Kolumne Jörg Scheller Sind Freunde die bessere Familie?
Auf Freunde setzen statt auf Ehe und Familie: Ist das progressive Lebensmodell „Chosen Family“ wirklich eine gute Idee? Unser Kolumnist nimmt es unter die Lupe.
Auf Freunde setzen statt auf Ehe und Familie: Ist das progressive Lebensmodell „Chosen Family“ wirklich eine gute Idee? Unser Kolumnist nimmt es unter die Lupe.
In den sozialen Netzwerken spült es mir seit einigen Wochen Texte über die „Chosen Family“ in die Timelines. Der Anglizismus verweist auf eine Gemeinschaft, deren Mitglieder sich bewusst dafür entscheiden, einander zu lieben und zu unterstützen. Anders als bei Familien, in die man geboren wird oder einheiratet, handelt es sich also nicht um Zufallsgemeinschaften, sondern um Wahlgemeinschaften. Damit verbunden ist eine emanzipatorische Vision. Warum denn nicht „anders“ und „freier“ leben, fragt sich etwa der linksradikale französische Philosoph Geoffroy de Lagasnerie. Und er antwortet: indem man auf Freundschaft statt Ehe und Familie setzt. Das Magazin „Glamour“ geriet ob seiner Vorschläge nachgerade in Verzückung und pries die „Auflehnung gegen gesellschaftliche Konventionen“, um die „oft toxischen Familiendynamiken“ zu überwinden.
Wie viele andere Ideen, die intuitiv einleuchten und begeistern, bedarf auch diese Idee einer kritischen Prüfung. Wir leben in einer Zeit, in der so manch progressives Anliegen ein unfreiwilliges kapitalistisches Eigenleben entwickelt – aus Vielfalt wird Diversity Benchmarking, aus Offenheit neoliberale Brummkreiselei, aus Umweltschutz Greenwashing. So könnte auch der Wunsch nach der „Chosen Family“ nicht in das Elysium einer befreiten Gesellschaft führen, sondern zum Wuchern eines warenförmigen Egozentrismus. Die Möglichkeit, das eigene Umfeld nach Gusto zu kuratieren, könnte der Zusammenstellung eines Subway-Sandwiches ähneln: „Create your own Sub“! Käse-Oregano oder Vollkornbrot? Monterey-Cheddar oder Mix Vegan Slices? Honey & Wholegrain Mustard oder Hickory Smoked BBQ? Nur das, was wirklich zu mir passt, wandert in meinen Magen!
Analog dazu gälte für das eigene soziale Umfeld: „Create your own Fam!“ Nur die, die wirklich zu mir passen, wandern in mein Leben! Demokratiepolitisch ist das heikel. Die „Chosen Family“ würde so zur Ausbreitung selbstgenügsamer Gruppen beitragen und damit zu Entsolidarisierung oder narzisstischer Nabelschau. Denn bei allen Nachteilen, die das überkommene Familienmodell mit sich bringt: Der Umstand, dass man zufällig in eine Familie geboren wird oder „eine Familie heiratet“ statt nur maßgeschneiderte Individuen, bedingt, dass man sich im Alltag mit diversen Menschen auseinandersetzen muss. Da ist die Tante, die mit den Querdenkern liebäugelt. Da ist der Onkel, der findet, die DDR sei doch ganz okay gewesen. Da ist die Mutter, deren Frömmelei nervt. Solche Zufallskonstellationen belasten. Aber sie präparieren auch für den Umgang mit echter Vielfalt statt vervielfältigter Einfalt.