Kolumne Fallobst Eine Stadt verschwindet in der Versenkung

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Aufgelesen im Kreis: Süßes und Saures. Diese Woche hatte Böblingen einen bedenklichen Fernsehauftritt. Dafür wurde eine Brücke über den großen Graben geschlagen.

Findet Dorie! Foto: Pixar/The Walt Disney Pictures
Findet Dorie! Foto: Pixar/The Walt Disney Pictures

Böblingen - Böblingen ist eine Berühmtheit! Aber leider nur eine traurige. Böblingen hat es zwar ins nationale Fernsehen geschafft, dieses Mal beim Moderatorenduo Joko und Klaas. Groß herausgekommen ist die Stadt dennoch nicht. In ihrer Late-Night-Show „Circus Halligalli“ stellten sie vergangene Woche den Spielfilm „Die Senke – eine Stadt rutscht ab“ vor. „Es ist ein scheinbar gewöhnlicher Montagnachmittag in der schwäbischen Kleinstadt Böblingen, doch dann geschieht das Unfassbare“, erklärte Klaas die Handlung: „Vor dem Eiscafé Venezia tut sich eine gigantische Senke auf, kurz danach versinkt die halbe Innenstadt.“ Ein riesiger Krater klaffte auf dem Foto für das Filmplakat.

Eigentlich eine geschickte Lösung für so manches Problem

Die Böblinger dürfen das aber nicht so negativ sehen. Was wie eine fiese Lachnummer klingt, könnte eigentlich eine geschickte Lösung für so manches Stadtplanungsproblem sein (heruntergekommener Schlossberg, verfallende Einkaufs- und Möbelzentren, verstopfte Straßen). Die Senke böte sich beispielsweise als weiterer See an. Christian Tramitz und Anke Engelke, die als Gäste bei der Show eingeladen ­waren und dabei so tun mussten, als ­würden sie den Film promoten, zählten noch ein paar weitere Vorteile von dem Loch in der Innenstadt auf. „Die Mieten sind günstiger“, sagte der Schauspieler, der mit Anke Engelke zuletzt den neuesten Fischzeichentrickfilm namens „Findet ­Dorie!“ synchronisiert hat. Und der Tourismus sei um 80 Prozent gestiegen. „Da kommen ganz viele Berliner und glotzen sich das an“, ergänzte seine Kollegin, um dann einen abrupten Schlussstrich unter den Sketch zu ziehen: „Über den Film kann man keine Witze machen.“

Eine Brücke mit Symbolcharakter für den Agentenaustausch

Zumal das Szenario gar nicht so unrealistisch ist. Das war wieder am Freitag zu beobachten, als eine Brücke über den großen Graben geschlagen wurde. Eine „Stahl gewordene Verbindung“ nannte Böblingens Oberbürgermeister Wolfgang Lützner den nun eröffneten Steg über den Langen See. Denn genau darunter verläuft die Markungsgrenze im gemeinsamen Stadtteil Flugfeld. Eine „politische Dimension“ wies sein Kollege Bernd Vöhringer dem Bauwerk zu, als hätten die Böblinger und Sindelfinger bisher einen großen ­Bogen um einander gemacht. Tatsächlich gibt es gerade auf dem Flugfeld zwischen beiden Verwaltungen die eine oder andere Dissonanz. Zuletzt war es beispielsweise der weitere Ausbau des Kindergartens auf dem Flugfeld, den Sindelfingen nicht so recht finanzieren will. Das ist in gewisser Weise verständlich, denn genutzt wird das Betreuungsangebot ausschließlich von Böblingern, die am anderen Ufer leben. Vielleicht führt das filigrane Band, das die beiden Städte neuerdings verbindet, zu mehr Austausch zwischen den Rathäusern. Auch in der Geschichte haben sich Brücken schon als äußerst nützlich erwiesen, was sich dann in Zukunft leichter touristisch ausschlachten lässt, als die Sache mit der Senke mitten in der Innenstadt. Die ­Glienicker Brücke hat es immerhin ­geschafft, dass der Eiserne Vorhang ein weniger durchlässiger wurde – und sie ist von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt worden.

Ein gewisser Hang zur Ostalgie macht sich auch an anderer Stelle in Sindelfingen bemerkbar. Im Stadtteil Darmsheim wurde an mehreren Straßen die Geschwindigkeit der Autofahrer überwacht. Und der Ortsvorsteher (Agentenname Big Brother) scheint sich persönlich auf die Lauer gelegt zu haben. Auf Anliegerklagen über Autofahrer, die vor allem nachts mit stark überhöhter Geschwindigkeit durch eine Spielstraße rasen, gab er im Ortschaftsrat sein Wissen preis: „Die Täter sind in aller Regel ihre Nachbarn.“