Kirchenabriss in Stuttgart-Birkach Polen holen gespendetes Kirchenmobiliar

Von  

In wenigen Tagen beginnt der Abriss der Pallotti-Kirche in Stuttgart-Birkach. Doch bevor die Kirche in Einzelteile zerlegt wird, muss sie ausgeräumt werden. Aus diesem Grund sind nun sieben Männer aus Polen mit einem 40-Tonner angerückt.

Die Kirchenbänke aus der Pallotti-Kirche werden knapp 900 Kilometer weit gefahren, um in zwei Kirchen in der Nähe von Stettin aufgestellt zu werden. Foto: Julia Bosch
Die Kirchenbänke aus der Pallotti-Kirche werden knapp 900 Kilometer weit gefahren, um in zwei Kirchen in der Nähe von Stettin aufgestellt zu werden. Foto: Julia Bosch

Birkach - Draußen tobt der Regen, es ist ungemütlich, grau und kalt. Die sieben polnischen Männer in Arbeitshosen, Flanellhemden und Fließpullovern lassen sich davon nicht beirren: Nach und nach tragen sie eine Kirchenbank nach der anderen aus der Pallotti-Kirche und laden sie auf den 40-Tonnen-Lastwagen. Drinnen kann Jaroslaw Michalak die Tränen nicht zurückhalten. Immer wieder muss sich der Mesner der katholischen Kirchengemeinde Sankt Antonius über die Augen wischen, wenn er die Worte des polnischen Pfarrers Maciej Pliszka übersetzt. „Der Altar ist so viel wert für uns, der ist unbezahlbar“, sagt er. Daran hakt es nämlich noch: Den knapp acht Tonnen schweren Altar bekommen die Männer nicht einfach so herausgebaut. Doch von Anfang an.

Mitte Oktober wurde die Vinzenz-Pallotti-Kirche im Birkacher Norden entweiht. In wenigen Tagen rückt die Abrissfirma an, dann wird die Kirche in Einzelteile zerlegt, die Überreste werden abtransportiert. Auf dem Gelände plant das Siedlungswerk ein Wohnquartier für Familien, Studenten und Flüchtlinge. Doch bevor die Bauarbeiter ihre Arbeit aufnehmen, muss die Kirche leer geräumt werden. Die Orgel wird in die neu gebaute Kirche Sankt Peter in Bad Cannstatt umgezogen, einige Glasfenster sollen sich in den künftigen Häusern des Siedlungswerks wiederfinden. Das restliche Mobiliar geht an zwei Kirchen, die zu der finanziell knapp ausgestatteten polnischen Gemeinde Korytowo (nahe Stettin) gehören: Die Gemeinde, die knapp 900 Kilometer entfernt von Stuttgart liegt, übernimmt Kirchenbänke, Altar, Kanzel, Kreuz sowie einige Glasfenster.

Polnische Kirchen sind renovierungsbedürftig

Die Verbindung zu den Polen hat der Mesner Jaroslaw Michalak hergestellt. „Wir haben ein halbes Jahr lang nach einer Gemeinde gesucht, die das gesamte Mobiliar auf einmal nimmt. Viele wollten nur einzelne Möbel, aber es war uns wichtig, dass die Pallotti-Kirche irgendwo weiterlebt“, sagt er. Der gebürtige Pole erfuhr schließlich von einer Freundin, Agnieszka Nawrocka, die in Birkach lebt und aus Korytowo stammt, dass die Gemeinde dort sehr arm ist: „Ich war selbst vor Ort: Die Möbel sind völlig spartanisch, die Kirchen stark renovierungsbedürftig.“

Aus diesem Grund hat sich nun eine Delegation aus Polen auf den Weg nach Stuttgart gemacht, um die Möbel abzuholen. Um Mitternacht kam der Pfarrer Pliszka mit sechs Helfern in Birkach an. „Am nächsten Morgen um 6 Uhr begannen sie mit der Arbeit“, berichtet der Hohenheimer Pastoralreferent Odilo Metzler. Dass die Birkacher ihr Kirchenmobiliar der polnischen Gemeinde spenden, ist für Letztere ein Glücksfall. „Die Gemeinde hat nun sogar auch staatliche Unterstützung für die Renovierung der Kirchen erhalten“, sagt Michalak. Im Spätsommer 2019 soll in den beiden Kirchen alles fertig sein, dann steht ein großes Fest an.

Notfalls muss ein Kran den Altar anheben

Zu diesem Fest wollen auch Vertreter der Gemeinde Sankt Antonius kommen – darunter der Pastoralreferent Metzler. Für ihn ist die Ausräumaktion der Polen sichtbar weniger emotional als für den Mesner Michalak; er verfolgt das Geschehen mit einem Lächeln: „Für mich ist es schön, dass die Sachen aus der Pallotti-Kirche gebraucht werden“, sagt er. „In Polen kommt es immer wieder vor, dass die Kirchen kein Geld für die Innenausstattung haben. Es freut uns, helfen zu können.“

Bevor in wenigen Tagen der Schlüssel der Pallotti-Kirche an die Abrissfirma übergeben wird, muss noch eine Lösung für den knapp acht Tonnen schweren Altar gefunden werden. „Dafür brauchen wir spezielle Geräte, den bekommen wir nicht einfach so ausgebaut“, sagt der polnische Pfarrer Pliszka. Es wird aber deutlich, dass die Gemeinde dem Altar eine hohe Bedeutung zuschreibt; beim Übersetzen kullern erneut die Tränen von Jaroslaw Michalak. Odilo Metzler beruhigt: „Ich spreche mit der Abrissfirma. Vielleicht kann man den Altar mit einem Gabelstapler anheben und über Schienen hinaus transportieren. Und notfalls organisieren wir einen Kran.“

Sonderthemen



Unsere Empfehlung für Sie