Kolumne Kreis Böblingen Atomendlager im Dornröschenschlaf

Kann auch idyllisch wirken: Atommülllager beim Schacht Konrad Foto: dpa
Kann auch idyllisch wirken: Atommülllager beim Schacht Konrad Foto: dpa

Aufgelesen im Kreis: Süßes und Saures. Diese Woche wünscht sich der Literaturklub Sindelfingen ein Happy End. Und es zeigt sich: Böblingen hat viele überraschende Potenziale.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)
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Sindelfingen - Dem Literaturklub Sindelfingen geht es nicht besser als allen anderen. Auch er darf sich nicht in trauter Runde treffen. Aber dessen Mitglieder können immerhin von einem märchenhaften Happy End träumen – und hoffen darauf, „irgendwann in nächster Zeit von wohlmeinenden Politikern“ aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst zu werden. Allerdings sind die Bücherfreunde gleichzeitig Realisten: In der monatlichen Mail wird dazu aufgerufen, sich mit Geduld zu wappnen und „noch eine Weile in der Erstarrung“ zu verharren, bis der Piks oder die Zahlen oder beides „uns von den pandemischen Schrecken erlösen“.

Aussichtslose Suche nach Endlagerstätten

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass ausgerechnet in diesem Dornröschenschlaf die nicht enden wollende Suche nach einem Atomendlager eine neue Stufe erreicht. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung hat eine Liste der für die Aufgabe grundsätzlich geeigneten Gebiete zusammengestellt – und der Kreis Böblingen gehört dazu. Wer sich noch an die Standortfindung für eine Erddeponie erinnert, kann ungefähr einschätzen, wie aussichtslos die Aufgabe ist. Nicht einmal für Aushub fand sich in der vor fast vier Jahren begonnen Suche ein Plätzchen.

Allerdings hat der Atommüll einen entscheidenden Vorteil: Laut der Liste eignet sich nur der äußerste Westen des Landkreises zwischen Deckenpfronn und Weil der Stadt für die prekäre Angelegenheit. Und damit fällt der größte Widersacher von Endlagerstätten in seinem Wirkungskreis aus. Die Erddeponiesuche hat nämlich vor allem Bernd Vöhringer (CDU) lautstark ausgebremst. Nach „Gutsherrenart“ hätte der Landrat Roland Bernhard den Sindelfinger Stadtwald „im stillen Kämmerlein“ dafür ausgewählt, schimpfte der Oberbürgermeister. Damit stellte er die Tatsachen zwar nicht korrekt dar, aber mit seiner verbalen Piksern erlöste er die Sindelfinger von dem Schrecken.

Auswahlprozess für Atomendlager

Franz Untersteller (Grüne) scheint daraus gelernt zu haben. Der Landesumweltminister verspricht einen nachvollziehbaren Auswahlprozess für das Atomendlager. Dazu soll eine Informationsveranstaltung dienen. Er bekräftigte schon mehrfach, dass es bislang keine Vorfestlegung auf einen Standort gebe, „nicht einmal ansatzweise“. Damit hätte sich Bernd Vöhringer nicht abspeisen lassen. Die Bürgermeister von Deckenpfronn und Weil der Stadt haben allerdings einen kleinen Verwaltungsapparat und deshalb mehr zu tun, als Windmühlen zu bekämpfen.

Apropos! Der Kreis Böblingen hat viele Potenziale: Laut dem Windatlas eignen sich Herrenberg und das Gäu als Standort für Windkraftanlagen. Das müsste eigentlich eine gute Nachricht sein. Vielen Menschen ist es jedoch nach wie vor lieber, irgendwo (nur nicht vor der eigenen Haustüre) Atommüll zu verscharren oder Kohle zu verbrennen, als Windmühlen aufzustellen. Swen Menzel tut zwar so, als würde er nicht dazu gehören. Der Herrenberger CDU-Vorsitzende fordert in einer Mitteilung nämlich ein grundsätzliches Umdenken – und mehr Energie aus unterschiedlichen regenerativen Quellen, „aber weniger ideologische Diskussionen“.

Offshore-Park im Heckengäu

Ein paar Absätze später wird Swen Menzel dann doch recht ideologisch. Denn er rechnet vor, dass der Landesumweltminister in Baden-Württemberg allein 20 000 neue Windkraftanlagen bauen wolle und liefert gleich die Vergleichszahl dazu: In Deutschland sind derzeit nur rund 30 000 solcher Windmühlen in Betrieb. Bilder von Offshore-Parks in der Nordsee tauchen angesichts solcher Zahlen logischerweise vor dem Auge des Lesers auf. Nur dass die wuchtigen Masten nicht weit draußen im Meer sondern in den malerischen Streuobstwiesen des Gäus stehen würden.

Swen Menzel scheint eindeutig von seinem Sindelfinger Parteikollegen gelernt zu haben. Er fordert klare rechtliche Regeln für die Genehmigung von Windrädern und Transparenz. Das klingt als wäre bisher nach Gutsherrenart im stillen Kämmerlein vorgegangen. Aber wohlmeinend sind Politiker eben nur im Märchen und garantiert nicht im Wahlkampf.




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