Kinokritik zu Transit Nur als Durchreisende geduldet

Von Bernd Haasis 

Wir alle könnten Flüchtlinge sein: Christian Petzold hat Anna Seghers’ Exilroman „Transit“ verfilmt – mit Paula Beer und Franz Rogowski in den Hauptrollen. Bernd Haasis

Warten in Marseille: Paula Beer und Franz Rogowski in „Transit“ Foto: Christian Schulz 17 Bilder
Warten in Marseille: Paula Beer und Franz Rogowski in „Transit“ Foto: Christian Schulz

Stuttgart - Manch menschliche Aktivität ist reiner Selbstzweck, Flucht nie – ihr gehen immer eine Bedrohung oder eine Zwangslage voraus. Wer flieht, lässt Menschen zurück, eine Einbettung in Vertrautes, Besitz. Nur Habseligkeiten bleiben, ein Foto, ein Ring, ein Brief – und der Wunsch, irgendwo anzukommen.

Die Autorin Anna Seghers hat dieses In-der-Luft-hängen in ihrem autobiografisch gefärbten Exilroman „Transit“ (geschrieben 1941/42) präzise skizziert. Die Bücher der bekennenden Kommunistin die mit einem Ungar jüdische Abstammung verheiratet war, landeten auf dem brennenden Stapel, mit dem die Nazis 1933 einen totalen Abbruch der deutschen Kultur einleiteten. Über Paris und Marseille rettete sich Seghers samt Familie nach Mexiko.

Die Grundzüge hat der Regisseur Christian Petzold übernommen in seiner Verfilmung – das Geschehen aber in eine Gegenwart verlegt, in der massenhaft Flüchtlinge Schutz suchen, auf deren Rücken Rechtspopulisten versuchen, alte Rassismus wieder salonfähig zu machen.

Existenzen im Wartestand

Der deutsche Flüchtling Georg (Franz Rogowski) kommt in Paris an den Koffer eines Schriftstellers namens Weidel, der sich umgebracht hat, und nimmt – eher en passant denn vorsätzlich – dessen Identität an. Er reist nach Marseille, wo er wie viele andere auf eine Schiffspassage nach Übersee hofft. Dort trifft er Weidels Frau Marie (Paula Beer), die nichts vom Tod ihres Mannes ahnt und ihn jeden Tag sucht, ­obwohl sie inzwischen mit dem Arzt ­Richard (Godehard Giese) liiert ist. Georg hält sich bedeckt und bald entwickelt sich ein hakeliges Beziehungsdreieck.

Wie Geister warten die Flüchtlinge in Botschaften, Restaurants, Hotelzimmern, ihrer Existenzen beraubt und geduldet nur als Durchreisende mit Aussicht auf Visa, die sie möglichst schnell aus den Augen und aus dem Sinn schaffen sollen. Wie im Roman gibt es einen Erzähler, dessen Identität im Film lange im Dunkeln bleibt. Er rezitiert Anna Seghers’ wohl ­gesetzte Worte über über Loyalität und Hilfsbereitschaft, über Egoismus und Verrat unter Menschen im selben Boot, über Gestrandete, für deren Lebensgeschichten sich niemand interessiert.

Die gespenstische Stilisierung, die Petzolds Filme unterschwellig prägt, entfaltet sich unter der grellen Sonne Südfrankreichs nur schwer. Die untergetauchten RAF-Terroristen in „Die innere Sicherheit“ (2000), die aufstrebende ­Zockerin in „Yella“ (2007), die desillusionierte DDR-Ärztin in „Barbara“ (2012), die Holocaust-Überlebende in „Phoenix“ (2014): In ihnen allen tobt ein Sturm, der ihnen in jeder Sekunde anzumerken ist und der sich nicht selten in deutschem Wetter spiegelt.

Diffuser Faschismus

Dagegen wirkt Franz Rogowskis Georg zunächst seltsam indifferent, er muss erst lernen, inneren Aufruhr zuzulassen, um sich wandeln zu können. Paula Beer dagegen, schon in François Ozon Weltkriegs-Drama „Frantz“ (2016) eine Wucht, macht Marie zu einer anmutig Verzweifelten, die permanent Hochspannung verströmt. Godehard Giese („Im Sommer wohnt er unten“, 2015) gibt Richard die Aura eines zerrissenen Mannes, der sich als Arzt zwar verpflichtet fühlt, Bedürftigen zu helfen, im Ernstfall aber sich selbst der Nächste ist.

Jenseits dieses Dreiecks und des Visa-Roulettes in den Botschaften findet eine Nebenhandlung statt, die in ihrer Gegenwartsnähe eine andere Tonalität einbringt: Der wartende Georg lernt einen arabischstämmigen Jungen kennen, dem er als Ersatzvater ans Herz wächst – den er aber unweigerlich wird im Stich wird lassen müssen. Solche „Aus-aktuellem-Anlass“-Passagen gehen nicht reibungslos zusammen mit den universellen Seghers-Passagen, beide trennt eine erzählerische Lücke.

Der verstorbene Harun Farocki, häufig Petzolds bewährter Co-Autor, hat vor seinem Tod im Jahr 2014 noch einen ersten Entwurf für „Transit“ geschrieben, der 1940 angesiedelt war. Petzold hat sich dann anders entschieden, geht nun aber nicht näher darauf ein, wer genau das eigentlich sein soll, der da Menschen verfolgt und „Säuberungen“ durchführt. Michel Houellebecq ist es in seinem Roman „Unterwerfung“ gelungen, die Schreckensvision einer islamistischen Herrschaft in Frankreich in grusligem Realismus auszumalen; der neue Faschismus bei Petzold wirkt diffus und wenig gespenstisch, die in schlaglichtartigen Szenen einrückende Bereitschaftspolizei wie bei den Randalen am ersten Mai in Berlin. Anzeichen einer martialisch-ideologischen Überzeichnung sind nicht zu ­erkennen – etwas mehr Illusion hätte es hier schon sein dürfen.

In seinen starken Momenten ist „Transit“ dennoch europäische Filmkunst, die nachwirkt – wir alle könnten im Ernstfall diese Flüchtlinge sein. Zurecht setzt Petzold den Marktschreier und Hetzern etwas entgegen, die Gesellschaft und Politik unterwandern mit haltlosen Versprechen und scheinbar einfachen Lösungen.

Transit. Deutschland 2018. Regie: Christian Petzold. Mit Franz Rogowski, Paula Beer. 101 Minuten. Ab 12 Jahren.




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