Klimawandel Das sind die größten CO2-Schleudern im Land

Der größte CO2-Emittent in Baden-Württemberg ist das Steinkohlekraftwerk in Mannheim. Foto: imago/Ulrich Roth/Ulrich Roth, www.ulrich-roth.com

CO2 beschleunigt den Klimawandel. Einige der größten CO2-Verursacher in Baden-Württemberg stehen in der Region Stuttgart, zum Beispiel Mercedes-Benz und zwei Kraftwerke der EnBW. Was tun sie, damit es besser wird?

Digital Desk: Chiara Sterk (chi)

Man kann ein Großkraftwerk in Mannheim betreiben oder eine Million Mal in die Karibik fliegen – die Menge an ausgestoßenem CO2 ist die gleiche. An keinem Ort in Baden-Württemberg wurde im Jahr 2021 mehr Kohlendioxid (CO2) ausgestoßen wie in dem von der Autobahn A6 aus weithin sichtbaren Steinkohlekraftwerk.

 

Fünf Millionen Tonnen des klimaschädlichen Gases entweichen jedes Jahr durch die riesigen Schlote der direkt am Rhein gelegenen Anlage. Im bundesweiten Vergleich steht das Großkraftwerk auf Rang zehn. Platz eins belegt das RWE-Braunkohlekraftwerk in Grevenbroich (Nordrhein-Westfalen) mit mehr als 22 Millionen Tonnen CO2 – das ist so viel wie Berlin und ganz Luxemburg zusammengerechnet im Jahr verursachen. Das zeigen Daten der Europäischen Umweltagentur, die unsere Zeitung in einer Kooperation mit Correctiv.Lokal und Correctiv.Europe ausgewertet hat.

Die Karte zeigt die größten CO2-Emittenten in Baden-Württemberg:

Nicht nur Kraftwerke wie in Mannheim, Karlsruhe, Heilbronn oder Altbach (Kreis Esslingen) stoßen enorm viel CO2 aus. Auch Raffinerien, Kalk- und Zementwerke, Futtermittel- sowie Papierfabriken liegen bei den Emissionen weit „vorn“ – ebenso wie das Mercedes-Benz-Werk in Sindelfingen (Platz 16). Insgesamt liegen 26 Standorte über dem von der EU festgelegten Schwellenwert von einhunderttausend Tonnen pro Jahr und müssen deshalb ihre Werte melden. Zum Vergleich: So viel CO2 würde ausgestoßen, wenn alle Einwohnerinnen und Einwohner von Stuttgart die rund 3400 Kilometer mit dem Auto zum Nordkap und zurück fahren.

Wie viel Treibhausgase Industrie und Kraftwerke ausstoßen

Mit 22 Millionen der insgesamt 64,9 Millionen Tonnen stoßen die Großemittenten knapp ein Drittel aller CO2-Emissionen in Baden-Württemberg aus. Alle Fabriken, Kraftwerke und sonstigen Einrichtungen, die weniger als hunderttausend Tonnen im Jahr emittieren, tauchen in der Liste nicht auf.

CO2 macht laut Umweltbundesamt rund 89 Prozent aller in Deutschland emittierten Treibhausgase aus. Etwa ein Fünftel wird in der Industrie freigesetzt. 2022 wurde weniger CO2 ausgestoßen als im Vorjahr – allerdings nicht in der Energiewirtschaft, weil infolge des Ukrainekriegs Kohlekraftwerke stärker genutzt wurden.

Diese Grafik zeigt, welche Sektoren am meisten CO2 in Baden-Württemberg ausgestoßen haben:

Die EU-Emissionsstatistik setzt sich von Jahr zu Jahr unterschiedlich zusammen. Erst seit 2020 liegt das Restmüllheizkraftwerk in Böblingen über dem europäischen Schwellenwert. Frank Schumacher, Geschäftsführer vom Zweckverband Restmüllheizkraftwerk Böblingen, erklärt sich das so: „Die Anlagen sind nicht durchgehend in Betrieb, sondern so, wie eben Müll anfällt.“ Und führt die schwankenden Zahlen zudem darauf zurück, dass sich die Abfälle hinsichtlich ihres Mineralien- und Kohlenwasserstoffgehalts unterscheiden. Schumacher betont, dass das Restmüllheizkraftwerk zur kritischen Infrastruktur zähle und daher von der Berichtspflicht befreit sei, man die Emissionen jedoch transparent mache.

Emissionen von Mannheimer Kraftwerk und Kraftwerken der EnBW sind angestiegen

Mehr CO2 als noch im Vorjahr haben zuletzt das Großkraftwerk in Mannheim sowie die Dampf- und Heizkraftwerke der EnBW in Karlsruhe und Heilbronn ausgestoßen. Adrian Bolz, Pressesprecher von der EnBW erklärt die gestiegenen Emissionen so: „Beim Anstieg vom Jahr 2020 aufs Jahr 2021 handelt es sich unter anderem um einen Corona-Effekt. Während der Pandemie wurde insgesamt weniger Energie verbraucht.“ Zudem liege es daran, dass die Gaspreise Ende 2021 stark gestiegen seien, weshalb mehr Kohle zur Energieerzeugung zum Einsatz gekommen sei. Das habe dazu beigetragen, die Gasspeicher wieder zu füllen und eine Gasmangellage abzuwenden. Ein weiterer Grund sei, dass die Kohlekraftwerke verstärkt gebraucht wurden, um Schwankungen im Stromnetz auszugleichen.

Die Allmendinger Zementproduktionsfirma Schwenk und der Futtermittelproduzent DSM in Grenzach-Wyhlen haben 2021 dagegen weniger Kohlenstoffdioxid emittiert als im Jahr zuvor.

Das Kraftwerke der EnBW in Stuttgart-Gaisburg schaffte es 2021 unter den EU-Schwellenwert. „Das lag daran, dass die Witterungen milder waren, also weniger geheizt wurde,“ sagt Adrian Bolz von der EnBW.

So wollen die Firmen ihre Emissionen senken

Wie wollen die Firmen ihre Emissionen senken? Beim Müllheizkraftwerk in Göppingen werde mit Photovoltaikanlagen daran gearbeitet, die Energieeffizienz zu steigern, so ein Sprecher. An anderen Standorten werde zudem an einem Verfahren zur Abscheidung von CO2 getüftelt. Im Restmüllheizkraftwerk in Böblingen soll künftig mit dem Bau einer Klärschlammverwertungsanlage und ebenfalls mit einer Anlage zur Entfernung von CO2 aus Abgasen versucht werden, die CO2-Bilanz zu verbessern.

Bei Koehler in Oberkirch soll der Abbau eines Steinkohlekraftwerks und der Bau eines Biomassekraftwerk künftig die Emissionen reduzieren. Die EnBW will bis 2026 das Kohlekraftwerk in Altbach durch ein Gaskraftwerk ersetzen, das sobald möglich mit Wasserstoff und anderen grünen Gasen betrieben werden soll.

Bei Mercedes-Benz in Sindelfingen will man bis 2030 mehr als 70 Prozent des Energiebedarfs in der Produktion durch erneuerbare Energien decken können. Zudem versuche man die Emissionen mithilfe von Elektrofahrzeugen, der Verbesserung der Batterietechnologie sowie dem Einsatz von Recyclingmaterialien und erneuerbaren Energien in der Produktion zu reduzieren.

Daten

Methodik
Die für diese Recherche genutzten Daten stammen von der Europäischen Umweltagentur, die von Correctiv gesammelt und zur Verfügung gestellt wurden. Unsere Auswertung bezieht sich dabei auf die Emissionen der Firmen, die 2021 den europäischen Schwellenwert von 100 000 Tonnen pro Jahr erreicht haben und dementsprechend ihre Emissionen gemeldet haben. Der Wert gilt seit 2006.

Kooperation
Diese Recherche ist Teil einer Kooperation unserer Zeitung mit CORRECTIV.Europe und CORRECTIV.Lokal. Beide Projekte fördern den Lokaljournalismus und stärken somit die Demokratie. Mehr unter correctiv.org/lokal

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