Kolumne aus Ludwigsburg Rockfabrik – wir waren dabei

Die Rockfabrik Ludwigsburg: Die Erinnerungen schmerzen. ) Foto: factum/Simon Granville 30 Bilder
Die Rockfabrik Ludwigsburg: Die Erinnerungen schmerzen. ) Foto: factum/Simon Granville

Nun verschwindet die „Rofa“ in Ludwigsburg auch als Gebäude von der Bildfläche – doch die Erinnerung bleibt, wie unser Autor Peter Meuer schreibt.

Ludwigsburg - Da geht sie hin, die Rofa. Seit die Rockdisco ihre Pforten vor gut einem Jahr geschlossen hat, war sie immerhin noch physisch vorhanden, auch wenn keine Musik mehr durch ihre Hallen schallte. Doch nun das: Bagger, Arbeiter. Umbau. Die Transformation vom Metal-Tempel zum Hochschulstandort hat im März begonnen, ein unwirklicher Anblick. Die Rockfabrik hatte immer etwas Zeitloses, Unzerstörbares mit ihren Ziegeln, Spinnweben, Fratzen, Blitzen. Das Aus-der-Zeit-gefallen-Sein bewahrte sie sich mehr als dreieinhalb Jahrzehnte. Sie passte gut zu einer Szene, die gegen Trends besser immunisiert ist als Biontech-Geimpfte gegen Corona.

Leader, Jeans, Nieten

Mein letzter Rofa-Abend war ein Samstag Ende 2019, es war brechend voll, so voll, wie man sich Rofa-Samstage 30 Jahre zuvor vorzustellen hat. Auch das Publikum sah aus wie anno dazumal. Leder, Jeans, Nieten, Metalshirts. Ein paar Leggins, Lidschatten und Dauerwellen (bei Damen wie bei Herren). Dazu Bier und alte Geschichten. Unter Metal-Fans hat das Vergangene ja stets ein besonderes Momentum. Echt und bedeutsam werden manche Dinge erst, wenn sie vorbei sind, man von ihnen erzählen kann, garniert mit Erinnerungsfetzen zum Anfassen. Der Festivalbecher von 1999. Das Ticket von Iron Maidens Fear-of-the-dark-Tour. Szene-Ruhm erntet nicht nur, wer dabei ist, sondern vor allem auch, wer davon erzählen kann, dass er dabei war.

Nun gibt es auch für Rockfans einen Unterschied zwischen Vergangenheit – und Vergangenheit, die für immer vorbei ist. Es ist eine Sache, von alten Maiden-Touren zu erzählen, und ein wenig stolz darüber zu lamentieren, dass „früher alles besser“ war, während das Ticket fürs nächste Konzert an der Pinnwand hängt. Ganz anders jener Samstag. Während der Geschichten wurde klar: Diese Zeiten sind für immer vorbei. Wehmut schlägt Stolz.

Lesen Sie hier: Teile der alten Rofa werden abgerissen

Zu meinen liebsten Rofa-Abenden gehört jener, als Roberto Blanco mit der Band Sodom die Bühne stürmte und das Publikum zu „Ein bisschen Spaß muss sein“ ausrastete. Ich denke ab und zu auch an Gespräche mit dem Rofa-Geschäftsführer Chris Albrecht zurück, der im Interview schon vor Jahren Gerüchten entgegentrat, der Rofa gehe die Puste aus. Und natürlich an das Bier aus Kunststoff-Krügen. Auch Freunde und Bekannte kennen solche Erinnerungen, oft sind es sehr persönliche Momente und Begegnungen, die man mit der Rofa verknüpft. Ein Kollege erzählte mir vor Kurzem von einem Kumpel, der in der Rockfabrik zum Headbanger des Jahres gekürt wurde. „Wann?“, fragte ich. 1986 sei das gewesen, sagte er und überlegte kurz. „Echt lange her.“

Erinnerungen, die weh tun

Diese Rofa-Erinnerungen tun weh, und das nicht, weil das Bier Kopfweh machte (was es oft tat), sondern weil es keine Chance auf neue gibt. Diese Wehmut schwelte nun ein Jahr lang vor sich hin. Nun meldete sie sich erneut, mit dem Bagger und mit aller Macht. Dass dieser Ort, der sich immer nach Jetzt und Früher zugleich anfühlte – ein heimeliges Gefühl – nun wirklich verschwindet, wurde mir nun erst so richtig bewusst.

Mach es gut, alte Rockfabrik. Wir vergessen dich nicht. Doch auch, wenn die Erinnerungen wehtun: Wir werden immer froh sein, dass wir dabei waren.




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