Rabeneltern, wer sein Kind zu früh in einer Kita anmeldet. Rabeneltern auch, wer sein Kind erst später anmeldet. Zwei Expertinnen erklären, worauf es beim Besuch einer Kita wirklich ankommt.

Gefühlt vor wenigen Tagen erst haben sie das Licht der Welt erblickt, und plötzlich schon steht der erste Tag im Kindergarten an: Für Kinder beginnt damit ein neuer Lebensabschnitt.

Glücklicherweise können Eltern vieles tun, um den Nachwuchs auf diesen Meilenstein bestmöglich vorzubereiten und ihnen den Start zu erleichtern. Viele Eltern sind sich zunächst nicht sicher, ab welchem Alter Kinder überhaupt eine Kindertageseinrichtung besuchen sollten.

Wann ist der richtige Zeitpunkt

Die analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Gisela Geist plädiert dafür, die Kinder erst nach dem dritten Geburtstag in die Kita zu bringen. „Die Basis für den Aufbau einer stabilen Persönlichkeit ist in den ersten drei, ganz besonders den ersten zwei Lebensjahren abhängig von stabilen Beziehungen zu wenigen vertrauten, verlässlichen, einfühlsamen, erwachsenen Bindungspersonen. Das ist die beste Vorbereitung für die Kita und später für die Schule“, sagt die Stuttgarter Psychologin.

Heike Fink, Dozentin im Studiengang „Bildung und Erziehung in der Kindheit (Kindheitspädagogik)“ an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg, sieht dagegen die Bereitschaft für den Übergang in eine außerfamiliäre Betreuung unabhängig des Alters und möchte sich nicht auf ein bestimmtes Alter festlegen, ab dem ein Kind für die Kita bereit ist. Sie beruhigt: „Man traumatisiert Kinder nicht durch eine frühe außerfamiliäre Betreuung.“

Es kommt auf den Rahmen an

Als Rabenmutter oder schlechter Vater müsse sich kein Elternteil fühlen, wenn er oder sie schnell wieder in den Beruf zurückkehren wolle oder müsse. Wichtiger als das Alter des Kindes sind für Fink, dass die pädagogischen und strukturellen Rahmenbedingen der Einrichtung stimmen.

Vorausgesetzt, dass die Einrichtung in der Lage ist, kindliche Bedürfnisse und Bildungsprozesse zu beobachten, zu interpretieren und dementsprechend mit den Kindern zu arbeiten. „Dies steht und fällt für mich mit der Qualität der Einrichtung, die sich aus professionell handelnden Pädagoginnen und Pädagogen und strukturell und konzeptionell angemessenen Rahmenbedingungen zusammensetzt“, sagt Fink.

Die pädagogischen Fachkräfte sollten eine entsprechende Qualifikation vorweisen können und das natürlich auch umsetzen können. „Wenn ich eine Krippe habe, in der professionell handelnde PädagogInnen sind, dann kann ich ein Kind auch mit ein paar Monaten guten Gewissens in eine Krippe bringen.“ Die studierte Kindheitspädagogin und staatlich anerkannte Erzieherin betont zudem, dass Kinder nahezu von Geburt an andere Kinder brauchen, um voneinander zu lernen.

Kinder lernen voneinander

„Auf einer symmetrischen Ebene können Kinder Bildungs- und Entwicklungsprozesse ko-konstruieren, was mit uns Erwachsenen auf diese Weise oftmals gar nicht möglich ist“, sagt Fink. „Wenn Kinder unter ihresgleichen sind, dann müssen sie nicht wie Erwachsene so tun, als ob sie sich in jemand reindenken, sondern sie interagieren auf einer gleichwertigen Ebene.“

Dies spreche aus ihrer Sicht dafür, dass die Kleinen relativ früh in Kindertageseinrichtungen gehen sollten, um ihnen diese Peer-Interaktionen zu ermöglichen. Und diese Qualität muss vorhanden sein, denn für das Kind beginnt eine wichtige und entscheidende Etappe in seiner Bildungsbiografie. „Denn Kindertageseinrichtungen sind Bildungsinstitutionen und keine Bewahranstalten“, betont Fink.

Eine Umstellung für Eltern und Kind

Ist es schließlich so weit, dass man einen Platz bekommen hat, sollte die Eingewöhnung so gestaltet werden, dass die Kinder gerne und auf der Basis sicherer Beziehungen auch ohne ihre Eltern in der Kita bleiben. Der Übergang in die Kindertageseinrichtung falle leichter, wenn sie dort schon Kinder kennen oder ihre/ihren BezugserzieherIn im Vorfeld kennengelernt haben, so Geist. Wenn die Kleinen zuvor bereits die Räumlichkeiten besucht haben, könne dies ebenfalls hilfreich sein.

Gleichzeitig bedeutet der Start auch für die Eltern eine Umstellung. Sie müssen kleine Langschläfer nicht nur früher wecken, sondern sich auch daran gewöhnen, ihre Töchter oder Söhne zum ersten Mal in fremde Hände zu übergeben. Manchen falle das nicht leicht.

Psychosozialen Stress vermeiden

„Die Eltern sind diejenigen, die ihr Kind am besten kennen und letztlich die Verantwortung für es tragen“, sagt Gisela Geist. „Trennungs- und Verlassenheitsängste gehören zum schlimmsten psychosozialen Stress für Kinder. Auch kann dadurch das Vertrauensverhältnis zu den Eltern gestört werden.“

Fink ist ebenfalls davon überzeugt, dass den Kindern die Eingewöhnung erleichtert wird, wenn die Eltern am Anfang dabei sind. „So können sie den Beziehungsaufbau des Kindes zu den Fachkräften begleiten - als sichere Basis und um ihnen eine Brücke in die Kita zu bauen“, sagt die 54-Jährige.

Auf Kinder und Bauchgefühl hören

Für Erziehungsberechtigte, die unschlüssig sind, wann und ob ihre Kinder eine Kita besuchen sollten, ist es ratsam, sich über Betreuungsmöglichkeiten zu informieren, da diese einen wichtigen Beitrag zur frühkindlichen Bildung leisten können.

Letztendlich treffen Eltern die Entscheidung jedoch allein; keiner sollte sich- falls es die Lebensumstände zulassen- unter Druck gesetzt fühlen, sondern auch hier stets die Bedürfnisse des eigenen Kinds im Blick haben. Und auch auf das Bauchgefühl hören.