemevon Kindern gemeint, die in bestimmten Alters- und Entwicklungsphasen immer wieder zeitweise auftauchen, sagt Markus Blankenburg, Ärztlicher Direktor der Pädiatrischen Neurologie, Psychosomatik und Schmerztherapie des Olgahospitals am Klinikum Stuttgart. Hier, in der Schlafambulanz des Klinikums, kümmert man sich um die Kinder, denen das Schlafdefizit körperlich und psychisch zu schaffen macht: Das sind Kinder, die ständig müde oder gereizt sind, sich nicht konzentrieren und manchmal auch hyperaktiv wirken können.
In den vergangenen Jahren haben Ärzte und Psychologen begonnen, kindliche Schlafstörungen zunehmend wissenschaftlich zu erforschen. Daher weiß man, dass gerade die Ruhephase für die kindliche Entwicklung und das Immunsystem besonders wichtig ist. Andernfalls steigt das Risiko für psychische und wahrscheinlich auch für entzündliche Erkrankungen. Obendrein sind die ruhelosen Nächte auch für die Eltern belastend: So wurde in Studien festgestellt, dass Eltern von Kindern, die Schlafstörungen haben, deutlich häufiger körperliche, emotionale und soziale Probleme haben als Eltern gesunder Kinder. Das gelte auch für die Geschwister, die oft im selben Zimmer schlafen.
Etwa 50 Schlafstörungen sind bei Kindern bekannt
Umso wichtiger ist die Suche nach den Ursachen: Etwa 50 Schlafstörungen sind bekannt. Die gute Nachricht: Die meisten könne man gut behandeln. Häufig bekommt das Kind im Liegen schlecht Luft, weil beispielsweise vergrößerte Rachenmandel den Atemstrom behindern. „Um das zu beheben, reicht schon eine kleine Operation“, sagt Blankenburg. Bei Kindern mit neurologischen Erkrankungen funktioniert der Schlaf-Wach-Rhythmus nicht so wie bei Gesunden. Diese Fehlregulation kann mit Medikamenten behandelt werden. Manchmal sind auch Hyperaktivität und psychische Erkrankungen der Grund: Wer hyperaktiv ist, kommt auch am Abend nur schlecht zur Ruhe. Ähnlich ergeht es Kindern mit chronischen Schmerzen.
Dana und Hasan sind indes ein Sonderfall im üblichen Betrieb des Schlaflabors: Beide haben einen seltenen Gendefekt, das sogenannte Hutchinson-Gilford-Syndrom (HGPS). Es lässt die Kinder frühzeitig vergreisen. Sie müssen daher schon im Grundschulalter gegen Krankheiten behandelt werden, die normalerweise erst im hohen Alter auftreten wie Gelenksteifigkeit, Arthrosen oder Gefäßverengungen. „Dieser schnell ablaufende Alterungsprozess hat auch zur Folge, dass sich die Atemwege erst gar nicht richtig entwickeln“, sagt die Oberärztin Sarah Braun, die beide Kinder in der Schlafambulanz betreut. Fraglich bleibt, wie stark das sowieso schon geschwächte Herz und das Gehirn leiden, wenn die beiden nachts nicht gut Luft holen können.
Im Schlaflabor des Klinikums können pro Jahr rund 180 Kinder untersucht werden
Das sollen nun Sonden, Sensoren und Infrarotkameras im Schlaflabor des Klinikums klären, das im April den Betrieb aufgenommen hat. Dort können pro Jahr rund 180 Kinder untersucht werden. Es ist eine der wenigen Einrichtungen bundesweit, in denen Ärzte den Schlummer der Kleinsten überwachen können (siehe Info).
Dana hat schon ihren rosa Schlafanzug an. Sie lässt sich ein Kästchen mit einem halben Dutzend Kabeln umschnallen: Eines wird an der Nase angebracht, um den Atemfluss zu messen, ein anderes überwacht den Puls, wieder ein anderes die Sauerstoffsättigung im Blut. Es gibt ein Mikrofon, das die Schnarchgeräusche aufnimmt, und einen Sensor, der aufzeichnet, wie sich der Brustkorb hebt und senkt. Und über dem Krankenhausbett wacht eine Kamera, die per Infrarot jede Bewegung des Mädchens aufzeichnet. Auch Hasan wird so überwacht werden. Doch der Fünfjährige tut sich noch schwer mit all dem elektronischen Gerät. Weinend klammert er sich an seine Mutter, die im Nachbarbett schlafen wird.
Die Nachtschwester kontrolliert im Stundentakt die Werte
Es ist 22 Uhr, bis auch im Zimmer von Dana und Hasan endlich Ruhe eingekehrt ist. „Dass man hier die erste Nacht schlechter schläft, ist ein Stück weit normal“, sagt Blankenburg. „Fremde Umgebung, die ganze Technik, nicht das eigene Bett.“ Doch die Erfahrung der Mediziner zeigt, dass die Patienten sich recht schnell an die neue Umgebung gewöhnen. Zwei Nächte reichen im Schlaflabor meist aus, um die notwendigen Daten zu erhalten. Auch die Nachtschwester, die im Stundentakt von einem Monitor im Gang aus kontrolliert, ob alle Werte aufgezeichnet werden, nickt zufrieden. Keine Sonde hat sich gelöst, die Kinder schlummern.
Am nächsten Morgen, während die Kinder auf der Station schon ihren Frühstückskakao trinken, wertet Sarah Braun die Daten der beiden Geschwister aus. Sie weiß nun, was den Kindern für eine gute Nacht fehlt: genügend Sauerstoff. „Der Sättigungsgrad im Blut ist extrem nieder.“ Die Kinder werden eine Operation brauchen, um im Kiefer- und Rachen-Raum mehr Platz zum Luftholen zu schaffen. „Bei diesem Gendefekt ist ein solcher Eingriff typisch“, sagt Blankenburg. Aber an sich ist das Leiden der Kinder ein Spezialfall.
Vielen Kindern ist schon mit Einschlafritualen geholfen
Nicht immer brauchen die ruhelosen Patienten von Blankenburg medizinische Hilfe, um die Grunderkrankung zu behandeln, die die Schlafstörungen verursacht. „Vielen Kindern ist schon mit einfachen Einschlafritualen geholfen“, so der Experte. Wichtig ist aber, dass die Schlafprobleme rechtzeitig erkannt und behandelt werden. So besteht in den meisten Fällen eine gute Chance, dass der Wunsch „Schlaf gut!“ sich auch jede Nacht erfüllt.