Reicht das Wasser im Südwesten?
Baden-Württemberg ist im Moment noch ein Paradies, was das Trinkwasser anbetrifft. Die Bodenseewasserversorgung (BWV) etwa, sagt deren Sprecherin Teresa Brehme, entnehme nur ganz wenige Prozent jener Wassermenge, die jährlich dem See zufließe: „Das ist weniger, als im Schnitt aus dem See verdunstet“, sagt sie. Das Umweltministerium bestätigt, dass auch alle 142 Grundwasserkörper im Land in einem mengenmäßig guten Zustand seien – lediglich auf der Ostalb oder im Kraichgau gebe es „eine leicht rückläufige Entwicklungstendenz“. Wasser gibt es also genug.
Auch politisch scheint noch fast alles in Ordnung: Die Trinkwasserversorgung ist im Gegensatz zu anderen Bundesländern noch weitgehend in öffentlicher Hand. Private Konzerne sucht man vergebens, von der EnBW einmal abgesehen, die etwa an der Wasserversorgung in Stuttgart oder Esslingen beteiligt ist.
In gesundheitlicher und ökologischer Hinsicht dagegen gibt es durchaus Baustellen. Gerade im Osten des Landes, wo die Landeswasserversorgung (LW) ihr Wasser schöpft, sind teils bedenklich hohe Nitratwerte zu beobachten. In Mittelbaden war jahrelang die Chemikalie PFC ins Trinkwasser gelangt. Und auch Arzneimittelreste und Pestizide werden mittlerweile vielerorts nachgewiesen und müssen aufwendig aus dem Wasser gefiltert werden.
Was ändert sich der Klimawandel?
Doch die Alarmzeichen häufen sich. So standen deutschlandweit im Trockenjahr 2018 lediglich 119 Milliarden Kubikmeter an Süßwasserressourcen zur Verfügung, das sind nur zwei Drittel des üblichen Vorkommens. Und der Dokumentarfilmer Daniel Harrich hat Studien des kanadischen Wissenschaftlers James Famiglietti von der Universität Saskatchewan publik gemacht, der seit 20 Jahren mit Satelliten den Wasserrückgang verfolgt. Danach habe Deutschland seither Grundwasser in der Größenordnung des kompletten Bodensees verloren – neben Niedersachsen seien Bayern und Baden-Württemberg am stärksten betroffen.
Tatsächlich haben die drei Dürresommer 2018 bis 2020 die Grundwasser kräftig schrumpfen lassen, zuletzt stiegen sie zum Glück wieder. Im Land hat sich deshalb eine Erkenntnis durchgesetzt: Gerade in heißen Sommern kann es kritisch werden. Denn dann sinkt das „Dargebot“, wie die Fachleute sagen, dramatisch – und zugleich steigt der Verbrauch, weil etwa Landwirte ihre Felder bewässern und die Industrie noch mehr Wasser zur Kühlung benötigt.
Auch das Umweltministerium warnt: „Klimaprognosen bis 2050 zeigen, dass in manchen Teilen des Landes um bis zu 20 Prozent weniger Grundwasser neu gebildet wird.“ In Summe sei zwar nicht mit einem Versorgungsproblem zu rechnen, aber die zeitlich wie geografisch ungleiche Verteilung werde viele Probleme aufwerfen.
Wie regieren die Wasserversorger?
Viele Wasserversorger haben längst damit begonnen, sich auf diese Situation einzustellen. Sie bauen Stichleitungen zu anderen Wasserunternehmen, damit man sich im Notfall aushelfen kann. Sie planen weitere Filteranlagen, um mehr Wasser aufbereiten zu können. Und sie versuchen, mehr Wasserrechte zu erhalten.
Bei der Landeswasserversorgung enden die bisherigen Wasserrechte 2027 – vor wenigen Tagen hat das Verfahren mit einer Anhörung in Giengen an der Brenz begonnen, diese Wasserrechte nicht nur zu erneuern, sondern auszuweiten. Grundsätzlich gehört das Wasser allen zusammen und zugleich niemandem; konkret wacht aber das Land über die Nutzung, und für größere Mengen benötigt man eine Genehmigung. Bisher besitzt die LV Wasserrechte für 6100 Liter pro Sekunde, die sie allerdings derzeit gar nicht komplett nutzen muss. Nun hält der Versorger es aber als Sicherheitspuffer für notwendig, die Rechte an zusätzlichen 630 Liter pro Sekunde, also rund zehn Prozent, zu erhalten.
Konkret geplant ist schon, alle bestehenden Wasserrechte für die Donau komplett auszuschöpfen – dazu müssen zusätzliche Sand- und Aktivkohlefilter gebaut werden. Daneben gibt es Grundwasservorkommen am Itzelsberger See (Kreis Heidenheim) und bei Gerhausen (Alb-Donau-Kreis), die man gerne stärker nutzen würde als bisher. Der LW-Verbandsvorsitzende Matthias Wittlinger sagte bei dem Auftakt in Giengen: „Wir sind vor allem in Spitzenzeiten im Hochsommer auf jede Ressource angewiesen und brauchen dieses Wasser zukünftig noch dringender denn je.“
Auch am Bodensee gibt es dramatische Veränderungen. Dort hat man Wasserrechte in Höhe von 7750 Litern pro Sekunde. Bisher muss man diese Menge ebenfalls nicht ausschöpfen, doch Teresa Brehme betont, dass „der Bedarf an Trinkwasser steigt und wir jetzt schon im Spitzenbetrieb an der Kapazitätsgrenze laufen.“ Eine Erhöhung der Wasserrechte, die noch bis 2038 laufen, sei deshalb derzeit nicht vorgesehen, aber die bestehende Kapazität müsse stärker genutzt werden. Dazu wird bei Sipplingen im Pfaffental ein weiteres Wasserwerk und ein zweiter Entnahmepunkt aus dem Bodensee gebaut. Die Kosten liegen bei einer dreistelligen Millionensumme.
Wie reagiert die Politik?
Auch die Politik hat sich längst auf den Weg gemacht, Vorsorgepläne zu entwerfen. Schon seit 2019 wird ein „Masterplan Wasserversorgung“ erarbeitet, in dem es darum geht, eine zukunftssichere Versorgung zu etablieren. Allerdings: Das vorhandene Wasser lässt sich nicht vermehren. Neben der Unterstützung der Wasserversorger bei ihren Umbauplänen geht es deshalb vor allem darum, Wasser zu sparen – und zu priorisieren. Wenn es einmal zu einer Knappheit kommen sollte, so habe die Versorgung der Menschen Vorrang vor der industriellen Nutzung, sagt Bettina Jehne vom Umweltministerium. Demnächst will das Ministerium auch eine Strategie gegen Wassermangel ins Kabinett einbringen.
Wird das Wasser bei uns knapp?
Während der Bodensee vorerst nicht leerlaufen wird, nutzt die LW beim Quell- und Grundwasser schon heute 30 bis 50 Prozent des Dargebots, je nach Quelle oder Brunnen. Der bundesweite Durchschnitt liegt laut dem Umweltbundesamt dagegen nur bei 13,3 Prozent – und die Behörde postuliert eine „Wasserstressmarke“ von 20 Prozent. Im Osten des Landes wird also schon heute sehr viel Wasser entnommen. Man muss aber dazu sagen, dass auch in Deutschland die Entnahme noch in den 1990er Jahren bei 25 Prozent lag; seither ist sie deutlich gesunken.
Dietrich Borchardt, Hydrobiologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Magdeburg, betont jedenfalls: „Der Schutz der Wasserressourcen zur Trinkwassergewinnung hat eine ebenso große Bedeutung wie die Sicherung der Versorgungsinfrastrukturen.“ In den vergangenen fünf Jahrzehnten, vor allem in den 2010er Jahren, sei bundesweit festzustellen, dass vermehrt extrem niedrige Grundwasserstände aufgetreten seien und Quellen nur verhältnismäßig wenig Wasser gehabt hätten.
Welche Folgen hat die Knappheit?
Das Versiegen von Quellen könnte also zu Verteilungskämpfen führen – und es könnte ökologische Folgen für Tiere und Pflanzen haben. Der LW-Sprecher Bernhard Röhrle beruhigt: Selbst in Spitzenzeiten würden nur zwei Prozent des Donauwassers entnommen. Und das Umweltministerium sagt, dass es schon jetzt möglich sei, die Wasserentnahme zu beschränken, wenn eine Gefahr für die Fauna und Flora bestehe.
Viele Bürger sind dagegen skeptisch. Wenn Bäche austrockneten, verschwinde dort die komplette Artenvielfalt. Vor allem aber seien die Auswirkungen des Klimawandels in den jetzigen Gesetzen noch gar nicht berücksichtigt, weshalb heute oft Genehmigungen erteilt würden, die man perspektivisch nicht mehr vergeben sollte. So argumentieren etwa die Bürgerinitiativen in Vittel und Lüneburg. In Baden-Württemberg dagegen gibt es bisher keinerlei Proteste und keine Kritik.
Bernhard Röhrle betont: „Wir wollen das Verfahren nicht möglichst schnell durchpeitschen, sondern das Wasser auch für die Zukunft sichern.“ Bei jeder Verlängerung der Wasserrechte würden alle Auswirkungen auf die Umwelt genau geprüft, am Ende entscheide das Regierungspräsidium Stuttgart.
Steigt der Preis fürs Trinkwasser?
Das wird auf jeden Fall so sein, denn die hohen Investitionen der Wasserversorger werden an die Endkunden weitergegeben. Derzeit verkaufen LW und BWV einen Kubikmeter Wasser (1000 Liter) für rund 60 Cent an die Gemeinden – in den nächsten 15 Jahren könnte sich der Preis um 25 Cent, also um 40 Prozent, erhöhen, schätzt Bernhard Röhrle. Wenn die Stadtwerke, mit denen die meisten Menschen ihren Vertrag haben, diese Kosten weitergeben würden, stiege der Preis um etwa zehn Prozent. Im Schnitt zahlt der Endverbraucher heute etwa 2,80 Euro für den Kubikmeter Trinkwasser.
Öffentliche Trinkwasserversorger bekommen das Nass übrigens kostenlos. Aber dieses „Geschenk“ kommt zumindest auch den Bürgern zugute, weil so ihr Endpreis geringer bleibt.
Woher kommt das Wasser in Deutschland?
Herkunft
In Deutschland stammen fast 70 Prozent des Trinkwassers aus Quell- und Grundwasser, nur 13 Prozent werden aus Seen und Flüssen entnommen. In Baden-Württemberg ist das etwas anders: Hier stammen durch den Bodensee und durch eine hohe Entnahme aus der Donau rund 25 Prozent aus See- und Flusswasser.
Nutzung
Die Süßwasserressourcen in Deutschland betragen laut dem Umweltbundesamt 188 Milliarden Kubikmeter; davon werden lediglich 24 Milliarden Kubikmeter, also 13 Prozent, wirklich genutzt. Überraschenderweise entfallen davon auf das Trinkwasser nur 22 Prozent. Unternehmen der Energieversorgung nutzen dagegen 53 Prozent des entnommenen Wassers, etwa zur Kühlung. Weitere 24 Prozent entfallen auf den Bergbau und das verarbeitende Gewerbe.
Klimawandel
Im Trockenjahr 2018 standen lediglich 119 Milliarden Kubikmeter an Süßwasserressourcen zur Verfügung, also nur zwei Drittel des üblichen Vorkommens. fal